Bekanntlich hat auf absoluter Topebene die Eröffnung 1. d4 an Beliebtheit längst 1. e4 überholt. Noch scheuen sich die meisten Schachspieler davor, die Eröffnung 1. d4 als besser als 1. e4 zu bezeichnen und halten den deutlichen Vorsprung für 1. d4 hinsichtlich der Beliebtheit bei Großmeistern gegenüber 1. e4 für eine Modeerscheinung. Sie warten auf starke Großmeister, die neue Rezepte in den kritischen Varianten nach 1. e4 auspacken und daß sich so dieser Trend wieder umkehren möge. Noch ist die Lehrmeinung weit verbreitet, die Eröffnungszüge 1. e4, 1. d4, 1. c4 und 1. Sf3 seien sich von der Wertigkeit her sehr ähnlich. Und schließlich habe 1. e4 ja immerhin den Vorteil gegenüber 1. d4, daß 1. e4 zwei Linienfiguren die Tür öffnet, 1. d4 mit dem Lc1 aber nur einer einzigen.Doch der griechische Schachspieler, Mathematiker und Physiker, Ioannis Halkias, leistet eine fundierte Beweisführung, daß 1. d4 die bessere Eröffnung sei. Schon alleine das Argument, 1. e4 öffne mehr Figuren den Weg ins Spiel, sei falsch. In Wirklichkeit leiste 1. d4 mehr für die Figurenentwicklung als 1. e4. Halkias argumentiert, durch 1. d4 werde neben dem Lc1 die Dd1 aktiviert, die den Stützpunkt des Bd4 stärkt, so daß durch 1. d4 zwei Figuren sofort entwickelt werden. Bei 1. e4 dagegen werde nur der Lf1 unmittelbar entwickelt. Die Dd1 werde nach allen vernünftigen Eröffnungen sofort wieder durch den Sf3 blockiert und kann erst später einen Nutzen von der Öffnung der Diagonale f1-a6 ziehen. Aus diesem Grund leiste auch 1. d4 mehr für Zentrumskontrolle und Stabilität. Mit 1. d4 werden mit d4 und e5 sofort zwei Zentralfelder befestigt und kontrolliert, mit dem Be4 dagegen, der erst einmal ungedeckt ist, nur ein Zentralfeld auf d5. Was die Zentrumskontrolle angeht, besitzt Schwarz deswegen so schlagkräftige Gegenspielmöglichkeiten wie die Französische Verteidigung, die Skandinavische Verteidigung oder die Aljechin-Verteidigung, mit denen Schwarz die Situation des ungeschützten Be4 direkt ausnutzen und seine Figuren nach strategischen Systemen entwickeln oder nach taktischem Gegenspiel ausrichten kann. Bei 1. d4 dagegen, wo diese direkte Möglichkeit zum Gegenspiel fehlt, hat Schwarz erst einmal keinen direkten Ansatzpunkt für sein Spiel und entwickelt sich von daher langsamer. Auch was den Raumgewinn angeht, besitzt Weiß nach Ioannis Halkias Vorteile. Denn 1. d4 wird oft von 1. c4 unterstützt, so daß Weiß damit die Felderkette b5-c5-d5-e5 unter Kontrolle nimmt. Diese Möglichkeit dagegen ist bei 1. e4 nicht so ohne weiteres gegeben, weil ein frühes e4 nebst f4 den eigenen König schwächt. Aus diesem Grunde habe die Weltspitze heute im Allgemeinen Abstand vom Königsgambit genommen.Die Gedanken von Ioannis Halkias sind fraglos originell und könnten bei einer Popularisierung dieser Thesen ganze gängige Lehrgebäude umstürzen, wie ich das bei so etwas Grundlegendem wie bei der Wertigkeit von 1. e4 und 1. d4 nicht mehr für möglich gehalten habe. Ioannis Halkias stützt seine Thesen mit Zahlen aus der Praxis, und zwar mit den Weltmeisterschaftskämpfen seit 2000, also von dem Zeitpunkt an, wo sich beide Züge nach modernen Eröffnungskriterien auf absoluter Weltspitze objektiv miteinander vergleichen lassen. Die Bilanz für 1. e4 ist vernichtend:[QUOTE] In 89 games 1.e4 was used 25 times resulting in: only one win, three losses and 21 draws.In 89 games 1.d4 was used 62 times resulting in: 18 wins, 6 losses and 38 draws.1. e4 wins: 4% losses 12% draws 84%1. d4 wins: 29% losses: 9% draws 61% [/QUOTE]Wie geht es euch so? Ist die These von Halkias gewagt, oder belegt er nach jahrelanger Erfahrung nur ein längst offenes Geheimnis? Hier gehts zum Original, zur ausführlichen Beweisführung von Halkias (in englisch): [url]http://en.chessbase.com/post/1-e4-or-1-d4-which-is-the-better-move#discuss[/url]
