Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Schach-WM 2013 Chennai“

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Beitrag von Kiffing

Gegen Ende dieses schachlich sehr intensiven Jahres wird uns der schachliche Höhepunkt in Chennai serviert. In der indischen Millionenmetropole und Hafenstadt, die in der Ostküste Südindiens liegt, findet die WM 2013 zwischen Weltmeister Vishy Anand und Herausforderer Magnus Carlsen statt. Die Veranstaltung ist vom 9.11.2013 - 28.11.2013 angesetzt. Wegen der etwas eigentümlichen und wenig transparenten Vergabe an Chennai hatte es in der Schachwelt Irritationen gegeben. Die Kritik an diesem Vergabeverfahren mag berechtigt sein. Doch daran, daß Indien, was die Ausrichtung von Weltmeisterschaften angeht, auch einmal an der Reihe ist, dürfte sich deutlich weniger Mißfallen entzünden. Denn der uns Europäern immer noch rätselhaft erscheinende Riesenstaat in Südasien beherbergt bereits über 1,2 Milliarden Menschen und wird China als bevölkerungsreichsten Staat in einigen Jahren überholen. Von daher kann so eine Weltmeisterschaft in Indien sehr viele Menschen erreichen. Die Person des langjährigen Weltmeisters Vishy Anand brachte es ohnehin mit sich, daß in dem Riesenreich ein Schachboom eingesetzt hatte. Bei der WM 2012 sollen z. B. 120 Millionen Inder den Tiebreak zwischen Anand und Gelfand [URL="http://de.wikipedia.org/wiki/Schachweltmeisterschaft_2012#Tie-Break"]verfolgt[/URL] haben, was vor allem unter dem Gesichtspunkt der mangelhaften Infrastruktur Indiens großartig anmuten muß. Von daher wird diese WM auch im eigenen Land auf großes Interesse der gastgebenden Bevölkerung stoßen.Der Modus ist wieder derselbe wie vor einem Jahr. Gespielt wird, bis jemand 6,5 Punkte erzielt hat, und geht das Duell 6:6 aus, entscheiden Schnellschachpartien, ggf. Blitzschachpartien, und steht es auch dann noch Unentschieden, wird eine Sudden-Death-Partie die Entscheidung bringen. Immer noch besser als ein Los. Ansonsten ist natürlich Magnus Carlsen favorisiert. Die Schachwelt erwartet eine Wachablösung ähnlich wie 1921, als der junge Capablanca den älteren Lasker schlug und damit zu einer neuen Epoche überleitete. Magnus Carlsen stagniert derzeit ein wenig, aber auf höchstem Niveau. Seine Elo von 2862 ist bereits deutlich über der Elo von Anand, der derzeit auf 2775 kommt und in der [URL="http://ratings.fide.com/top.phtml?list=men"]Weltrangliste[/URL] nur noch den 8. Platz belegt. Beim letzten Aufeinandertreffen der beiden in Moskau beim Tal-Memorial hatte Carlsen Anand auch [URL="http://www.schachburg.de/threads/1248-Tal-Memorial-2013-in-Moskau/page2?p=19730&viewfull=1#post19730"]vernichtend geschlagen[/URL]. Interessant dürfte von daher sein, daß Vishy Anand noch am 4. Juli dem Indian Express ein [URL="http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/4010372/interview-mit-vishy-anand-050713.aspx"]Interview[/URL] gegeben hatte, in dem er seine Turnierspiele in diesem Jahr trotz des vermasselten letzten Turniers in Moskau insgesamt eher positiv sieht und ankündigte, aus den gewonnenen Erkenntnissen seine Schlüsse für das Duell gegen Carlsen zu ziehen. Der Tiger von Madras ist nicht gewillt, sich schon vorher geschlagen zu geben. Experten erwarten, daß die größte Chance von Anand darin besteht, sein größeres Verständnis von Eröffnungsvarianten auszuspielen, um so besser ins Spiel zu kommen als der Herausforderer. In diese Richtung [URL="http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/4009459/interview-mit-vladimir-kramnik-130413.aspx"]äußerte[/URL] sich bspw. Wladimir Kramnik, der Gegner von Anand bei der Schach-WM von 2008 in Bonn, also ein Topspieler, der Anand sehr genau kennt.

Beitrag von Kiffing

Seit der Eröffnung des Threads am 19.7. hat sich einiges getan vor der WM. Das Team Carlsen hat bereits den WM-Ort [URL="http://www.chessbase.de/Home/TabId/176/PostId/4010858/carlsen-in-chennai-200813.aspx"]besichtigt[/URL], und der Norweger wurde auch gebührend empfangen.Nun gibt es allerdings den ersten Streitfall. Vishy Anand akzeptiert nicht die vom Team Carlsen vorgeschlagene Pause im Falle einer Erkrankung einer der beiden Kontrahenten. Der Weltmeister spricht gar davon, so etwas "verstoße [URL="http://www.worldchesschampionship2013.com/2013/08/anand-protests-illness-clause-in-world.html"]gegen den Geist[/URL] der Schach-Weltmeisterschaft".Nun wird im Vorfeld von Schach-Weltmeisterschaften traditionell viel gefordert und abgelehnt. Wahrscheinlich gehört das zur Psychologie von Weltmeisterschaftskämpfen, um dem Gegner schon vor dem Match eigene Stärke zu suggerieren. Ein bißchen Ähnlichkeit mit Boxern vor ihren WM-Kämpfen ist schon dabei. Natürlich begünstigt diese Klausel auch dem Herausforderer, der aus dem kleinen, kühlen Norwegen kommt, und der sich in Indien auf völlig andere klimatische und kulinarische Gegebenheiten einstellen muß. Bekanntlich werden viele Europäer schnell krank, wenn es sie in die Tropen zieht.Trotzdem kann es natürlich nicht im Sinne Anands sein, die Schach-Weltmeisterschaft aufgrund einer Krankheit des Herausforderers zu gewinnen. Insofern hoffe ich, daß Anand zwar am Anfang hoch pokert, aber mit sich verhandeln läßt. Grundsätzlich halte ich den Vorschlag des Teams Carlsen für vernünftig und auf den konkreten Sachverhalt abgestimmt. Die Schachwelt wünscht sich zwei Gegner, die im Vollbesitz ihrer Kräfte miteinander ringen, und wo der Bessere siegen möge. Einen Sieger durch verletzungsbedingte Aufgabe oder einen Sieger, der einen kranken Gegner besiegt, will niemand. Anand hat ohnehin schon den Heimvorteil, und Carlsen ist Anand schon entgegengekommen, indem er auf die Dienste von GM Peter Heine Nielsen [URL="http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/4008930/nicht-mehr-anand-sondern-carlsen.aspx"]verzichtet[/URL], der jahrelang Anand sekundiert hatte. Wie Carlsens Manager Espen Agdestein erklärte, "können wir Peter dann nicht einsetzen, nachdem er so lange mit Anand gearbeitet hat. Denn selbst wenn es keine rechtlichen Bedenken gibt, wäre das moralisch nicht gut". (ebd.) Wie denkt ihr darüber?

