Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Wem gehört Magnus Carlsen?“

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Beitrag von Kiffing

Bekannt ist, daß Garri Kasparov einmal Trainer von Magnus Carlsen war, doch hat diese Liaison nicht lange gehalten, prallten doch zwei zu unterschiedliche Spielertypen aufeinander, und waren Kasparovs Anforderungen für den Norweger zu hart. Schach sei für ihn immer Spaß und nie Überwindung gewesen, [URL="http://www.zeit.de/sport/2012-12/schach-magnus-carlsen-rekord-london/seite-2"]meint[/URL] er selbst. Und tatsächlich unterscheidet sich die Karriere von Magnus Carlsen wohltuend von der Karriere anderer Wunderkinder, etwa aus China oder den Regionen der ehemaligen Sowjetunion. Seine Eltern hatten Magnus Carlsen zu nichts gezwungen, Schach machte ihm einfach Spaß. Womöglich würde man seiner Karriere sogar schaden, wenn man ihn mit dem bitteren Virus des Ernstes infizieren würde, denn das wäre wider seine Natur und wider seiner Intuition, aus der er schöpft. Doch Garri Kasparov, diese legere „Arbeitsauffassung" seines ehemaligen Schützlinges kritisierend, meint noch mehr. So kritisierte er ihn mit den Worten (ebd.):[QUOTE] Er hat ein enormes Talent und ist in gewissem Maße verpflichtet, dieses Talent der Schachwelt zu geben[/QUOTE]Ein User meinte bei der Besprechung des taz-Artikels (ebd.):[QUOTE] Es ist kein Wunder, dass Kasparov so verkrampft ist, denn er wurde von der Sowjetunion sozialisiert. Für ihn war Schach immer auch ein Überlebenskampf. Wenn Magnus es schafft, so gut zu sein und das Spiel trotzdem als Spaß anzusehen, dann macht er meiner Meinung nach alles richtig. Weiter so! [/QUOTE]Zwar ist Kasparov immer ein Gegner des Sowjet-Systems gewesen, aber ein System mit den Methoden des Feindes zu bekämpfen, ist nichts Neues, das hat es in der Geschichte schon immer gegeben. So bediente sich die Reaktion des System Metternichs nach den Napoleonischen Kriegen geschickt der Methoden der Aufklärung, um dieselbe, verbunden mit den neuen Ideen Liberalismus, Demokratie und Nationalismus (damals noch teilweise progressiv) am wirkungsvollsten bekämpfen zu können. Es ist gleichzeitig der Anspruch, besser zu sein als auf dem ureigenen Terrain des Feindes, um seinen eigenen Ideen Legitimität zu verschaffen.Wie dem auch sei, das Thema ist natürlich interessant, weil hier zwei Ansprüche aufeinanderprallen, die man am ehesten vielleicht mit den Gegenpolen Kollektivismus und Liberalismus zusammenfassen könnte. Ein Liberaler würde etwa sagen, daß Magnus Carlsen nur einem gehört, und zwar sich selbst, während ein Kollektivist sich auf die Seite von Garri Kasparov stellen würde, der von den Verpflichtungen des Individuums gegenüber einer dazugehörigen Gemeinschaft überzeugt ist.Ich erinnere mich, daß ich selbst vor zwei Jahren relativ enttäuscht gewesen bin, als Magnus Carlsen sich dem neuen WM-Zyklus verweigerte. Ich habe dann davon gesprochen, daß Magnus Carlsen viele Fans habe, die sich auf eine WM-Teilnahme von ihm sehr freuen würden und denen er das Vertrauen erwidern sollte. Aber das können meiner Ansicht nur reale Wünsche sein, die von Fans, oder auch der Schachwelt als Ganzes an einem herangetragen werden. Das ist freilich nicht gerade wenig, und ein Einzelner sollte das durchaus auch in seiner Entscheidungsfindung berücksichtigen, wenn er etwa überlegt, ob er an einer Weltmeisterschaft teilnehmen will. Aber das ist nun mal ganz alleine seine Entscheidung, und wenn er an einer Weltmeisterschaft nicht teilnimmt, kann man enttäuscht sein, man darf ihn auch kritisieren, aber nicht mehr. Wie seht ihr das?

Beitrag von zugzwang

Als Leibeigner dem Gutsbesitzer/Lehnsherr/Sklavenhalter...Im Rahmen der heutigen Rechtsordnung und beim Schach innerhalb der Fide-Regularien ist er derzeit kein Leibeigner.Ich vermute, Carlsen wird lernen, daß eigene Wünsche eher in Erfüllung gehen, wenn man auch den Wünschen anderer mal nach-, entgegenkommt.Sein WM-Quasi-Verzicht war ein strategischer Fehler und seine Begründung dafür angreifbar.