Beitrag von Zapp Brannigan
[quote]Bekanntlich hat auf absoluter Topebene die Eröffnung 1. d4 an Beliebtheit längst 1. e4 überholt.[/quote]Das sind doch vor allem mode-erscheinungen. Beim Turnier 1953 in Zürich wurde auch fast kein 1.e4 gespielt, und Bronstein meinte zu einer spanisch-chigorin-partie, dass dies ja bekanntlich zu remis führt und weiss nichts reissen kann. Und dann kamem tal, spassky, fischer, etc, spielten alle 1.e4 und hatten jede menge erfolg gegen das chigorin-system, so viel, dass es schon fast als ein fehler galt, chigorin zu spielen.Bei den letzten WM-kämpfen war halt auch kramnik oft dabei, und der hat sich einen ruf gemacht, mit 1.e4 nicht besiegbar zu sein, weil er sowohl mit dem berliner endspiel wie auch mit russisch felsenfest steht. Aber das liegt meiner meinung nach eher an kramnik, welcher diese beiden systeme einfach perfekt spielt, und nicht an der eröffnung.Ich mag mich noch errinnern, als beim kandidaten-ko-match, wo gelfand gewonnen hat, alle immer nur abgelehntes damengambit mit Bf4 spielten und der einzige sieg ein schwarzer war. Da hiess es dann auf einmal, keiner wird mehr was mit 1.d4 reissen können.[quote]Doch der griechische Schachspieler, Mathematiker und Physiker, Ioannis Halkias, leistet eine fundierte Beweisführung, daß 1. d4 die bessere Eröffnung sei. Schon alleine das Argument, 1. e4 öffne mehr Figuren den Weg ins Spiel, sei falsch. In Wirklichkeit leiste 1. d4 mehr für die Figurenentwicklung als 1. e4. Halkias argumentiert, durch 1. d4 werde neben dem Lc1 die Dd1 aktiviert, die den Stützpunkt des Bd4 stärkt, so daß durch 1. d4 zwei Figuren sofort entwickelt werden. Bei 1. e4 dagegen werde nur der Lf1 unmittelbar entwickelt. Die Dd1 werde nach allen vernünftigen Eröffnungen sofort wieder durch den Sf3 blockiert und kann erst später einen Nutzen von der Öffnung der Diagonale f1-a6 ziehen.Aus diesem Grund leiste auch 1. d4 mehr für Zentrumskontrolle und Stabilität. Mit 1. d4 werden mit d4 und e5 sofort zwei Zentralfelder befestigt und kontrolliert, mit dem Be4 dagegen, der erst einmal ungedeckt ist, nur ein Zentralfeld auf d5. Was die Zentrumskontrolle angeht, besitzt Schwarz deswegen so schlagkräftige Gegenspielmöglichkeiten wie die Französische Verteidigung, die Skandinavische Verteidigung oder die Aljechin-Verteidigung, mit denen Schwarz die Situation des ungeschützten Be4 direkt ausnutzen und seine Figuren nach strategischen Systemen entwickeln oder nach taktischem Gegenspiel ausrichten kann. Bei 1. d4 dagegen, wo diese direkte Möglichkeit zum Gegenspiel fehlt, hat Schwarz erst einmal keinen direkten Ansatzpunkt für sein Spiel und entwickelt sich von daher langsamer.Auch was den Raumgewinn angeht, besitzt Weiß nach Ioannis Halkias Vorteile. Denn 1. d4 wird oft von 1. c4 unterstützt, so daß Weiß damit die Felderkette b5-c5-d5-e5 unter Kontrolle nimmt. Diese Möglichkeit dagegen ist bei 1. e4 nicht so ohne weiteres gegeben, weil ein frühes e4 nebst f4 den eigenen König schwächt. Aus diesem Grunde habe die Weltspitze heute im Allgemeinen Abstand vom Königsgambit genommen.