Daß Magnus Carlsen, für den es bislang in der Karriere nur aufwärts ging, in der ersten echten [URL="http://www.chess-international.de/Archive/46401#more-46401"]Formkrise[/URL] seines Lebens steckt, was auch von Julia Kirst im Schachticker so gesehen wird, ist mittlerweile wohl schwer zu übersehen. Dabei ist mir persönlich sein Titelverlust im Blitzschach nicht so wichtig, denn das sehe ich eher als Unterhaltung an, so wie es früher die Hallenturniere in der Bundesliga-Sommerpause gewesen sind. Wer sah schon das Abschneiden der Bundesligisten in den Hallenturnieren als ernsthaften Gradmesser für die aktuelle Form an?Nein, wichtiger sind die klassischen Turniere, dort wo sich die Elite unter den üblichen Langzeitbedingungen trifft, und da hat Magnus Carlsen bekanntlich schon seit Monaten nichts mehr gerissen, zumindest, wenn man ihn an den an ihn herangetragenen Erwartungen mißt. Zwar lief das Jahr für ihn mit einem Sieg beim vielleicht attraktivsten Schachturnier, dem Tata-Steel-Turnier in den Niederlanden, mit seinem Sieg noch standesgemäß, aber seitdem ging die Leistungskurse nach unten. Zwar gewann er kurz darauf das Grenke Chess Classic in Baden-Baden. Aber er verlor bereits zum zweiten Mal seit der Schacholympiade 2014 gegen den damals noch für Deutschland spielenden Arkadij Neiditsch und konnte ihm letztendlich im Stichkampf um den Turniersieg nur im Blitzschach noch auf Distanz halten. Für seinen Sieg darauf beim Shamkir Chess in Aserbaidschan mußte er sogar gegen Radjabov und Caruana zwei Niederladen einstecken. Und dann gelangen ihm auch die Turniersiege nicht mehr. Wir erinnern uns an seinen [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://www.schachburg.de/threads/1944-Schrecklicher-Fauxpas-von-Magnus-Carlsen-in-Stavanger". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "Fauxpas" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] ausgerechnet in seinem Heimatturnier im norwegischen Stavanger, wo Carlsen gleich zum Auftakt gegen Topalov aufgrund einer Fehlinterpretation des Bedenkzeitmodus in der Schlußphase verlor und danach nur noch auf 3,5/9 und Platz 7 (!) von 10 Teilnehmern kam. Und auch beim Sinquefield-Cup mußte Carlsen mit eher "durchschnittlichen" 5/9 einem anderen Großmeister nämlich Levon Aronjan, den Vortritt machen. 2014 hatte ihm dort bereits Fabiano Caruana in einer Art "[Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://www.schachburg.de/threads/1764-Ein-neuer-Schach-Gott-Fabiano-Caruana-beim-Sinquefield-Cup?highlight=Fabiano+Caruana". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "Turnier seines Lebens" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.]" die Show gestohlen. Experten hatten damals bereits eine Ära C&C für die Zukunft gesehen, doch auch Caruana zeigt sich seitdem formschwach. Magnus Carlsen hat seit seinem Peak von 2882 Elo im Mai 2014 32 Punkte verloren und seinen Nimbus der Unbesiegbarkeit eingebüßt. Es bleibt die Zukunft, wer ihm also in der Zukunft gefährlich werden könnte. Der Schachjournalist Stefan Löffler hat sich in der Berliner Morgenpost dieser Frage gestellt und bringt [URL="http://www.morgenpost.de/sport/article206269677/Wer-kann-die-Uebermacht-von-Magnus-Carlsen-brechen.html"]vier Namen[/URL] aufs Tapet. Für Löffler sind, die Namen sind altersmäßig abfallend, dabei Fabiano Caruana, Anish Giri, Wei Yi und Vincent Keymer die momentan am gefährlichsten wirkenden Kandidaten. Die Begründungen hat Löffler geliefert, wie denkt ihr darüber?
