Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Was empfehlt ihr gegen 1.d4?“

schachburg.de

Beitrag von Kampfkeks

Hi! :)Sagt mal, was würdet ihr mir gegen 1.d4 empfehlen?Bin Hobbyspielerin (Chessmail-Wertung schwankt um die 1650) und habe schon etwas Erfahrung und ein wenig Theoriekenntnisse mit 1.e4, aber gegen 1.d4 siehts ziemlich düster aus... Bisher spiele ich 1...d5 2.c4 c6 und wurschtel mich dann so durch. ;)Ist das angenommene Damengambit evtl einfacher? Oder sollte ich da eher didaktisch herangehen und eine klassische Variante probieren, um mich mit typischen Strukturen in geschlossenen Eröffnungen vertraut zu machen? Oder kann man da auch gleich in Varianten wie 1...g6 einsteigen?Natürlich werde ich alles mal ein wenig ausprobieren, aber eine grobe Richtung wäre schon hilfreich, damit ich mich nicht in irgendwelche Sachen verrenne, die für mich noch zu hoch sind.Was meint ihr?

Beitrag von Zapp Brannigan

Kommt natürlich drauf an, was für stellungen du suchst. Ich versuche mich normalerweise an Tarraschs Lehre zu halten: Schnelle Entwicklung, Aktive Figuren, Zentrum mit Bauern besetzen, keine Angst vor Bauernschwächen. Ich habe gute Erfahrung und Resultate mit der Tarrasch-Verteidigung gemacht (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3/Sf3 c5 4.cxd5 exd5) wo man all dies bekommt. Eine Beispielsvariante ist:1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 c5 4. cxd5 exd5 5. Nf3 Nc6 6. g3 Nf6 7. Bg2 Be7 8. O-O O-O 9. Bg5 cxd4 10. Nxd4 h6 11. Be3 Bg4 Ebenfalls interessant finde ich das selten gespielte, aber in letzter Zeit ab und zu von Carlsen benutzten 1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 a6!?. Die idee ist es, weiss zu cxd5 zu zwingen weil sonst dxc4 einen Bauern gewinnt. Nach 4.cxd5 exd5 hast du eine typische Karlsbad-Struktur wo weiss wiederum strukturell besser steht dank dem mehrbauer im Zentrum und einen Minoritätsangriff am Damenflügel spielen wird, schwarz aber sehr aktive Figuren bekommt und am Königsflügel angreiffen kann. Eine Beispielsvariante ist:1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 a6 4. cxd5 exd5 5. Nf3 c6 6. Bf4 Bd6 7. Bxd6 Qxd6 8. e3 Ne7 9. Bd3 Bf5 10. O-O O-O Aber die Entscheidung liegt natürlich bei dir. Gegen Slavisch spricht nichts, auch das angenommenes damengambit kann man gut spielen. Man gibt halt oft das Zentrum auf was mir nicht besonders liegt, aber dafür hat man aktives figurenspiel ohne bauernschwäche (alles kann man nie haben).Auch die indischen abspiele, Nimzo, Königsindisch oder Benoni, sind interessant. 1...g6 gegen alles würde ich persönlich nicht empfehlen, das hilt der allgemeinen schachentwicklung nicht wirklich weiter denke ich.

Beitrag von ToBeFree

Ich habe Damengambit immer gerne mit der [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.wikipedia.org/wiki/Keres-Verteidigung". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "Keres-Verteidigung" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] (1. d4 d5, 2. c4 Lf5) beantwortet -- aber nicht, weil die besonders stark oder sinnvoll wäre, sondern einfach, weil mir das Spaß gemacht hat. ;)

Beitrag von Kiffing

Es ist sicherlich auch eine Frage des Stils, aber ähnlich wie Sizilianisch gegen 1. e4 interessante heterogene Strukturen erzeugt, erhöht 1. d4 Sf6 die Komplexität auf dem Brett. Im Vergleich zum symmetrischen 1. d4 d5 geht das Spiel mehr in die Tiefe. Möchtest du 1. d4 Sf6 spielen, brauchst du etwas gegen 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 und 3. Sf3. Nach 3. Sc3 ist Nimzoindisch eine gute Wahl, was sowohl objektiv überzeugt als auch über einen angemessenen Schärfegrad verfügt. Auf 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 spiele ich Bogoindisch mit 3. ...Lb4+. Damenindisch ist mir zu passiv und Budapester Gambit objektiv zu schwach. Evtl. wären auch das Wolgagambit oder das Blumenfeldgambit etwas für dich, wo du mit Bauernopfer und Hebel arbeitest.