[/quote]Ioannis Halkias hat 1550 fide-elo: [url]http://ratings.fide.com/card.phtml?event=4239784[/url] und meiner meinung nach viel zu schwach, hier grosse thesen aufzustellen.Das ganze ist meiner meinung nach schwachsinn, vor allem das argument mit der entwicklung:1.e4 ermöglicht die entwicklung des königs-läufers, d.h. er braucht noch 2 weitere züge (springer und läufer raus) bis zur rochade, während nach 1.d4 weiss nichts für die kurze rochade tut, und da gefolgte 2.c4 ebenfalls nicht. Noch schlimmer wird es, wenn man wie in den hauptvarianten 3.Nc3 spielt. Z.bsp. 1.d4 Nf6 2.c4 e6 3.Nc3 Bb4 4.Qc2 0-0, weiss hat 4 züge gemacht, keiner tut was für die kurze rochade (braucht nochmals 3 züge bis zur kurzen rochade), während schwarz ebenfalls 4 züge gemacht hat und bereits rochiert ist. Nach 1.d4 ist weiss in fast jeder variante schlechter entwickelt als schwarz, und muss deswegen auch immer extrem aufpassen nicht gleich bereits in der eröffnung überannt zu werden. Nach 1.e4 ist weiss oft voraus mit der entwicklung und schwarz muss aufpassen nicht überrannt zu werden. Man schaue sich nur mal z.bsp. den najdorf-sizilianer an.Schach ist konkret, so allgemeine thesen bringen gar nichts. Sowohl 1.e4 wie auch 1.d4 sind gute eröffnungszüge, da schach bei beidseitigem besten spiel wohl eh remis ist kann man auch nicth behaupten, einer der beiden züge sei besser. 1.e4 wird auch wieder kommen, und wenn die berliner mauer echt nicht zu knacken ist wird man halt ein neues system finden...
Beitrag von Birliban
Ja, geht man davon aus, daß Schach bei beiderseitigem besten Spiel Remis ist, kommt man zwangsläufig zu der Schlussfolgerung, daß 1.d4 nicht besser sein kann als 1.e4.Den Beweis, daß Schach Remis ist, könnte in nicht allzu ferner Zeit das Fernschach liefern. Bei der 27. Fernschachweltmeisterschaft, die in diesem Jahr beendet wurde, endeten im Finale von 136 gespielten Partien 120 Remis. Dem Fernschach droht also der Remistod. Nebenbei wird damit auch der Beweis erbracht, daß Schach tatsächlich Remis ist. Schlussendlich wird damit auch der Beweis erbracht, dass 1.d4 nicht besser sein kann als 1.e4.Noch ein bißchen Fernschachstatistik: Bei den Fernschachweltmeisterschaften des ICCF von 2002 bis 2009 ( 17. - 25. WM-Finale ) wurden 615 Partien mit 1.e4 eröffnet und 357 Partien mit 1.d4. Von den 615 Partien mit 1.e4, erreichte Weiß 143 Siege, 66 Niederlagen und 406 Remis. Von den 357 Partien mit 1.d4, erreichte Weiß 99 Siege, 32 Niederlagen und 226 Remis.Die WM-Finalpartien von 2009 bis 2014 sind leider in meiner Fernschachdatenbank noch nicht integriert.Die Thesen von Ioannis Halkias mögen für das Nahschach eine gewisse Aussagekraft haben. Mehr aber auch nicht. Daß sie ganze gängige Lehrgebäude zum Umsturz bringen, ist allerdings nicht zu erwarten.
Beitrag von Kiffing
[QUOTE=Birliban;23051]Ja, geht man davon aus, daß Schach bei beiderseitigem besten Spiel Remis ist, kommt man zwangsläufig zu der Schlussfolgerung, daß 1.d4 nicht besser sein kann als 1.e4.[/QUOTE]Hier ist allerdings zu bedenken, daß im Schach die Remisbreite relativ hoch ist, so daß dieses Argument bei der Beantwortung der Fragestellung nicht hilft. Zum Beispiel könnte das Spiel nach beidseitig korrektem Spiel auch nach 1. h4 noch Remis sein, obwohl damit nicht der Beweis erbracht worden wäre, daß 1. h4 1. e4 gegenüber ebenbürtig wäre.Interessant finde ich aber Lestats Argument, daß 1. e4 gegenüber 1. d4 den Vorteil hat, daß Weiß wesentlich schneller zur kleinen Rochade kommt, auch wenn ich seine Schlußfolgerung, daß Weiß nach 1. d4 aufpassen müsse, "nicht gleich überrannt" zu werden, für sehr gewagt halte. Bei gutem Spiel steht Weiß nach 1. d4 mindestens solide. Der Hinweis, daß der Autor dieser elaborierten Thesen nur eine Elozahl von 1550 hat, ist auch interessant...
