Das WM-Privileg hat im Schach eine lange Tradition. Früher war es etwa üblich, daß der amtierende Weltmeister seinen Titel verteidigt, wenn das WM-Finale Unentschieden, etwa 12:12, ausgeht. Von diesem WM-Privileg profitierte etwa Garri Kasparov, dessen WM-Finale 1987 gegen Anatoli Karpov in Sevilla mit 12:12 ausging, er aber trotzdem seinen Titel behalten durfte. Ebenso war es früher üblich, daß der Weltmeister im Falle einer Niederlage gegen den Herausforderer das Recht zugesprochen bekam, in einem Jahr ein Revanchematch einzufordern. Kritiker hatten hier von einer Lex Botwinnik gesprochen und meinten damit, daß der einflußreiche Michail Botwinnik und seine Förderer dieses Recht aus egoistischen Motiven bei der FIDE durchgesetzt hätten.Als weiteres WM-Privileg muß das Privileg des Weltmeisters genannt werden, im Finale gesetzt zu sein, während der Herausforderer erst noch die Ochsentour durch Qualifikationskämpfe mitmachen mußte. Dieses WM-Privileg ist heute wieder gültig, nachdem es in den 90er Jahren kurzzeitig abgeschafft worden war.Was haltet ihr denn so von diesen WM-Privilegien? Sind diese eurer Ansicht noch zeitgemäß?Ich selbst bin zufrieden mit der momentanen Lösung. Befürworter des WM-Privilegs, daß bei Gleichstand der Titelverteidiger gewinnt, haben immer argumentiert, der Herausforderer müsse den Weltmeister eben vom Thron stürzen, um Weltmeister zu werden, und das ginge nur durch einen Gewinn. Allerdings könnte man dieses Argument auch umdrehen und gegen den Weltmeister selbst anwenden: Weltmeister kann eben nur der sein, der auch in der Lage dazu sei, den Herausforderer zu schlagen. Ich denke nicht, daß diese Argumentation hier besonders hilfreich wäre. Ich denke einfach, ein WM-Finale ist ja ein Duell, und da braucht es eben einen Sieger, um den besseren Spieler und hier den besten Spieler der Welt zu ermitteln. Ein Unentschieden ist nun mal kein Sieg.Lex Botwinnik ist natürlich antiquiert. Wie gesagt, macht die Schach-WM den Reiz aus, daß die besten Spieler der Welt sich duellieren. Da kann so eine Lex Botwinnik sich natürlich als störend erweisen, weil so nicht mehr die besten Spieler der Welt zwangsläufig gegeneinander antreten. Denn der gescheiterte Weltmeister kann ja durchaus mittlerweile von besseren Spielern überholt worden sein, die viel eher das Recht auf einen WM-Kampf hätten.Aber die Setzung im Finale finde ich dann auch wieder in Ordnung. Denn ich denke, es macht für das Publikum den größten Reiz aus, ob der Weltmeister seinen Titel behalten kann oder ob er ihn durch den Herausforderer verliert. Die wirren Reformen von Kirsan Iljumschinow in den 90er Jahren können ja alle als gescheitert erklärt werden. Damals waren die Weltmeisterschaften nicht nur durch die Konkurrenz der PCA entwertet worden, sondern auch durch die Reformen Iljumschinows, durch welche die Weltmeisterschaften zu ganz normalen Turnieren entwertet wurden. Notwendiges Resultat waren daraufhin eine ganze Reihe von offiziellen Weltmeistern, die aus diesem Turnieren als Sieger hervorgingen, die niemand auf der Rechnung hatte und wohl alles andere als zur absoluten Weltspitze im Schach gehörten. Dieser Fluch der Beliebigkeit ist heute abgeschüttelt, und das ist gut so.Wie denkt ihr darüber?
Beitrag von hako
Ich finde die aktuelle Regelung in Ordnung. An dem System Titel-Verteidiger gegen Anwärter ist meiner Meinung nach nichts auszusetzen.Wie du schon gesagt hast, es muss einen klaren Sieger geben. Die Regel "Man muss der Meister vom Thron stürzen!" halte ich für nicht repräsentativ. Wenn das Match unentschieden endet, muss es einen Stichkampf geben, der den Sieger ermittelt. Wenn es das nicht gebe, also beide Spieler spielen unentschieden, haben wir dann nicht theoretisch 2 Weltmeister? Die zwei haben doch (und das aus 12 Partien in diesem Fall) unentschieden gespielt, das heißt, dass sie gleichstark sind. Daher ist hier eine Regelung mit irgendwelchen Privilegien, die die Entscheidung bringen, doch rein logisch betrachtet nicht angebracht. Man hat 2 gleichstarke Gegner, von denen einer den Titel hat. Da verliert der Titel doch an Bedeutung, wenn es einen anderen gibt, der gleichstark ist.In dem aktuellen Match hat Anand seinen Gegner im Schnellschach geschlagen, womit er der stärkere von den beiden ist. Es ist eine klare Rangordnung geschaffen, wobei der stärkster den Titel "Weltmeister" trägt. Das ist vollkommen legitim.
Beitrag von hapchess
Ich halte die Privilegien für den amtierenden Weltmeister in Ordnung. Nicht zueltzt dadurch zählt der Titel "Schachweltmeister" zu den exclusivsten Titeln, die man als Einzelperson in der Sportwelt erhalten kann. Anand ist nach über 100 Jahren erst der 15. Titelträger, soweit man die allgemein anerkannten Weltmeister zählt. Das hebt uns doch etwas von anderen Sportarten ab. Und das halte ich für das "königliche Spiel" durchaus für angemessen.