Beitrag von Bauerndiplom

Sandipan, Ganguly and Wojtaszek in Anands team .....

Beitrag von Kiffing

[QUOTE=Kornel;20287]Ich finde es gut, dass Magnus bei der Weltmeisterschafft nicht mit Peter Heine Nielsen arbeitet. Es wäre gegenüber von Anand einfach nicht fair und unmoralisch. Ich finde jedoch, dass Anands Ablehnung, was Carslens Vorschlag betrifft unsportlich und unverschämt ist. Ich glaube Anand will davon profitieren, dass Carlsen nicht an das Klima gewöhnt ist.[/QUOTE]Ich möchte in diesem Zusammenhang darauf verweisen, daß krankheitsbedingte Unterbrechungen bei Schach-Weltmeisterschaften nichts Ungewöhnliches sind. Im Kandidatenturnier zur Schach-WM 1972 gab es zwei krankheitsbedingte Unterbrechungen. Im Viertelfinale mußte Mark Taimanov beim Stande von 0:3 nach drei kräftezehrenden Dramen, die sich gegen den späteren Weltmeister Robert Fischer zugetragen haben, wegen überhöhten Blutdrucks in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Die krankheitsbedingte Pause dauerte vier Tage. Auch Fischers späterer Gegner Bent Larsen verkraftete die "Urgewalt" Fischer nicht, auch er wurde das Opfer hohen Blutdrucks. Beim Stande von 0:4 ließ auch er sich behandeln, und das Match ruhte drei Tage. Soviel zu Anands Behauptung, verletzungsbedingte Unterbrechungen widersprächen dem Geist von Schach-Weltmeisterschaften... :rolleyes:Krankheiten sind einfach höhere Gewalt, und es ist doch das Normalste der Welt und überall geregelt, ob in Schule, bei Universitätsprüfungen oder in der Arbeitswelt, daß man sich im Krankheitsfalle behandeln lassen kann ohne Nachteile in Kauf nehmen zu müssen bzw. für seine Krankheit bestraft zu werden.

Beitrag von zugzwang

Irgendwo meine ich gelesen zu haben, daß über die Krankheitauszeiten inzwischen eine Einigung erzielt wurde.Krankheitsauszeiten gab es auch schon früher mit unterschiedlichen Regularien.Spieler hatten ein Kontingent von Auszeiten für den Wettkampf und konnten diese ohne Attest nach Wunsch einsetzen.Dr. Hübner gestattete seinem tatsächlich erkrankten Gegner Smyslov eine Pause über die Auszeit hinaus (oder ohne Anrechnung der Auszeit). Dafür durfte er später in diesem Wettkampf keine Kopfmassage in Ruheraum während der Partie erhalten.Das war die sowjetische Auslegung von Fairness, der sich sogar die Roulettekugel anschloß.Ich weiß jetzt nicht, wie die letztenWM-Kämpfe hinsichtlich dieses Umstands geregelt waren.Bevor man also am Team Anand herummäkelt, sollte man herausfinden, was zuletzt ausgehandelter Brauch war. Und danach kann man überlegen, ob von diesem Ablauf abgewichen werden sollte.Angesichts Carlsens Klima- und Essensvorbehalte halte ich eine deratige Regeleung durchaus für sinnvoll und angemessen.Ich kann mir aber vorstellen, daß man dem norwegischen Team auch langsam die "rote Linie" aufzeigen wollte.Die Verlautbarungen zum WM-Austragungsort usw. hätten schon etwas diplomatischer ausfallen dürfen, als es von norwegischer Seite aus geschah.Es ist ja nicht so, daß Magnus Carlsen von der Fide permanent Steine in den Weg gerollt werden.Vishy Anand hat seinen Titel in Bonn, Sofia und Moskau verteidigt.Das Vorrecht für Chennai ist für einen Herausforderer nicht glücklich und typisch für die Fide-Alleingänge. Als Ausgleich für Moskau und insbesondere Sofia hat es der Titelverteidiger aber verdient an einem für ihn genehmeren Ort spielen zu dürfen.Und wenn Carlsen WM wird, dann bin ich recht sicher, daß sich künftige Herausforderer recht stark an den örtlichen Vorlieben Carlsens orientieren müssen.Der Fall, daß ein WM-Kampf o. ä. wegen Krankheit ganz ausfiel, kam bisher noch nicht vor. Auszuschließen ist so ein Szenario aber nicht.Was macht man in diesem Fall: Pech, Kismet, Verschiebung, Neuansetzung?Bleibt zu hoffen, daß beide Protagonisten gesund bleiben und die Tradition stattfindender WM-Kämpfe fortsetzen.So und vorher sind erst einmal die Damen am Werk: Anna Ushenina contra Hou Yifan.

