Die Schachwelt hat mit Magnus Carlsen bekanntlich wieder den absoluten Superstar. Dieser Superstar ist in der Schachwelt populär, was aufgrund seiner Stellung in der Schachwelt nicht verwundern sollte. Er ist aber auch umstritten wegen Persönlichkeitsmerkmalen, die nicht alle gut finden. Auch seinen Stil empfinden einige trotz oder sogar wegen seines kämpferischen Ansatzes als langweilig. Bei Kasparov wurde dieser kämpferische Ansatz noch geschätzt, aber Carlsens Schachstil erscheint manchen Schachfreunden als derart langweilig, daß sie sich das Hinziehen seiner Partien über mehrere Stunden lieber ersparen möchten.Deutschland hat zu seinen Stars grundsätzlich ein äußerst merkwürdiges Verhältnis. So akzeptiert die Mehrheit in Deutschland nur Stars, wenn diese nicht zu erfolgreich sind, persönlich als Vorbilder dienen können, was eine untadelige Lebensweise voraussetzt, und auf jeden Fall bodenständig sind, was heißt, daß sie sich in Ausdruck und Verhalten möglichst wenig von der Masse unterscheiden dürfen. Schon viele Stars aus Deutschland waren im Ausland populärer als in der Heimat, und mit dem Sprichwort, der Prophet gilt nichts im eigenen Land, ist dieses Phänomen nur unzureichend erklärt.Auch wenn Magnus Carlsen natürlich kein deutscher Star ist, sind doch die Erwartungshaltungen, die man in einem deutschsprachigen Schachforum an ihm hat, interessant und können durchaus mit den deutschen Erwartungen und Ansprüchen an einen "eigenen" Star in Verbindung gebracht werden. In diesem Sinne möchte ich z. B. kritisch fragen, was ein Star, abgesehen vielleicht von seiner speziellen Kunst, die er äußerst gut ausführen dürfte, dann überhaupt noch etwas bewunderungswürdiges an sich hat, welche Inspirationen von ihm ausgehen dürften, wenn er, um es provokant zu formulieren, in den Augen der Mehrheit ein langweiliger Biedermann zu sein hat?Dieses erst einmal als einleitende persönliche Gedanken. Nun möchte ich euch fragen, welche Art Mensch ihr gerne als Star sehen würdet und wie dieser Star sich persönlich verhalten sollte, um von euch geschätzt und vielleicht sogar geliebt zu werden. Welchen Schachmeister wünscht ihr euch auf dem Schachthrone?
Beitrag von Kiffing
[QUOTE=Kiffing;21323][...] und mit dem Sprichwort, der Prophet gilt nichts im eigenen Land, ist dieses Phänomen nur unzureichend erklärt.[/QUOTE]Der Prophet gilt nichts im eigenen Land. Wir nehmen diese alte Volksweisheit so hin wie so viele alte Volksweisheiten. Wir denken, einen wahren Kern werden sie irgendwo haben, aber meistens hinterfragen wir sie nicht oder bemühen uns nicht, sie uns herzuleiten bzw. zu versuchen zu erkennen, wie die Menschen damals denn eigentlich dazu kamen, sich diese in den Volksweisheiten verborgenen Erkenntnisse anzueignen. In Goethes historischem Drama Götz von Berlichingen wird solch ein Versuch unternommen. In einem Tischgespräch zwischen einem Bischof, einem Abt, dem Emporkömmling Olearius (der ursprünglich über den wenig gebieterischen Familiennamen Öhlmann verfügte) und dem redegewandten Liebetraut greift letzterer Olearius frech an:[QUOTE]Liebetraut [zu Olearius]: Ihr tatet wohl, daß ihr euch übersetztet. Ein Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande, es hätt euch in seiner Muttersprache auch so gehen könnenOlearius: Es geht nicht darumLiebetraut: Alle Dinge haben ein paar UrsachenAbt: Ein Prophet gilt nichts in seinem VaterlandLiebetraut: Wißt ihr auch warum, hochwürdiger Herr?Abt: Weil er da geboren und erzogen istLiebetraut: Wohl! Das mag die eine Ursache sein. Die andere ist: Weil bei einer näheren Bekanntschaft mit denen Herrn, der Nimbus von Ehrwürdigkeit und Heiligkeit wegschwindet, den uns eine neblichte Ferne um sie herum lügt, und dann sind sie ganz kleine Sümpfchen Unschlitt[/QUOTE]Johann Wolfgang von Goethe, Götz von Berlichingen, Reclam 2005, S. 28Freilich gibt es auch massenhaft Gegenbeispiele auch aus dem Schachbereich. Um nur ein Phänomen zu beschreiben, möchte ich darauf hinweisen, wie solche Schachmeister wie Euwe, Tal, Petrosjan, Carlsen oder Anand in ihren Ländern ungeheuer populär waren bzw. sind und sogar einen Schachboom heraufbeschwören konnten. Insofern erscheint es mir gerade ein sehr deutsches Phänomen zu sein, wie hierzulande mit den eigenen Stars umgegangen wird. Erklärungsansätze sind ein kulturell bedingter Hang zum Perfektionismus sowie eine extreme Neigung zur direkten, oft auch angreifenden Kritik, eine starke Belehrungssucht und ein ausgeprägtes, kriegerisches Freund-Feind-Denken. Die mittlerweile im internationalen Vergleich überraschend flachen Hierarchien haben dabei den eigentümlichen Charme, daß ein zorniger Bürger eine Ministerin anblaffen kann, sie möge doch wie alle anderen morgens ihren Müll entsorgen.