Beitrag von Sanpelg
Ich denke, die Spitze ist immer mehr zusammengerückt, vor wenigen Jahren wurde meines Wissens noch Aronian als Carlsens Hauptkontrahent gehandelt. Caruana scheint sich doch recht gut entwickelt zu haben, zumindest hatte er ja mal einen Durchhänger als er praktisch 50 Wochen im Jahr Turniere gespielt hat und ist jetzt aber auf Platz 2 der Weltrangliste. Ich lasse mich aber auch gerne korrigieren, bin dafür wahrlich kein Experte.Vincent Keymer tut man m.E. nach keinen Gefallen damit, wenn man ihn zu sehr hochjubelt. Siehe Karjakin oder Bacrot. Ob jemand die absolute Spitze erklimmt oder "nur" ein Weltklasse-Großmeister wird, entscheidet sich anscheinend erst in der Adoleszenz. Vor diesem Hintergrund ist mir auch die Aussage des deutschen Bundestrainers (?) unverständlich, der gesagt hat "wenn alles normal läuft, wird Keymer Weltmeister". Der müsste es doch eigentlich besser wissen. (Karjakin lag mit 13-14 deutlich vor dem gleichaltrigen Carlsen)
Beitrag von Kiffing
[QUOTE=Sanpelg;24814]Ich denke, die Spitze ist immer mehr zusammengerückt, vor wenigen Jahren wurde meines Wissens noch Aronian als Carlsens Hauptkontrahent gehandelt. Caruana scheint sich doch recht gut entwickelt zu haben, zumindest hatte er ja mal einen Durchhänger als er praktisch 50 Wochen im Jahr Turniere gespielt hat und ist jetzt aber auf Platz 2 der Weltrangliste. Ich lasse mich aber auch gerne korrigieren, bin dafür wahrlich kein Experte.[/QUOTE]Was Caruana angeht, so laßt uns noch einmal auf Sinquefield 2014 blicken. Schachburg hatte damals diesem Ereignis hautnah beigewohnt und die Atmosphäre während der Leistung Caruanas [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://www.schachburg.de/threads/1764-Ein-neuer-Schach-Gott-Fabiano-Caruana-beim-Sinquefield-Cup". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "eingefangen" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.]. In einem Eliteturnier hatte Caruana mit 7/7 einen Traumstart hingelegt und blieb auch über den Rest der Distanz ungeschlagen, ließ aber weitere Gewinnmöglichkeiten leider liegen. Damals sahen viele Experten bereits eine Ära C&C heraufziehen, einige gingen sogar darüberhinaus, indem sie meinten, Caruana habe Carlsen von der Spielstärke her bereits überholt. Doch wenn wir heute, mehr als ein Jahr nach Caruanas Triumph, die Weltrangliste betrachten, so hat Caruana mit seinen derzeit 2786 Elo sogar den magischen 2800er Bereich verlassen, mehr noch, er ist mit Rang 6 in der Weltrangliste derzeit "nur" ein Verfolger von vielen.Deswegen sprach ich auch, mit einer Prise Warnung, auch von seinem "Turnier seines Lebens". Der Begriff hört sich erst einmal gut an, betrachten wir diesen Begriff aber im Gesamtzusammenhang eines Spielers, ist es sicherlich nicht das, was der Spieler für die Zukunft will. Wenn in die Schachgeschichte geblickt wird, stoßen wir ständig auf Spieler, die in einem Turnier sensationell herauskommen, als neue zukünftige Weltmeister gehandelt werden, dann aber