Beitrag von Kiffing

Danke für den Hinweis. Es ist tatsächlich erfreulicherweise eine [URL="http://www.schachclub-alzenau.de/"]Einigung[/URL] erzielt worden, die jedem Spieler zwei Tage Auszeit gewährt. Die Behauptung in der Quelle, dies sei ein Novum, ist aber falsch. Ich habe bereits auf die Fälle von Taimanov und Larsen in ihren Kandidatenkämpfen gegen Fischer 1971 aufmerksam gemacht. [URL="http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/4010858/carlsen-in-chennai-200813.aspx"]Chessbase[/URL] weist auf einen anderen Fall hin: [QUOTE] Auszeiten im Krankheitsfall waren aber auch schon früher bei WM-Kämpfen durchaus üblich. So musste Symyslov einmal in seinem zweiten Wettkampf gegen Botvinnik wegen Krankheit mehrere Tage pausieren. [/QUOTE]Es würde ja auch wenig Sinn machen, im Falle einer Erkrankung eines Spielers, die bei einer so langen Veranstaltung wie die einer Schach-WM jederzeit passieren kann, gleich die ganze Schach-WM abzubrechen und den glücklicherweise gesunden Spieler dann zum Weltmeister zu erklären (schon alleine das Kampflos-Verlieren von WM-Partien kann spielentscheidend sein). Was würde das auch für einen Eindruck auf Schachspieler und Nichtschachspieler machen?

Beitrag von Kiffing

Die genauen Bedingungen der Schach-WM in Chennai (Madras) sind nun heraus. Hervorheben möchte ich ein Remisvereinbarungsverbot bis zum 30. Zuge, eine Anzugspflicht, eine Verpflichtung, jeweils zehn Minuten vor Matchbeginn zu erscheinen, und eine Verpflichtung der Spieler, sich "kooperativ" gegenüber den Medien zu verhalten, was im Klartext bedeutet, daß sie sich bis zu 20 Minuten nach Matchende einer Pressekonferenz stellen müssen. Wenn das Robert Fischer gewußt hätte...Ansonsten gibt es für mich keine Überraschungen. Hier könnt ihr alle Bedingungen lesen und auch nette Bilder von Stadt und Turnierort einsehen: [url]http://www.chessbase.de/Home/TabId/176/PostId/4011312/weltmeisterschaft-erste-informationen-260913.aspx[/url]

Beitrag von Kiffing

Die Zeit hat es geschafft, kurz vor dem WM-Kampf zwischen Anand und Carlsen beide Teilnehmer zu einem Interview zu bitten:Anand: [url]http://www.zeit.de/sport/2013-10/viswanathan-anand-interview-schachwm[/url]Carlsen: [url]http://www.zeit.de/2013/45/schach-weltmeisterschaft-magnus-carlsen[/url]Was wenige überraschen dürfte, so geben die beiden WM-Teilnehmer an, sich gut vorbereitet zu haben. Doch die Interviews fördern auch Interessanteres zutage. So übt Carlsen direkte Kritik an Anand wegen dessen vielen frühen Remisen gegen Gelfand bei der letzten WM:[QUOTE]ZEITmagazin: Wie fanden Sie die letzte Weltmeisterschaft? Carlsen: Etliche Partien wurden zu früh remis gegeben. Wenn man eine WM spielt, gibt es dafür keine Entschuldigung. Man sollte in jedem Spiel das Letzte geben, das ist man sich und allen Schachfans schuldig.[/QUOTE]Es ist bekannt, daß sich beide nicht sonderlich mögen, auch wenn sie sich in den Interviews diplomatisch geben. Magnus Carlsen selbst versucht in dem Interview gegen seinen Ruf als "typisches Computerkind" zu arbeiten, indem er sehr genau um die Schattenseiten der Engine-Unterstützung bei Training und Vorbereitung weiß und die Engines demzufolge auf richtige Distanz hält:[QUOTE]Carlsen: Ich nutze sie zur Analyse. Ich spiele nie gegen Computer. Ich habe das nie gemocht. Ich bin ohne Computer aufgewachsen. Meine erste Datenbank hatte ich erst mit elf oder zwölf. Davor habe ich nur auf dem Brett gespielt. Ich habe früher nie Software zur Vorbereitung benutzt, und das hat meinem Schachverständnis sehr gutgetan.[/QUOTE]Von diesen Möglichkeiten konnte ein Anand in seiner Kindheit natürlich nur träumen. Über seine damaligen Bedingungen gibt Anand Auskunft:[QUOTE]ZEIT ONLINE: Als Sie anfingen, gab es keine Datenbanken mit Millionen gespeicherter Partien.Anand: Null. Früher haben wir uns vor der Partie ein Buch gegriffen, nach einer Idee gesucht und dann gesagt: Das probier ich gleich mal aus. Heute unvorstellbar.[/QUOTE]Das könnte auch ein Grund dafür sein, daß Anand, wie er einmal gesagt hatte, Carlsen schon nicht mehr so gut "lesen" könne wie etwa Spieler aus seiner Generation. Die beiden trennt eine Generation, und insofern dürfte ihr Zugang zum Schach auch ein anderer sein. Anand selbst versucht parallel zu seinem Profidasein das Schach in Indien zu fördern und damit den durch seine Person ausgehenden Schach-Boom in seiner Heimat am Leben zu halten:[QUOTE]ZEIT ONLINE: Was tun Sie für das indische Schach?Anand: Ich arbeite für die Mind Champions Academy des Nationalen Institutes für Informationstechnologie, NIIT. Wir versuchen, Schach landesweit an die Schulen zu bringen. Das Projekt wurde 2002 gegründet. Seither haben wir anderthalb Millionen Schüler in mehr als 15.000 Schulen unterrichtet, auf dem Land wie in der Stadt. Es gibt ein richtiges Netzwerk der Schulen inzwischen. Darauf bin ich sehr stolz. Darüber hinaus haben zwei Bundesstaaten Schach zum Schulfach gemacht; aus einem, Tamil Nadu, komme ich. Dort wird unser Match stattfinden.[/QUOTE] Sollte Magnus Carlsen die WM gewinnen, wird er der Schachwelt folgendes als Weltmeister mitgeben:[QUOTE]ZEITmagazin: Was wäre Ihre Botschaft als Weltmeister?Carlsen: Immer noch einen Zug machen, dem Gegner immer noch ein kleines Problem stellen. Es gibt immer Möglichkeiten, und du sollst immer kämpfen[/QUOTE]Allerdings scheint Magnus Carlsen, was seine eigene schachliche Entwicklung angeht, derzeit überwiegend von seiner Intuition zu zehren. Entgegen dem bekannten Phänomen, daß man umso mehr entdeckt, je tiefer man in eine Materie eindringt, kann er dem Schach nur noch wenig Neues entlocken:[QUOTE]ZEITmagazin: Das machen Sie jetzt nicht mehr? Carlsen: Ich habe nicht mehr die gleiche Neugierde, am Brett gibt es auch nicht mehr so viel zu lernen.[/QUOTE]Hoffentlich sind dies nicht die ersten Anzeichen einer "Stalaktierungsphase", die laut Garri Kasparov irgendwann einmal jeden Weltmeister trifft, ihn selbst um 2000 (wo er gegen Kramnik die "PCA-WM" verlor) eingeschlossen...Die Schach-WM verfolge ich persönlich wieder über [Hier befand sich ein Link auf die Seite "www.chessdom.html". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "www.chessdom.com" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.]. Kurz bevor die WM losgeht, werde ich mich hier noch einmal melden.