Beitrag von Daniel72
Dazu kommt, dass Carlsen oft mürrisch und gelangweilt wirkt. Und das im Spitzenschach!Aber ich persönlich habe nichts gegen ihn.Aronjan würde sich auf einem Schachthron auch gut machen, sehr sympathisch!
Beitrag von zugzwang
[QUOTE=Kiffing;21323]...Deutschland hat zu seinen Stars grundsätzlich ein äußerst merkwürdiges Verhältnis. So akzeptiert die Mehrheit in Deutschland nur Stars, wenn diese nicht zu erfolgreich sind, persönlich als Vorbilder dienen können, was eine untadelige Lebensweise voraussetzt, und auf jeden Fall bodenständig sind, was heißt, daß sie sich in Ausdruck und Verhalten möglichst wenig von der Masse unterscheiden dürfen. Schon viele Stars aus Deutschland waren im Ausland populärer als in der Heimat, und mit dem Sprichwort, der Prophet gilt nichts im eigenen Land, ist dieses Phänomen nur unzureichend erklärt...[/QUOTE]Diese Beschreibung paßt wohl häufiger auch nicht.Michael Schumacher war wohl kaum nicht zu erfolgreich. Und dient auch in Dingen als Vorbild, die nicht unbedingt bodenständig und postiv sind.Olli Kahn, Harald "Tony" Schumacher und Sepp Maier (gerade 70 geworden - Glückwünsch an den Besten der Großen!) waren auch kaum nicht zu erfolgreich und werden wohl auch in Deutschland mehr geliebt als im Ausland.[QUOTE=Kiffing;21323]... In diesem Sinne möchte ich z. B. kritisch fragen, was ein Star, abgesehen vielleicht von seiner speziellen Kunst, die er äußerst gut ausführen dürfte, dann überhaupt noch etwas bewunderungswürdiges an sich hat, welche Inspirationen von ihm ausgehen dürften, wenn er, um es provokant zu formulieren, in den Augen der Mehrheit ein langweiliger Biedermann zu sein hat?...[/QUOTE]Dein Ansatz ist kaum richtig. Die Deutschen mögen die Biedermanntypen als Stars nicht überschwenglich. Die werden akzeptiert, so lange sie Leistung bringen, ansonsten werden sie in die 2. Reihe verbannt."Katsche", Karl-Heinz, Jürgen, waren eher Biedermanntypen und wurden "geliebt", so lange sie grätschten und keine Elfer produzierten.Schillernder und damit geliebt-gehaßt nah und fern sind dann solche Typen wie Loddar, Effe und harmloser Litti.Bumm-Bumm ist vielfach beliebter als Michi Stich. Okay, er hatte auch die größeren Erfolge, doch war Stich eigentlich eleganter, an guten "perfekter" im Spiel und im gazen auftreten.Bumm-Bumm wurde und wird geliebt, auch weil er eben nicht das komplette Vorbild auf und neben dem Platz war, sondern auch etwas "schmutziger" gewinnen wollte und gewonnen hat.Gut Steffi ist "Biederfrau" vom Typus her, aber gerade von ihr hat man verlangt, daß sie überaus erfolgreich ist - und sie hat "geliefert", immer wieder und das mit, trotz und wegen Slice-Rückhand.[QUOTE=Kiffing;21323]... Nun möchte ich euch fragen, welche Art Mensch ihr gerne als Star sehen würdet und wie dieser Star sich persönlich verhalten sollte, um von euch geschätzt und vielleicht sogar geliebt zu werden. Welchen Schachmeister wünscht ihr euch auf dem Schachthrone?[/QUOTE]Schachmeister ganz klar: AronjanWarum? Bärenstark, menschlich sympathisch, weil tiefgründig, mehrdimensional, (selbst)ironisch, kein Lautsprecher, aber auch kein Schweiger, weltoffen und dabei nachdenkend wirkend.