Beitrag von Birliban

Empfehlen kann man im Prinzip natürlich alles. Wenn schon durchwursteln, dann vielleicht mit 1...c5. Scheint zumindest einfacher als der Rest und ganz bestimmt auch einfacher als z.B. das angenommene Damengambit.1...c5 ist auch nicht so theorielastig wie der Rest. Scheint einfach zu handhaben und dennoch anspruchsvoll zu sein. Auch wenn ich das selber nicht spiele (weil ich meine Leib- und Mageneröffnung schon gefunden habe), wäre das meine Empfehlung. Und sei es nur zum Probieren.Prima Infos dazu hier:[Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.chessbase.com/post/phantasie-statt-theorie-071013". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "https://de.chessbase.com/post/phantasie ... rie-071013" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.][Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.chessbase.com/post/phantasie-und-praxis-161013". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "https://de.chessbase.com/post/phantasie ... xis-161013" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.]

Beitrag von ToBeFree

(Anmerkung zu #5: [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.wikipedia.org/wiki/Benoni-Verteidigung". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "https://de.wikipedia.org/wiki/Benoni-Verteidigung" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] )

Beitrag von Zapp Brannigan

Eine Frage die man sich stellen kann/sollte ist die Universalität. Es gibt systeme, die kann man nach 1.d4, 1.Sf3 und 1.c4 spielen, andere systeme, zum beispiel das budapester gambit, kann man nicht mal nach 1.d4 Sf6 2.Sf3 spielen. Ziemlich universell sind vor allem der Königsinder und das abgelehnte Damengambit (inklusive Tarrasch), Slavisch geht auch gegen vieles, vor allem wenn man vor 1.c4 c6 2.e4 keine angst hat. Die Nimzo-/Bogo-indische kombination hingegen geht nur wirklich gut nach 1.d4, und auch hier würde ich argumentieren dass 1.d4 Sf6 2.Sf3 e6 viel stärkere damenbauernspiel-varianten erlaubt als 2...d5 und 2...g6. nach 1.c4 Sf6 2.Sc3 e6 3.e4!? hat man probleme, nach 1.Sf3 Sf6 2.c4 ebenfalls. Grünfeld und vor allem Benoni-Systeme sind aber noch viel anfälliger, genauso wie das angenommene Damengambit1.d4 c5 ist sehr heikel, wenn weiss d5 und Sc3 ohne c4 spielt und so schnell wie möglich f4 durchdrückt hat schwarz schnell grössere probleme wenn er nicht ein grosser spezialist dieser variante ist. Sogar 1. d4 c5 2. dxc5 e6 3. Sc3 Lxc5 4. Se4 kann sehr unangenehm sein. 1.d4 Sf6 gefolgt von 2...c5 gegen alles mit der idee Wolga oder modernes Benoni ist denke ich gesünder. Das moderne benoni sieht man in letzter zeit etwas weniger, aber wenn ich mir partien von Tal oder Gashimov anschaue habe ich immer lust das auch mal auszuprobieren...