Beitrag von Kiffing

Ich weiß nicht, wie es euch ging. Aber als ich zum ersten Mal von der Vergabe der Schach-WM nach Chennai gehört habe, wußte ich erst einmal nicht, wo dieses Chennai liegt und mußte nachschlagen. Als ich irgendwann einmal herausgefunden hatte, daß Chennei das frühere Madras ist, da war ich schon wesentlich klüger. Madras dürfte den meisten ja ein Begriff sein. Weil mich die Sache interessierte, habe ich mal Recherche betrieben. Und so ist die Umbenennung der Stadt tatsächlich noch relativ jung. Madras wurde erst 1996 in Chennai umbenannt. Es ist offenbar nicht die einzige Weltstadt, die in Indien in jüngster Zeit umbenannt wurde. Wikipedia meint dazu:[QUOTE]Seit 1996 lautet der Name der Stadt offiziell Chennai, der alte Name Madras ist aber nach wie vor verbreitet. Beide Namen sind seit dem 17. Jahrhundert parallel in Gebrauch. Chennai ist die Kurzform von Chennappattinam (pattinam bedeutet Stadt) und war offenbar der Name der Siedlung, die sich um das 1639 von den Briten gegründete Fort St. George gebildet hatte. Der Name wird meist von einem lokalen Herrscher namens Chennappa Nayak abgeleitet.[3] Madras oder Madrasapattinam scheint dagegen ursprünglich der Name eines nahegelegenen Dorfes gewesen zu sein. Der Ursprung des Namens ist unklar: Vorgeschlagen wurden Herleitungen vom arabischen Wort Madrasa für „Koranschule“, dem portugiesischen Madre de Deus („Muttergottes“, nach einer gleichnamigen Kirche), einer portugiesischen Händlersippe namens Madeiros und sogar vom Sanskrit-Begriff Mandarajya („Reich der Einfältigen“).[4]Nachdem die beiden Orte zusammengewachsen waren, bürgerte sich im Englischen Madras als Name der Stadt ein, im Tamil blieb auch Chennai in Gebrauch. 1996 veranlasste die DMK-geführte Regierung von Tamil Nadu, dass der offizielle Name der Stadt von Madras in Chennai geändert wurde. Durch die Tilgung des eng mit der britischen Kolonialgeschichte verbundenen und als „un-tamilisch“ empfundenen Namens Madras konnte sowohl eine antikoloniale Stimmung bedient als auch die tamilische Identität der Stadt betont werden. In ähnlicher Weise sind bei einer Reihe anderer indischer Städte die kolonialzeitlichen Namensformen ersetzt worden (vgl. die Umbenennung von Bombay in Mumbai und Kalkutta in Kolkata).[5][/QUOTE]Soviel zur Stadt- und Landeskunde. Daß diese WM in Indien stattfindet, ist jedenfalls für das weltweite Schach ein ungeheurer Glücksfall. Die Schach-WM wird in ganz Indien mit sehr starkem Interesse verfolgt und dürfte unserem Denksport weitere Kräfte erschließen. Um einmal einen Einblick in die Begeisterung zu geben, die das Schach in Indien derzeit weckt, hier gibt es ein [URL="http://sportinsider.wordpress.com/2012/10/11/reminiszenz-an-einen-phanomenalen-empfang-fur-schachweltmeister-viswanathan-anand/"]authentisches Video[/URL] vom Empfang des Volkshelden Anand nach dessen fünftem Sieg bei einer WM (2000, 2007, 2008, 1010 und 2012). Anand gehört längst zu den größten Meistern der Schachgeschichte. Und es wäre ein Fehler, zu meinen, Anand habe die WM gegen Carlsen schon verloren. Meiner Meinung entsteht diese Sichtweise durch eine viel zu verengte Sicht auf den Zweikampf, die sich als Referenzbezug fast ausschließ der Elo-Zahlen bedient, und keinen Blick hat für wesentlich interessantere Punkte, die den Wert und die Dramatik des kommenden Zweikampfes ausmachen.Hier die Termine für das Gipfeltreffen: [url]http://chennai2013.fide.com/schedule/[/url]15:00 Indische Zeit bedeutet, daß es bei uns 10:30 ist. Das heißt also, die Spiele sind für uns immer um 10:30 zu verfolgen. Am 9.11.2013 und am 10.11.2013 sind also die ersten Spiele, nach jeweils zwei Spielen gibt es immer einen Ruhetag. Und bedenkt bitte, durch die vertraglich vereinbarte Auszeit, die jeder Spieler für insgesamt zwei Tage einnehmen kann, kann sich der Spielplan noch verschieben.