nie mehr an diese Leistung anknüpfen und den Weltmeistertitel nicht mehr schaffen. Das muß bei Caruana angesichts seines jungen Alters natürlich nicht dauerhaft zutreffen, aber seit Sinquefield 2014 sind seine Ergebnisse, gemessen an der an ihn herangetragenen Erwartungen, rückläufig. Er hat jetzt aber einen neuen Trainer, und natürlich kann ihm mit Fug und Recht zugetraut werden, bald wieder anzugreifen. Bei Aronjan scheinen die Probleme im nervlichen Bereich zu liegen. Er ist immer für ein überragendes Turnier gut, aber immer, wenn es um die Weltmeisterschaft geht, spielt er weit unter Form.[QUOTE=Sanpelg]Vincent Keymer tut man m.E. nach keinen Gefallen damit, wenn man ihn zu sehr hochjubelt. Siehe Karjakin oder Bacrot. Ob jemand die absolute Spitze erklimmt oder "nur" ein Weltklasse-Großmeister wird, entscheidet sich anscheinend erst in der Adoleszenz. Vor diesem Hintergrund ist mir auch die Aussage des deutschen Bundestrainers (?) unverständlich, der gesagt hat "wenn alles normal läuft, wird Keymer Weltmeister". Der müsste es doch eigentlich besser wissen. (Karjakin lag mit 13-14 deutlich vor dem gleichaltrigen Carlsen) [/QUOTE]Die Adoleszenz, d. h. das Alter als junger Erwachsener, ist bei Genies ein gutes Alter, um seinen Stil zu perfektionieren und zum ersten Mal systematisch und bewußt wissenschaftlich der eigenen Spielstärke noch wichtige Schliffe und Polierungen mitzugeben. Doch darf nicht vergessen werden, daß bis dahin solche Genies nach den Erfahrungen schon fast ihre gesamte Spielstärke erreicht haben, weil sie eben in dem ganz jungen Alter durch die neuen Medien die Trainingsmöglichkeiten hatten, die früher undenkbar gewesen waren. Insofern passiert das Meiste eben in dem Alter bis 18, und von daher kann dieser Altersbereich, was Training und Entwicklung angeht, m. E. gar nicht ernst genug genommen werden. Was ich hier als Gefahr sehe, ist weniger ein Hochjubeln (denn wer erfährt für seine Arbeit nicht gerne Anerkennung, die auch motivierend wirkt?) als vielmehr ein jede Schaffensfreude und damit jede intrinsische Motivation abtötender Drill irgendwelcher hyperehrgeiziger Trainer, die in ihrem Schützling entweder ihre gesamten Hoffnungen projizieren oder irgendwelche verstaubten weltanschaulichen Vorstellungen von Pädagogik haben. In beiden Fällen arbeiten diese Trainer nicht für ihren Schützling, sondern für sich selbst, um sich selbst und/oder ihre eigene Ideologie zu bestätigen. Sergei Karjakin galt übrigens trotz seines frühen GM-Titels in der Zeit danach nicht als stärker als Magnus Carlsen, sondern immer als ein kleines bißchen schwächer. Diesen Trend konnte Karjakin bis zuletzt nicht abschütteln. Aber angesichts seines Durchbruchs zur absoluten Weltspitze würde ich ihn niemals als Enttäuschung abtun, zumal seine Karriere natürlich noch lange nicht beendet ist. Stefan Löffler hat vier mögliche Kandidaten für den WM-Titel genannt. Aber natürlich können auch weitere Namen mit der Zeit dazukommen, sie haben es selbst in der Hand.