Beitrag von Birliban

[QUOTE=Zapp Brannigan;28694]1.d4 c5 ist sehr heikel, wenn weiss d5 und Sc3 ohne c4 spielt und so schnell wie möglich f4 durchdrückt hat schwarz schnell grössere probleme wenn er nicht ein grosser spezialist dieser variante ist. Sogar 1. d4 c5 2. dxc5 e6 3. Sc3 Lxc5 4. Se4 kann sehr unangenehm sein.[/QUOTE]1.d4 c5 2.dc: e6 3.Sc3 Lc: 4.Se4 ist kein Problem für Schwarz. 4...Sf6 5.Sc5: (5.Sd6+?! Ke7!) 5...Da5+ 6.Ld2 (6.c3 Dc5: 7.Sf3 Sc6 ist ok für Schwarz) 6...Dc5: ist ok für Schwarz. Weiß hat zwar das Läuderpaar, hat aber Schwierigkeiten seine Dame ins Spiel zu bringen. Die Chancen sind ausgeglichen.1.d4 c5 2.d5 Sf6 (selbst 2...e5 ist eine Alternative, an der Weiß sich ordentlich die Zähne ausbeißen kann) 3.Sc3 e6. Ich glaube nicht, daß es zu empfehlen wäre für Weiß, "so schnell wie möglich f4 durchzudrücken." 4.e4 d6 und Schwarz eine spielbare, intakte, anspruchsvolle Stellung auf dem Brett.

Beitrag von Kampfkeks

Hey ihr Lieben! :)Vielen Dank erstmal für die ausführlichen Antworten. Sind ja eine ganze Menge verschiedene Varianten dabei. Finde ich super!1...c5 klingt sehr interessant, danke für den Tipp Birliban!, wobei mich Zapps Warnung aber auch etwas vorsichtig macht. Ausgetestet wird es natürlich trotzdem.1...Sf6 kann ich kaum beurteilen. Allerdings kommt der Tipp von Kiffing und der kennt meinen Stil von Chessmail her gut. Kommt in der Ausprobierliste also ganz weit nach oben. Partien mit 1.d4 d5 2.c4 sind mir am vertrautesten. Die Tarrasch-Variante würde insofern gut passen. Auch die Stellung nach der von Zapp in #2 geposteten Variante sieht ganz nach meinem Geschmack aus und für die "Universalität" gibts zusätzliche Pluspunkte. Die Keres-Verteidigung kenne ich auch noch nicht. Wenn ToBeFree sagt, dass das Spaß macht, dann ist das ein unschlagbarer Grund, sie mal zu spielen! Lieben Dank für den Tipp. :)Also, eine ganze Menge zum Experimentieren. Wenn euch noch mehr einfällt, dann immer her damit. ;)

Beitrag von ToBeFree

:lach: Gerne. Ich habe bei Turnierpartien immer solche Sachen gespielt, und es hat immerhin bis 1400 DWZ gute Dienste geleistet. [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.wikipedia.org/wiki/Läuferspiel#2._%E2%80%A6_Sg8%E2%80%93f6_%28Berliner_Verteidigung%29". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel ""Urusov-Gambit"" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] und [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.wikipedia.org/wiki/Evans-Gambit". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "Evansgambit" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] mit Weiß fand ich gerade bei Blitzschach-Partien gegen ungefähr gleich starke Spieler sehr schön. Es gibt in all diesen Eröffnungen einige Fallen, die man überraschten Gegnern stellen kann, aber auch Fallstricke, über die man selbst stolpern kann. Mir gefiel das, weil es auffallend anders ist als die ganzen 08/15-Antworten auf längst bekannte Züge. Es ist dabei aber gleichzeitig nicht so vollkommen fremdartig wie [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://de.wikipedia.org/wiki/Sokolski-Eröffnung". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel ""Orang-Utan"" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] o.ä..Gegen stärkere Vereinsspieler in Langzeitpartien besteht immer das Risiko, dass kleine Fehler ausgenutzt und in eine Niederlage verwandelt werden. Dieses Ergebnis ist aber wahrscheinlich relativ unabhängig von der gewählten Eröffnung. Es gibt Spieler, die man nicht besiegen kann, und gegen diese Spieler verliert man dann ja auch nicht "wegen der Eröffnung". ;)

Beitrag von Kampfkeks

Stimmt, die Erfahrung habe ich zB mit Sizilianisch gemacht. Da spiele ich seit kurzem die Alapin-Variante (1.e4 c5 2.c3), was den ein oder anderen Spieler vermutlich etwas aus dem Konzept bringt. :D