Beitrag von Kiffing

Wären die Züge der ersten Runde in irgendeiner Stadtmeisterschaft aufgetaucht, würden sie schnell wieder in Vergessenheit geraten. Aber es ist WM, und da stößt jede Zugfolge auf wie auch immer geartete Aufmerksamkeit. Den Spielfilm kurz erläutert, so versuchte es Magnus Carlsen diesmal mit einem geschlossenen Aufbau mit beiden Fianchetti, konnte aber gegen Anand nichts erreichen, der mit lebhaften Figurenspiel dagegenhielt und Carlsen in die Zugwiederholung zwang. Während vom spielerischen Aspekt der WM-Auftakt unzweifelhaft eine Enttäuschung darstellt, dürfte vom Wettbewerbsaspekt her Anand mit dem schnellen Schwarzremis zufriedener sein. Mühelos erreichte er den Ausgleich und sogar eine leicht bessere Stellung. Carlsen wird sich etwas Neues überlegen müssen, will er mit Weiß gegen Anand gewinnen. [Event "Schach-WM 2013 Chennai"][Site "?"][Date "????.??.??"][Round "1"][White "Magnus Carlsen"][Black "Vishy Anand"][Result "1/2 - 1/2"][PlyCount "32"]1. Nf3 d5 2. g3 g6 3. Bg2 Bg7 4. d4 c6 5. O-O Nf6 6. b3 O-O 7. Bb2 Bf5 8. c4Nbd7 9. Nc3 dxc4 10. bxc4 Nb6 11. c5 Nc4 12. Bc1 Nd5 13. Qb3 Na5 14. Qa3 Nc415. Qb3 Na5 16. Qa3 Nc4 *

Beitrag von zugzwang

1. Sf3 d5 ...2. g3 Carlsen geht auf Anands Angebot Damengambit mit Verzweigungen Slawisch oder orthodox zu spielen nicht ein. Entweder blufft er hier noch oder er will dieses Gebiet nicht betreten.Dann steigt die Wahrscheinlichkeit, daß er es mit e2-e4 versucht (Englisch in der Hinterhand) und sich von Vishy zeigen läßt, was dieser in den sizilianischen Strukturen mit Lb5+ und Maroczy-Bauernstellung so nachgearbeitet. Mit dieser Struktur kam der WM letztens gegen Carlsen nicht zurecht.Umso wahrscheinlicher, daß er das Thema bearbeitet hat. Vielleicht hebt sich Carlsen diese Struktur aber für eine Art Entscheidungspartie auf oder wartet auf ein 1. e4 vom WM, der mit Spanisch gegen Carlsen zuletzt weniger als durchkam und nachteilige Stellungen verwaltete.Die Kurzpartie mag für viele Schachfreunde enttäuschend sein, die Hintergründe zu Auswahl der Varianten sind aber umfangreicher als die wenigen Züge.Was spielte Vishy bisher auf 1. Sf3 nebst 2. g3?War es auch 1. ... d5 nebst 2 ... g6, dann hat Carlsen einen schlappen Aufschlag nur geblufft, um den WM in Sicherheit zu wiegen und vllt. herauszulocken.Spielte Anand bisher anders, dann war die Vorbereitung von MC wohl darauf ausgerichtet und der WM hat ihn diesmal mit der Abweichung leerlaufen lassen.Carlsen hat aber weitere Aufschläge und da kann es sein, daß der Rückschlag ihm besser ins Konzept paßt als in seiner allerersten WM-Partie. Einen Teilerfolg hat Vishy erzielt, indem er sich nicht 5-6 Stunden und 60 Züge abmühen mußte. Keiner weiß, ob Carlsenseine größeren Siegchancen beim Rückschlag sieht, wenn der WM ans Netz mit dem 1. Aufschlag aufrückt und dann von Carlsen passiert wird.An Anands Stelle würde ich noch nicht den harten e4-Aufschlag probieren, sondern erst einmal sehen, was der d4-Komplex, den Carlsen mit Weiß noch nicht betreten wollte, so anzubieten hat. Wenn Vishy morgen e2-e4 spielt, dann gibt es eine Schlacht.Bei 1. d4 könnte ich mir eher eine Vertagung vorstellen.Nachtrag:Wenn meine Datenbank-Suche nichts unterschlagen hat, dann hatte Vishy mit Weiß und Schwarz die Stellung nach 1. Sf3 d5, 2. g3 ganz selten und spielte vor 20 Jahren das beliebt-solide c7-c6 dagegen.An sich keine schlechte Wahl von Carlsen also, nur hat der WM mit 2. ... g6 das Spiel in Richtung Fianchetto-Grünfeld gelenkt, zu dem es dann nicht kam.