Beitrag von Sanpelg
[QUOTE=Kiffing;24818]... Sergei Karjakin galt übrigens trotz seines frühen GM-Titels in der Zeit danach nicht als stärker als Magnus Carlsen, sondern immer als ein kleines bißchen schwächer. Diesen Trend konnte Karjakin bis zuletzt nicht abschütteln.[/QUOTE]Ich habe über die Entwicklungskurven der beiden etwas anderes gelsen und habe mal danach gesucht:Januar 2005: Karjakin auf Platz 14 der Junioren, Carlsen noch nicht zu sehen[ATTACH=CONFIG]1624[/ATTACH]
Beitrag von Sanpelg
April 2006: Karjakin 4, Carlsen 8[ATTACH=CONFIG]1625[/ATTACH]Habe sogar gelesen, dass Carlsen mit 8 noch auf das Schäfermatt hereinfiel und erst dann seine rasante Entwicklung einsetzte. Also besteht für uns alle noch Hoffnung !! :lach:
Beitrag von Sanpelg
[QUOTE=Benutzername;24819]Hm - daraus schliesse ich, dass einige annehmen, dass Maggie seine Adoleszenz bereits hinter sich hat - ist das nur eine naheliegende Vermutung, weil er entsprechend alt ist, oder lässt sich das besser belegen?[/QUOTE]aus Wiki: "Als Adoleszenz (lateinisch adolescere „heranwachsen“) wird in der Entwicklung des Menschen der Zeitraum von der späten Kindheit über die Pubertät bis hin zum vollen Erwachsensein bezeichnet. Der Begriff steht für den Zeitabschnitt, während dessen eine Person biologisch gesehen zeugungsfähig wird und an deren Ende sie körperlich nahezu ausgewachsen und emotional wie sozial weitgehend gereift ist."ja, das ist für Carlsen auch vorbei. Die biologische Uhr kann sogar er nicht besiegen.
Beitrag von Kiffing
Carlsen hat Karjakin daraufhin überholt, und spätestens ab 2006 galt Carlsen als das Wunderkind schlechthin, der immer einen Schritt schneller war als sein nur fast kongenialer, dafür aber fast ein Jahr älterer Rivale aus dem Osten. Eine Erklärung dafür, daß Karjakin sechs Monate vor Carlsen Großmeister wurde, liegt nicht am gegenüber Karjakin nicht ganz so starkem Talent Carlsens, sondern in einem Desinteresse von Klein-Carlsen begründet. Interessant ist nämlich in diesem Zusammenhang, daß Carlsen zwar mit fünf Jahren das Schach kennenlernte, aber kurz danach wieder anderen Interessen nachging und erst mit acht Jahren das Schach für sich "wiederentdeckte". Das erklärt auch, warum Carlsen in diesem Alter Deiner Aussage zufolge in einer Partie noch auf das Schäfermatt hereingefallen sei. Carlsens Eltern haben damals nicht steuernd in den Interessenssuchprozeß ihres Sohnes eingegriffen. Daß Carlsen also Karjakin 2006 überholte und diesen seitdem immer auf Distanz hielt, halte ich gerade im Hinblick auf die Ausgangssituation für aussagekräftig. Noch ein paar persönliche Worte: Seit 2006 wurde Sergei Karjakin von manchen Schachfreunden als der "Carlsen des Ostens" bezeichnet. Von den meisten Schachfreunden hierzulande wurde Carlsens Potential aber als ein Stück stärker eingestuft, was sich bis heute bestätigt hat. Die damalige Schachwelt war noch nicht so reich an Wunderkindern wie heute, so daß sie sich in den Gedanken, wer einmal die etablierten Hierarchien durcheinanderwirbeln könne, überwiegend an den Namen Carlsen und Karjakin orientierte.
Beitrag von Sanpelg
Ja, da hast du ja recht.Aber genau das ist ja mein Punkt: die Spielstärke eines Kindes zwischen z.B. 9 bis 13 Jahren lässt sich nicht einfach auf sein Erwachsenendasein interpolieren.
Beitrag von Kiffing
Klar, ein Mensch läßt sich nicht nach mathematischen Kategorien berechnen. Aber das macht das Ganze doch auch so spannend. :)
Beitrag von Sanpelg
:lol: Du wolltest nur darauf anspielen, dass er deiner Meinung nach noch unreif ist. Hatte ich wirklich nicht verstanden, ein weiterer Beweis, dass Ironie in Internetforen meist nicht funktioniert.