Beitrag von blunder1

Ist das Thema immer noch aktuell?Leider bin ich mit Kampfkeks Stil/Neigungen nicht vertraut, denn Du solltest die Stellungen auch mögen und das ist subjektiv: manche SpielerInnen bevorzugen das Eine, manche das Andere.[QUOTE=Kiffing;28691]Es ist sicherlich auch eine Frage des Stils, aber ähnlich wie Sizilianisch gegen 1. e4 interessante heterogene Strukturen erzeugt, erhöht 1. d4 Sf6 die Komplexität auf dem Brett. Im Vergleich zum symmetrischen 1. d4 d5 geht das Spiel mehr in die Tiefe.[/QUOTE]Das ist falsch: Das Damengambit - gerade im weitgefassten Sinn (1.d4 d5 2.c4), was auch Slawisch/Halbslawisch beinhaltet – gehört zu den reichhaltigsten und tiefsten aller Eröffnungen.GM Pachmann in seinem Buch Das Damengambit: “Die Variantenbreite des Damengambits ist nur mit der der Sizilianischen Verteidigung vergleichbar:” (S.7).Jeder vorstellbare Schärfegrad ist gegeben: von der äuβerst soliden Lasker-Variante (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e3 0-0 6.Sf3 h6 7.Lh4 Se4) bis zur Botwinnik-Variante (1.d4 d5 2.c4 c6 [2...e6] 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 e6 [4...c6] 5.Lg5 dxc4), die zu den schärfsten Abspielen der gesamtem Schachtheorie gehört.Auch Weiβ hat viele Möglichkeiten: von der Abtauschvariante (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 [3...Le7] 4.cxd5) über Katalanisch (schnelles g3) bis zur Damenläuferentwicklung nach f4 oder g5, bevor er e3 zieht, was auch davor gespielt werden kann (Meraner Variante: 1.d4 d5 2.c4 c6 [2...e6] 3.Sc3 Sf6 4.Sf3 e6 [4...c6] 5.e3).Zahlreiche Zugumstellungen sind möglich, z.B. sagt 1.d4 Sf6 erst einmal nichts aus, da daraus nach 2.c4 e6 3.Sf3 [3.Sc3] d5 durchaus noch ein Damengambit entstehen kann. Auch nach 1.c4 e6 2.Sf3 d5 kann Weiβ mit 3.d4 ins Damengambit einlenken, muss aber nicht; ebenso nach 1.Sf3 d5.Langer Rede kurzer Sinn: Beide Seiten werden mit einer Vielzahl an Möglichkeiten konfrontiert; dazu kommen noch verschiedene Damenbauernspiele, bei denen Weiβ auf den prinzipiellen und objektiv stärksten Zug c4 verzichtet. Das macht das Damengambit so reichhaltig und interessant.Alle diese Varianten sind gut spielbar, auch das angenommene Damengambit ist eine gute Wahl, falls Dir die daraus entstehenden Stellungen zusagen; das ist die entscheidende Frage.Seit vielen Jahrzehnten ist auf hohem Niveau die Tartakower-Variante (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sc3 Sf6 4.Lg5 Le7 5.e3 0-0 6.Sf3 h6 7.Lh4 [7.Lxf6 Lxf6 ist auch möglich] 7...b6) sehr beliebt; Kasparow nennt sie die “Eröffnung der Weltmeister”. Da Schach auch Moden unterworfen ist, spielt Weiβ seit einigen Jahren oft Varianten mit Lf4, Schwarz gerne die Ragosin-Variante, deren häufigste Zugfolge 1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sf3 d5 4.Sc3 Lb4 ist und die ein sehr interessantes Hybrid zwischen Damengambit und Nimzowitsch-Indisch (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4) darstellt. Die Variante ist aktiv, Schwarz strebt nach Gegenspiel und versucht nicht, trocken auszugleichen; Lewon Aronjan ist ein groβer Experte, auch die beste Spielerin der Welt, Hou Yifan, hat sehr gut damit gepunktet. Die Variante hat auβerdem den Vorteil, dass die typischen Pläne recht klar sind.Sollte Dich diese Variante interessieren, kann ich Dir das hervorragende Buch Playing the Ragozin von IM Richard Pert empfehlen, das ich habe und das sehr übersichtlich und komplett ist; es enthält z.B. auch Tipps gegen Katalanisch, wenn Weiβ schnell g3 spielt.Die Keres-Variante (1.d4 d5 2.c4 Lf5) kann ich nicht empfehlen: Das kritische Abspiel 3.cxd5 Lxb1 (3...Dxd5? 4.Sc3) 4.Da4+! c6 5.Txb1 Dxd5 6.Sf3 Sd7 7.b4!? ist meiner Ansicht nach einfach nur besser für Weiβ, der das Läuferpaar und die Bauernmehrheit im Zentrum besitzt und auβerdem mit b5 am Damenflügel schnell aktiv werden kann.Und das war erst eine Einführung in das Damengambit... es gibt auβerdem die zahlreichen Indischen Verteidigungen, die nach 1.d4 Sf6 entstehen können, falls kein Übergang in das Damengambit stattfindet: Königsindisch, Grünfeld-Indisch, Damenindisch, Nimzowitsch-Indisch, Bogo-Indisch, Benoni, Wolga-Gambit... die Qual der Wahl!Da man irgendwo beginnen muss, möchte ich Dir folgendes empfehlen:Schaue Dir Partien von Aronjan (in Datenbanken “Aronian” [englische Transkription seines Namens]) und Hou Yifan an, wie sie die Ragosin-Variante des Damengambits spielen; dazu den sehr eindrucksvollen Schwarzsieg, den Mamedyarov 2013 in Moskau gegen Nakamura damit errungen hat. Dann stelle Dir die Frage, ob Dir diese Stellungen zusagen. Falls ja, umso besser, falls nein, dann mit anderen Verteidigungen ähnlich vorgehen: Suche Dir “Helden” aus, d.h. Experten auf dem Gebiet, und schaue Dir deren Modellpartien an. Dann wirst Du schon fündig werden, was Dir gefällt.