Beitrag von zugzwang

e2-e4 - eine wenn auch nur kleine Überraschung, die größere war c7-c6 Caro-Kann.Doch die Tigerfalle war zu offensichtlich aufgebaut. Carlsen läßt eine der schärsten Stellungen der Eröffnungstheorie zu mit dem Caro-Kann mit 0-0.5-6 Minuten Zeitverbrauch nach 14. ... 0-0 - der Einladung zur Großwildjagd Polarbär gegen Tiger.Der Tiger ahnt, daß der Polarbär und sein Team die Stellung frisch und intensiv geprüft haben und lehnt die Einladung zum Treiben trocken ab.Während Leko und Co schon ihre alten Anlalysen prüfen und die Anlaufen lassen, wählt derweltmeister schmerzfrei eine Variante, die keine Unruhe aufkommen läßt.Forcierte Friedenstiftung im sanften, ruhigen Stil eines Gandhi.Sollte dieser Eröffnungsverlauf noch einmal aufs Brett kommen, dann wird es brennen und man wird sehen,ob tiger oder Polarbär besser zurechtkommen.Wieder wird manch einer enttäuscht sein, aber WM-Schach ist anders als Top-Turnier und auch die Vorgänger haben die Lücken und Löcher in WM-kämpfen gesucht und erspäht.

Beitrag von Kiffing

18. Dg4!? wäre interessant geworden. Aber Anand fürchtete nach eigener Aussage, in die Vorbereitung Carlsens zu laufen. Die Philosophie Gandhis mag in der Politik hilfreich sein, auf dem Schachbrett ist sie nicht das, was die Zuschauer sehen wollen. ;)[Event "Anand-Carlsen World Championship"][Site "1:18:33-1:34:33"][Date "2013.11.10"][EventDate "2013.11.07"][Round "2"][Result "1/2-1/2"][White "Viswanathan Anand"][Black "Magnus Carlsen"][ECO "B18"][WhiteElo "2775"][BlackElo "2870"][PlyCount "2"]1.e4 c6 2.d4 d5 3.Nc3 dxe4 4.Nxe4 Bf5 5.Ng3 Bg6 6.h4 h6 7.Nf3 e6 8.Ne5 Bh7 9.Bd3 Bxd3 10.Qxd3 Nd7 11.f4 Bb4+ 12.c3 Be7 13.Bd2 Ngf6 14.O-O-O O-O 15.Ne4 Nxe4 16.Qxe4 Nxe5 17.fxe5 Qd5 18.Qxd5 cxd5 19.h5 b5 20.Rh3 a5 21.Rf1 Rac8 22.Rg3 Kh7 23.Rgf3 Kg8 24.Rg3 Kh7 25.Rgf3 Kg8 1/2-1/2

Beitrag von Kiffing

Heute gab es in der dritten Runde die bisher wohl interessanteste Partie, die sich zum ersten Mal nicht mehr oder weniger durchgängig im Remishafen aufhielt. Nach einer beidseitig anspruchsvollen Eröffnung periklitierte Carlsen im frühen Mittelspiel, als er dem Gegner mit 13. Lb4 a tempo ermöglichte, das Zentrum zu dominieren und später am Damenflügel aktiv zu werden, wo der Inder sogar einen Bauern gewinnen konnte. Als Kompensation behauptete Carlsen durch die etwas eigentümliche Batterie Dh1+Lg2 die Beherrschung der großen Diagonalen h1-a8 und später das starke Zentralfeld d4 für den weißfeldrigen Läufer. Daß noch immer noch nicht richtig Feuer in diese Weltmeisterschaft gekommen ist, bewies der zwar nach wie vor solide, aber immer noch wenig angriffslustige und riskofreundliche Titelverteidiger durch sein gespieltes 37. ...Td8?, was alle Komplikationen auf dem Brett auf einen Schlag aufhebt. Dabei hatte er doch einen starken Freibauern auf d4 gehabt, der obendrein Mehrbauer gewesen ist. Mit Sicherheit interessant wäre der ambitionierte Multifunktionszug 37. ...Ld4! gewesen, was die d-Linie für den Weißen schließt, das wertvolle Zentralfeld d4 mit dem Läufer besetzt, der hier mittels ...e5 festgehalten werden kann und die Drohung ...Tf8 ermöglicht. Hier hätte Carlsen sich wohl lange auf einem sehr schmalen Grat verteidigen müssen. Will Anand nicht gewinnen?[Event "Anand-Carlsen World Championship"][Site "0:54:33-0:58:33"][Date "2013.11.12"][EventDate "2013.11.07"][Round "3"][Result "1/2-1/2"][White "Magnus Carlsen"][Black "Viswanathan Anand"][ECO "A07"][WhiteElo "2870"][BlackElo "2775"][PlyCount "2"]1.Nf3 d5 2.g3 g6 3.c4 dxc4 4.Qa4+ Nc6 5.Bg2 Bg7 6.Nc3 e5 7.Qxc4 Nge7 8.O-O O-O 9.d3 h6 10.Bd2 Nd4 11.Nxd4 exd4 12.Ne4 c6 13.Bb4 Be6 14.Qc1 Bd5 15.a4 b6 16.Bxe7 Qxe7 17.a5 Rab8 18.Re1 Rfc8 19.axb6 axb6 20.Qf4 Rd8 21.h4 Kh7 22.Nd2 Be5 23.Qg4 h5 24.Qh3 Be6 25.Qh1 c5 26.Ne4 Kg7 27.Ng5 b5 28.e3 dxe3 29.Rxe3 Bd4 30.Re2 c4 31.Nxe6+ fxe6 32.Be4 cxd3 33.Rd2 Qb4 34.Rad1 Bxb2 35.Qf3 Bf6 36.Rxd3 Rxd3 37.Rxd3 Rd8 38.Rxd8 Bxd8 39.Bd3 Qd4 40.Bxb5 Qf6 41.Qb7+ Be7 42.Kg2 g5 43.hxg5 Qxg5 44.Bc4 h4 45.Qc7 hxg3 46.Qxg3 e5 47.Kf3 Qxg3+ 48.fxg3 Bc5 49.Ke4 Bd4 50.Kf5 Bf2 51.Kxe5 Bxg3+ 1/2-1/2