Beitrag von Birliban
[QUOTE=Kiffing;23052]Hier ist allerdings zu bedenken, daß im Schach die Remisbreite relativ hoch ist, so daß dieses Argument bei der Beantwortung der Fragestellung nicht hilft. Zum Beispiel könnte das Spiel nach beidseitig korrektem Spiel auch nach 1. h4 noch Remis sein, obwohl damit nicht der Beweis erbracht worden wäre, daß 1. h4 1. e4 gegenüber ebenbürtig wäre.Ja, 1.h4 würde ich gegenüber 1.e4 auch nicht unbedingt als ebenbürdig ansehen. Aber bei beiderseitigem besten Spiel, würde ich 1.h4 auch nicht unbedingt als einen der besten Kandidatenzüge sehen.1.e4 und 1.d4 sind aber gleichwertig. Hinzu kommen noch Züge, wie 1.Sf3, 1.c4 u.sw.
Beitrag von Kiffing
[QUOTE=Birliban;23051]Noch ein bißchen Fernschachstatistik: Bei den Fernschachweltmeisterschaften des ICCF von 2002 bis 2009 ( 17. - 25. WM-Finale ) wurden 615 Partien mit 1.e4 eröffnet und 357 Partien mit 1.d4. Von den 615 Partien mit 1.e4, erreichte Weiß 143 Siege, 66 Niederlagen und 406 Remis. Von den 357 Partien mit 1.d4, erreichte Weiß 99 Siege, 32 Niederlagen und 226 Remis. [/QUOTE]Hier führt aber wie bei den Nahschach-WMs 1. d4 recht deutlich vor 1. e4, und zwar mit 59,4% zu 56,2%.
Beitrag von Birliban
Ja, das mag sein. Die allermeisten Partien wurde sowieso vor den Zeiten von Rybka gespielt. Danach stieg die Remisquote extrem an. Siehe auch das Beispiel des 27. WM-Finales, das dieses Jahr beendet wurde.Man müsste eigentlich sämtliche Partien der Statistik von Halkias, die verloren wurden, analysieren. Man wird feststellen, daß es sich ausschließlich um menschliche Fehler handelt, nicht um gesetzmäßige, die etwa eine Aussage über die Qualität von e4 bzw. d4 rechtfertigen könnten. Natürlich müsste man ebenso mit den verlorenen Partien der Fernschachstatistik verfahren. Auch hier wird man feststellen, daß es sich um vermeidbare Fehler handelt, nicht um gesetzmäßige, die aus dem Eröffnungszug e4 bzw. d4 resultieren.Interessant fand ich auch, daß 1.e4 weit häufiger in den erwähnten WM-Finales gespielt wurde als 1.d4. Das ist auf Fernschachebene insofern überraschend, da man dort ja eigentlich stets versucht, immer den "besten" Zug zu finden. Wenn also 1.d4 angenommen besser sein soll als 1.e4, was objektiv aber nicht der Fall ist, müsste ja eigentlich die Tendenz klar umgekehrt sein: Daß man nämlich weit häufiger 1.d4 spielen müsste. Aber das ist nicht der Fall.Wenn Halkias eine Chance haben möchte, seine Thesen zu beweisen, müsste er in den Partien seiner Statistik nachweisen können, daß es sich um gesetzmäßige und unvermeidliche Fehler handelt, die zwingend aus dem Eröffnungszug e4 bzw. d4 resultieren. Aber diesen Beweis wird er nicht antreten können. Ich wünsche es ihm sehr, denn der Nobelpreis wäre ihm sicher. Aber leider wird es ihm nicht gelingen.