Beitrag von blunder1

@KampfkeksDeine Frage im Thema ist zwar verständlich, doch was sollen andere User eigentlich darauf antworten? Sie können aus eigener Erfahrung reden und da gibt es die gröβten Unterschiede, was Spielstärke, Kenntnisse, Vorlieben und Abneigungen angeht. Was Spieler A liegt, passt noch lange nicht zu Spieler B.Glücklicherweise ist Schach so reichhaltig, dass man für jeden Geschmack etwas finden kann; entscheidend ist, dass Du die betreffende Verteidigung/Variante gerne spielst.Ich kann ein bisschen von mir erzählen:Als ich mit Turnierschach anfing, habe ich zuerst als Hauptwaffe gegen 1.d4 das Wolga-Gambit (1.d4 Sf6 2.c4 c5 3.d5 b5, auch Benkö-Gambit genannt) gespielt. Der Grund war einfach: Ich hatte in einer Schachzeitschrift eine kommentierte Partie von GM Alburt gesehen und die Verteidigung gefiel mir. Ich bin damit – auf meinem Niveau - sehr erfolgreich gewesen.Als ich stärker wurde, bin ich auf die Halbslawische Verteidigung (1.d4 d5 2.c4 c6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 e6) umgestiegen; die beiden wichtigsten Varianten für mich waren, je nach der Wahl von Weiβ: Da das Damengambit sehr reichhaltig ist, konnte ich mein Repertoire leicht erweitern bzw. variieren, was immer ein Vorteil ist: Nach 5.Lg5 spielte ich dann gelegentlich auch die positionellere Cambridge Springs-Variante (5...Sbd7 6.e3 Da5), wenn ich – auch aus wettkampftaktischen Gründen (meine Gegner waren gegen mich vorbereitet) – nicht die äuβerst scharfe Botwinnik-Variante spielen wollte. Es tut jedem Spieler gut, auch einmal andere Stellungstypen zu spielen und seinen Horizont zu erweitern.Später fügte ich Nimzowitsch-Indisch (1.d4 Sf6 2.c4 e6 3.Sc3 Lb4) hinzu, wobei ich nach 3.Sf3 mit 3...d5 wieder ins Damengambit überging.Da ich mit Weiβ immer ein 1.d4-Spieler gewesen bin, hatte ich schon oft gegen Nimzowitsch-Indisch gespielt; daher fiel es mir leichter, diese Verteidigung mit Schwarz in mein Repertoire aufzunehmen.Das Wolga-Gambit habe ich nur noch sehr selten gespielt, um zu variieren.Seit relativ kurzer Zeit befasse ich mich mit der Ragosin-Variante des Damengambits (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 Lb4); irgendwie logisch, da sie – wie bereits in #12 erwähnt – eine Art Hybrid zwischen Damengambit und Nimzowitsch-Indisch ist, was ich sowieso schon spiele.So habe ich mir im Lauf der Jahre ein recht vielseitiges Eröffnungsrepertoire gegen 1.d4 zusammengestellt.Das hat gut funktioniert, da ich immer Varianten gespielt habe, die mir gefallen.Mit Weiβ spiele ich gerne gegen Königs- oder Grünfeld-Indisch, doch mit Schwarz sind diese Verteidigungen nicht mein Ding, von seltenen Blitzpartien abgesehen.Zusammengefasst: Dein Geschmack ist das entscheidende Kriterium, wenn es um deine Eröffnunswahl geht.Ich habe Dir in #12 empfohlen, mal einen Blick auf die Ragosin-Variante zu werfen. Dafür gibt es drei Gründe: Solltest Du meinen Tipp beherzigen, wird es von Dir abhängen, ob sie Dir gefällt.Abschlieβend viel ich noch hinzufügen, dass mir 1...c5 nie gefallen hat; ich finde die schwarze Stellung solide, aber zu passiv.