Beitrag von Kiffing

Reminiszenzen an die 1. WM-Partie zwischen Fischer und Spasski beim „Nervenkrieg in Reykjavik“ hatte ich heute bei der Viertrundenbegegnung der WM in Chennai, als Carlsen sich aufgrund materieller Gelüste an dem Ba2 vergriff. Während Fischers Schlagzug heute noch unerklärlich ist und zu den zahlreichen Mythen und Legenden der Schachgeschichte gehört, weil sein Läufer anschließend schlichtweg weg war, konnte Carlsen diesen aber befreien. Er mußte freilich ernsthafte Kompensation für den Gegner hinnehmen. Nach einem „Berliner Endspiel“ behauptete der Titelverteidiger nun die d-Linie mit einem verdoppelten Turm, und Carlsens Ta8 und total blockierter Lc8 sahen zumindest komisch aus. Allerdings, und das spricht für die scharfe Berechnung eines Carlsens, hatten diese Figuren durchaus ihren Wert. Carlsen kontrolliert sämtliche Einbruchsfelder gegen die beiden weißen Türme, sein Lc8 besitzt eine starke Röntgenwirkung, der somit die weiße Majorität auf dem Königsflügel ebenfalls am Fortkommen hindert, und der Ta8 wird genau hier gebraucht, wenn Carlsen mit dem a-Bauern vorgeht, um entweder die a-Linie zu öffnen, oder wenn durch Umgehen des Hebels derselbe zu einem entfernten Freibauern avanciert, der vom Ta8 nun vortrefflich unterstützt wird. Evtl. stand Carlsen wegen seines Mehrbauern und seiner 3:1-Majorität am Damenflügel schon recht deutlich besser. Anand reagierte, indem er seine Türme auf die c-Linie umgruppierte, wo der Tc4 nun das weitere Vorpreschen des a-Bauern verhindert. Carlsen selbst unterminierte mit Hilfe seines subtilen Lc8 nun die gegnerische Majorität am Königsflügel und zersplitterte diese erfolgreich. Hier fand Anand nun ein interessantes Mittel, um selber wieder Aktivität zu bekommen. Er opferte temporär einen Bauern, aktivierte damit seine Figuren und wurde, da der Verteidiger auf der c-Linie, der blockierende Sc6 abgetauscht wird, auf der c-Linie wieder gefährlich. So fiel der Bc7 mit Schach, und der bis nach e7 vorgerückte Freibauer wurde zwar vom Gegner wirkungsvoll blockiert, ist aber nun genauso wirkungsvoll von Weiß verteidigt und bildete damit ein zuverlässiges Gegengewicht zu den beiden Bauern, die Schwarz ohne ihn im Vorteil wäre. Diese Konstellation besaß in diesem Doppelturmendspiel bereits eine starke Neigung zum Remis, in das der Inder wie schon oft in dieser Saison gewohnt zielsicher einbog. Das war heute die erste wirklich gute Partie in dieser WM. In diesem Stile darf es weitergehen. [Event "Anand-Carlsen World Championship"][Site "0:15:33-0:05:33"][Date "2013.11.13"][EventDate "2013.11.07"][Round "4"][Result "1/2-1/2"][White "Viswanathan Anand"][Black "Magnus Carlsen"][ECO "C67"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "2"]1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 Nf6 4.O-O Nxe4 5.d4 Nd6 6.Bxc6 dxc6 7.dxe5 Nf5 8.Qxd8+ Kxd8 9.h3 Bd7 10.Rd1 Be7 11.Nc3 Kc8 12.Bg5 h6 13.Bxe7 Nxe7 14.Rd2 c5 15.Rad1 Be6 16.Ne1 Ng6 17.Nd3 b6 18.Ne2 Bxa2 19.b3 c4 20.Ndc1 cxb3 21.cxb3 Bb1 22.f4 Kb7 23.Nc3 Bf5 24.g4 Bc8 25.Nd3 h5 26.f5 Ne7 27.Nb5 hxg4 28.hxg4 Rh4 29.Nf2 Nc6 30.Rc2 a5 31.Rc4 g6 32.Rdc1 Bd7 33.e6 fxe6 34.fxe6 Be8 35.Ne4 Rxg4+ 36.Kf2 Rf4+ 37.Ke3 Rf8 38.Nd4 Nxd4 39.Rxc7+ Ka6 40.Kxd4 Rd8+ 41.Kc3 Rf3+ 42.Kb2 Re3 43.Rc8 Rdd3 44.Ra8+ Kb7 45.Rxe8 Rxe4 46.e7 Rg3 47.Rc3 Re2+ 48.Rc2 Ree3 49.Ka2 g5 50.Rd2 Re5 51.Rd7+ Kc6 52.Red8 Rge3 53.Rd6+ Kb7 54.R8d7+ Ka6 55.Rd5 Re2+ 56.Ka3 Re6 57.Rd8 g4 58.Rg5 Rxe7 59.Ra8+ Kb7 60.Rag8 a4 61.Rxg4 axb3 62.R8g7 Ka6 63.Rxe7 Rxe7 64.Kxb3 1/2-1/2

Beitrag von zugzwang

Bisher waren alle Partien gut. Nur in unterschiedlichen Kategorien, die nicht jedermanns Geschmack sind.Es gab bisher z.B. keinen Blunder oder gröberen Fehler.Die Partien 3 und 4 heben sich natürlich schon von den Kurzremisen ab, wobei die 2. Partie wegen der Eröffnungswahl und damit einhergehender Psychologie nicht von schlechten Eltern war.Was die Spieler heute alles berechnen mußten, das nicht aufs Brett kam oder im Enginefenster erwähnt war, war schon enorm.Ein Beispiel: Was passiert auf 30. ... a6? Ich habe gesucht, geschaut, gerechnet und nichts gefunden bzw. verstanden.31. Sxc7 funktioniert bei mir nicht.31. Tdc1 Ld7, 32. Sa3 sieht komisch für Weiß aus und 32. Sd4 Sxd4, 33. Txc7 Kb8, 34. Txd7 scheitert doch an 34. ... Se2 nebst Sxc1.Carlsen, Vishy und Ängie haben es besser gesehen. Und das ist nur eine von vielen Stellungen dieser Partie.Fischer hatte damals Lxh2 mit einer befreiungsidee gespielt. Nur funktionierte dies um ein Tempo nicht. Kurioserweise scheint die Stellung trotz des Übersehens nicht verloren gewesen zu sein, wie umfangreiche Analysen nahelegen. Doch fand Fischer - genervt, verunsichert - nicht die schwierigsten Aufgaben für Spassky.Auf chessgames.com sind seitenlange Kommentare zu diesem komplexen Endspiel.Das wird die heutige spannende Partie nicht ganz schaffen.