Beitrag von Zapp Brannigan
Hans Berliner hat auch mal ein fast 200-seitiges buch geschrieben wo er beweisst dass weiss nach 1.d4 gewinnt... Und der war zumindest mal fernschach-weltmeister:[url]http://dev.jeremysilman.com/shop/pc/System-The-p3635.htm[/url]
Beitrag von Kiffing
@Birliban:Wenn man, wie es in der Russischen Schachschule gemacht wird, die Schachmeister in Spieler und Forscher unterteilt, vertrittst Du die Sache der Forscher, die, wie einst Siegbert Tarrasch, immer auf der Suche nach dem objektiv besten Zug sind. Ein Spieler, wie etwa Emanuel Lasker, würde dagegen anmerken, daß Eröffnungszüge, die mit höherer Wahrscheinlichkeit zu mehr Fehlern führen als andere Eröffnungszüge, damit ein zusätzliches praktisches Argument besitzen, den anderen Eröffnungszügen vorgezogen zu werden. Weil Spieler im Nahschach anders als im Fernschach keine hochgezüchteten Engines zur Verfügung stehen haben, wird später nicht einmal der Zeitpunkt, an dem das Schach gelöst werden wird, sofern das überhaupt eintreten wird, das Nahschach gefährden können. Dazu hatte ich hier im Forum schon einmal meine Gedanken entwickelt, und es gab eine leidenschaftliche Diskussion: [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://www.schachburg.de/threads/215-Hilfe-das-Schach-wird-bald-gelöst-werden". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "https://www.schachburg.de/threads/215-H ... 6st-werden" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.]!Bei dem Fernschach wird es dann natürlich anders aussehen. Denn von dem Zeitpunkt an, wo das Schach vollständig gelöst ist, wird das Fernschach tot sein. Denn in jedem Wettkampf mit Unterstützung von Computern, wird einen der Computer zuverlässig zum besten Zug geleiten, so daß die Partie dann mit 100prozentiger Konsequenz ins Remis führt. Das ist ja auch heute schon so bei den Fünfsteinern. Wenn man über das entsprechende Programm verfügt, kann man ab den Fünfsteinern getrost die Engine abschalten. Das Programm spult dann automatisch den besten Zug ab, das Programm, das dann keine Engine mehr ist, ist dann quasi im Gott-Modus. Nahschachspieler, die nicht über derartige Programme verfügen, werden mit den zu 100% sicheren Informationen aber wenig anfangen können. Sie haben eben auch dann noch nicht die Stärke, in jedem Zug die richtige Antwort zu finden. Und ein menschliches Gedächtnis, das alle Informationen während einer Schachpartie speichern kann, wäre nicht von dieser Welt. Zum Beispiel können während einer Schachpartie mehr mögliche Zugfolgen entstehen als Atome im Weltall sind.Damit man mich nicht mißversteht. Ich selbst glaube - erst Recht nicht angesichts der bescheidenen Elozahl des Autoren - auch nicht daran, daß Halkias einen neuen Stein des Weisen gefunden hat. Aber ich vertrete nicht die Position des Fernschachspielers, sondern die des Nahschachspielers, und insofern glaube ich an gute Argumente, die einen bei der Entscheidung, was man während einer Partie spielen soll, behilflich sind.
Beitrag von Birliban
[QUOTE=Lestat;23058]Hans Berliner hat auch mal ein fast 200-seitiges buch geschrieben wo er beweisst dass weiss nach 1.d4 gewinnt... Und der war zumindest mal fernschach-weltmeister:[url]http://dev.jeremysilman.com/shop/pc/System-The-p3635.htm[/url][/QUOTE]Ein Menschenaffe in einem Zoo hat auch mal bewiesen in einem Tierversuch, daß d4 besser ist als e4: Von 1001 gespielten Partien eröffnete er 1001 Mal mit 1. d2-d4! Warum? Man legte auf dem übergroßen Schachbrett stets auf das Feld d2 neben dem Eröffnungsbauer eine Banane und noch noch eine Banane auf das Zielfeld d4!Nach Menschenaffenlogik muss 1. d2-d4!! also besser sein und 1. e2-e4?? muss schlecht sein: Denn 1. d2-d4 plus 2 Bananen ist viel besser als. 1. e2-e4 und keine Bananen...Ioannis Halkias und Hans Berliner liegen also genial richtig: 1. d4! ist viel besser als 1. e4?. Herzlichen Glückwunsch zur Beweisführung!