Beitrag von Kampfkeks

Hi blunder1 :top:Hab vielen lieben Dank für die sehr ausführliche Antwort! Das Thema ist noch immer aktuell. Ich hatte ursprünglich eine Empfehlung für den Einstieg erhofft. Hätte ich geahnt, dass es in erster Linie auf den persönlichen Geschmack ankommt, hätte ich das Thema womöglich gar nicht aufgemacht. Bei 1.e4 rät man Anfängern im allgemeinen erstmal zu 1...e5. Dachte, dass es für 1.d4 vielleicht ähnlich wäre.Die Ragosin-Variante hört sich sehr gut an. Klare Pläne und Gegenspiel sind ganz nach meinem Geschmack!Nochmals ganz lieben Dank, dass du dir die Mühe gemacht und die zahlreichen Varianten so ausführlich beschrieben hast! Wirklich adäquat kann ich leider kaum antworten - dazu fehlt mir schlichtweg das schachliche Wissen und die Erfahrung.

Beitrag von blunder1

Gerne geschehen.Ich glaube, dass Du mit deinem Thema einen sehr wichtigen Punkt angeschnitten hast. Seit vielen Jahren gebe ich Schachunterricht und werde immer wieder mit der Frage konfrontiert: “Was soll ich gegen 1.e4/1.d4 usw. spielen?” Go your own way! Partien anschauen, analysieren, Varianten ausprobieren (dazu ist [Online-]Blitz ideal) und seine eigene, persönliche Wahl treffen.Allerdings sollten Anfänger nicht versuchen, sich sofort in die Feinheiten der Breyer-Variante im Geschlossenen Spanier zu vertiefen, sondern zuerst einfachere Varianten spielen. Sobald man stärker/erfahrener wird, führt meiner Ansicht nach kein Weg an prinzipiellen Abspielen vorbei, wenn man wirklich Fortschritte machen will; Hauptvarianten sind nicht umsonst Hauptvarianten.Der Tipp, auf 1.e4 erst einmal 1...e5 und auf 1.d4 1...d5 zu spielen, ist zwar nicht falsch, aber doch sehr vage. Entscheidend ist, wie man die Eröffnung interpretiert.Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine Wandlung in der Spielphilosophie mit Schwarz ein: nicht mehr trocken auf Ausgleich spielen, sondern Gegenspiel suchen.Dies hat nicht nur zur steigenden Beliebtheit von z.B. Sizilianisch oder Königsindisch geführt, auch “klassische” Spielweisen wie Spanisch nach 1.e4 e5 oder das Damengambit sind von dem Nachziehenden oft ambitionierter, aber auch riskanter angegangen worden: komplexere Stellungen mit Ungleichgewichten anstreben, die ein Spiel auf Gewinn ermöglichen.Bei dem Spiel gegen 1.d4 ist besonders Botwinnik ein Pionier gewesen. In seinen besten Schachjahren (1940er) spielte er mit der Kombination Meraner Variante/Botwinnik-Variante/Holländisch-Stonewall/Nimzowitsch-Indisch resolut auf Gewinn mit den schwarzen Steinen (gegen 1.e4 vor allem