Beitrag von Kiffing
Es geht hier um Feinheiten. In der Partieanalyse wären Wertungen, die sich nur auf das nach von beiden Spielern bestmögliche Spiel (wie auch immer das herausgefunden werden mag) von 1, = und 0 beschränken, wenig hilfreich, weil unpraktisch. Insofern ist es für den Schachspieler eher irrelevant, daß sowohl 1. e4 als auch 1. d4 bei perfektem Spiel beider Partner ins Remis führen mögen. Für das praktische Spiel sind beide Fortsetzungen jedenfalls nicht gleichwertig, schon alleine, weil beide Züge unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Halkias hat aber begründet, daß 1. d4 möglicherweise mehr Vor- und weniger Nachteile gegenüber 1. e4 habe, und der Trend in der Weltspitze bestätigt ihn derweil, unabhängig davon, ob es sich um eine Modeerscheinung handelt oder nicht. Mit diesen Feinheiten sollten wir uns auseinandersetzen und nicht mit etaschologischen 1, = oder 0-Fragen, die für einen menschlichen Schachspieler, selbst für einen Fabiano Caruana, nicht am Anfang der Partie im Zentrum ihres Denkens stehen.
Beitrag von Birliban
" Halkias hat aber begründet, daß 1. d4 möglicherweise mehr Vor- und weniger Nachteile gegenüber 1. e4 habe, und der Trend in der Weltspitze bestätigt ihn derweil, unabhängig davon, ob es sich um eine Modeerscheinung handelt oder nicht. " KiffingDer Trend in der Weltspitze bestätigt Halkias These keinesfalls. Der Trend in der Weltspitze geht gegenwärtig eher in eine andere Richtung: Die wachsende Popularität der Flankeneröffnungen, besonders 1. c4 (bzw. 1.Sf3 und 2. c4). Hierzu ein Auszug aus SCHACH 8/2014:" Neue Trends im Spitzenschach? Die zwei vermutlich stärksten Turniere des Jahres sind gespielt: Das Kandidatenturnier von Chanty Mansijsk mit dem überzeugenden Sieg von Viswanathan Anand und das Kräftemessen der Weltelite im norwegischen Stavanger, bei dem Sergej Karjakin vor Weltmeister Magnus Carlsen erfolgreich war. Unser Dank für viele faszinierende Kampfpartien mit beiderseits offenem Visier geht an die Spitzengroßmeister.Auffallend war auch, dass es kaum noch Partien aus einem Guss gibt. In Chanty Mansijsk war nach übereinstimmender Meinung nur Anand in Bestform. In Stavanger zeigte niemand der Carles & Co sein bestes Schach; einige Teilnehmer sprachen gar von einem seltsamen Turnier. Interessant ist auch die wachsende Popularität der Flankeneröffnungen, besonders die des englischen Aufschlages 1. c4 (bzw. 1. Sf3 und 2. c4), dem Mihail Marin in unserer kommenden Ausgabe eine Betrachtung widmen wird.Sind das alles nur flüchtige Eindrücke oder erleben wir neue Trends im Spitzenschach? Da gegenwärtige Entwicklungen nicht immer einfach zu beurteilen und unterschiedliche Standpunkte möglich sind, haben wir einige ausgewählte Weltklassespieler gebeten, uns ihre Gedanken zu den o.g. Punkten mitzuteilen. " Dirk PoldaufDie Antworten von Boris Gelfand, Alexander Grischuk, Judit Polgar, Ruslan Ponomarjow und Jewgeni Tomaschewski können dort nachgelesen werden. Hier ein Auszug aus der Antwort von Tomaschewski: " Ich gehe in vielen Punkten mit Ihnen konform, tatsächlich können wir heute von neuen Trends sprechen!Chanty Mansijsk und Stavanger haben auch gezeigt, dass das klassische Schach sehr viel weniger vom Remistod bedroht ist als es beispielsweise noch im Jahre 2011 nach den WM-Kandidatenkämpfen von Kasan angenommen wurde. Das liegt vor allem auch an der heutigen Vielseitigkeit in der Eröffnungsbehandlung! Diese betrifft aber nicht nur die Flankeneröffnungen (obwohl es mir als Verfechter von 1. c4 gefällt, dass dieser Zug Mainstream geworden ist). Starke wie durchschnittliche Spieler sind heute auch in anderen Eröffnungen breiter aufgestellt und erhalten eher frische Spielstellungen, statt im Abgleich ihrer Heimanalysen zu wetteifern. Die Schachgeschichte kennt bereits diverse Diskussionen zwischen Vertretern der analytischen und der praktischen Schule. Momentan hat die zweite Gruppe Oberwasser..."