Französisch-Winawer, aber auch Sizilianisch/ambitionierte Varianten mit 1...e5 gegen Spanisch). Spätere Weltmeister wie Tal, Fischer oder der Botwinnik-Schüler Kasparow gingen ganz ähnlich vor, wenn auch mit ihren Varianten.Die Ragosin-Variante im Damengambit (1.d4 d5 2.c4 e6 3.Sf3 Sf6 4.Sc3 Lb4) ist eine ambitionierte Spielweise von Schwarz, der schon mit dem vierten Zug nicht nur das wichtige Zentrumsfeld e4 (noch mehr) kontrolliert, sondern eine Drohung aufstellt: ...dxc4 und mit ...b5 den Mehrbauern auch halten.Der weiβe c4-Bauer ist eines der wichtigen Themen der Variante. Weiβ muss eine Entscheidung treffen: Ein anderes wichtiges Thema ist, ob Schwarz nach a2-a3 auf c3 schlägt oder nicht. Das Buch von Richard Pert habe ich bereits empfohlen; Schwarz sollte flexibel vorgehen und je nach konkreter Stellung handeln.Weiβ kann schon ab dem 5. Zug mit Da4+ ...Sc6 erzwingen; dann wird Schwarz sein Spiel mit dem (späteren) Zug ...e6-e5 befreien. Die Partie Nakamura-Mamedyarov (Moskau 2013) ist wirklich sehenswert (auch die beiden Schwarzsiege von Hou Yifan gegen Koneru bei der Frauen-WM 2011 sind interessant).So, das war ein kleiner Einblick in die Variante, die mir sehr gefällt. Ich bin gespannt, ob Du das ähnlich sehen wirst.

Beitrag von blunder1

[QUOTE=blunder1;29339]Entscheidend ist, wie man die Eröffnung interpretiert.[/QUOTE]Um diesen Punkt schachlich unerfahrenen Usern zu verdeutlichen, will ich ein sehr bekanntes Beispiel aufführen:Spanisch (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5) gehört auch zu den sehr reichhaltigen Eröffnungen. Es kann zu subtilen, positionellen Kämpfen führen, es kann aber auch ganz anders gespielt werden.Während des WM-Wettkampfs Kasparow-Karpow 1990 (New York/Lyon) hat Karpow mit Schwarz die Saitzew-(Flohr-)Variante z.T. sehr scharf gespielt:4. Partie: [url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067292[/url]20. Partie: [url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1067294[/url]In beiden Fällen hat er erst mit 13...exd4 das Zentrum aufgegeben, dann das weiβe Zentrum mit 15...c5 angegriffen und mit 17...f5!? gesprengt. Die Gefahr für Schwarz liegt in der Schwächung der Rochadestellung, vor allem der weiβen Felder.In der 4. Partie hat Karpow in groβer Zeitnot den Gewinn verpasst, in der 20. reichte ein Fehler und Kasparow konnte einen seiner berühmtesten Angriffssiege feiern.Auch der Geschlossene Spanier (1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lb5 a6 4.La4 Sf6 5.0-0 Le7 6.Te1 b5 7.Lb3 d6 8.c3 0-0 9.h3) kann sehr scharf interpretiert werden.