Beitrag von ruf012

Bleibt die Zeitmessung eines während der Partie krankheitsbedingt ausgefallenen Spielren stehen oder läuft sie weiter.

Beitrag von Kiffing

Der Tiger schien sich dazu durchgerungen zu haben, in der 5. Partie mehr auf Risiko zu gehen und dem Herausforderer ein eigenes Spiel entgegenzusetzen. Carlsen eröffnete diesmal mit Englisch, worauf die für Schwarz ambitionierte Dreiecksvariante im halbslawischen Damengambit entstand. Nach diversen Abwicklungen ließ Anand sich tief zurückfallen und besaß für Raumvorteil und Entwicklung des Gegners das Läuferpaar, das Carlsen aber durch energisches Spiel halbieren konnte. Aufgrund des deutlich besseren Läufers und der besseren Bauernstruktur (bei fünf Bauern besaß der Inder vier Inseln), spielte Carlsen fortan auf Gewinn. Derart in die Ecke gedrängt, setzte Anand, der in diesem Spielabschnitt seine stärkste Phase hatte, auf eine bedingungslose Schlußoffensive. Urplötzlich erwachten seine Figuren zum Leben, und nach dem starken 36. ...Ld1! hatte er sich sogar endlich den Ausgleich auf dynamischer Grundlage erkämpft. Aber auch hier zeigte sich, daß Anand in Chennai der letzte Biß und die letzte Konsequenz fehlen. Statt auf dem richtigen Pfad fortzusetzen und Carlsen weiter sein Gegenspiel aufzuzwingen, scheute sich Anand im 45. Zug davor, den weißen Ba3 abzuholen und sich somit selber einen gefährlichen Freibauern auf der a-Linie zu schaffen.[FEN=5]8/7B/8/2pkP2R/p6p/PbK5/6PP/3r4 b - - 0 45[/FEN]Die Analyse mit Fritz 13 zeigt einen forcierten Remispfad: 45. ...Ta1 46. Lg8+ Lc6 47. Lxb3 Txa3 48. Kc4 Txb3 49. Th8+ Kd7 50. Kxc5 Tb2 51. Ta6 Ta2 =. Indem Anand auf diese Strategie verzichtete, begab er sich kampflos in ein schlechteres Endspiel, in dem er nur noch Klammerchancen auf ein Remis besaß. In solchen Strukturen fühlt sich der Kneter par excellence aus Norwegen natürlich wie ein Fisch im Wasser, und so dauerte es auch nicht mehr allzulange, bis er den in Chennai bislang viel zu zahmen Tiger ausgetrocknet hatte. Carlsen geht nun mit 3:2 in Führung und hat damit seine Ausgangslage in Chennai deutlich verbessert.[Event "WM Chennai 2013"][Site ""][Date "15.11.2013"][Round "5"][White "Magnus Carlsen"][Black "Vishy Anand"][Result "1-0"][PlyCount "116"][TimeControl "240+2"]{238MB, Fritz13.ctg, MYCOMPUTER} 1. c4 {0} e6 2. d4 d5 3. Nc3 c6 4. e4 dxe4 5.Nxe4 Bb4+ 6. Nc3 c5 7. a3 Ba5 8. Nf3 Nf6 9. Be3 Nc6 10. Qd3 cxd4 11. Nxd4 Ng412. O-O-O Nxe3 13. fxe3 Bc7 14. Nxc6 bxc6 15. Qxd8+ Bxd8 16. Be2 Ke7 17. Bf3Bd7 18. Ne4 Bb6 19. c5 f5 20. cxb6 fxe4 21. b7 Rab8 22. Bxe4 Rxb7 23. Rhf1 Rb524. Rf4 g5 25. Rf3 h5 26. Rdf1 Be8 27. Bc2 Rc5 28. Rf6 h4 29. e4 a5 30. Kd2 Rb531. b3 Bh5 32. Kc3 Rc5+ 33. Kb2 Rd8 34. R1f2 Rd4 35. Rh6 Bd1 36. Bb1 Rb5 37.Kc3 c5 38. Rb2 e5 39. Rg6 a4 40. Rxg5 Rxb3+ 41. Rxb3 Bxb3 42. Rxe5+ Kd6 43. Rh5Rd1 44. e5+ Kd5 45. Bh7 Rc1+ 46. Kb2 Rg1 47. Bg8+ Kc6 48. Rh6+ Kd7 49. Bxb3axb3 50. Kxb3 Rxg2 51. Rxh4 Ke6 52. a4 Kxe5 53. a5 Kd6 54. Rh7 Kd5 55. a6 c4+56. Kc3 Ra2 57. a7 Kc5 58. h4 Kd5 *

Beitrag von zugzwang

Diese Gewinnpartie ist nach meiner Erinnerung die am härtesten und längsten umkämpfte erste Gewinnpartie eines WM-Kampfes.In früheren Kämpfen waren die Partien bei der 1. Zeitkontrolle entschieden oder vorentschieden.In der gestrigen Partie wußte man - auch durch Einflüsterung von Ängie - nicht, ob der Herausforderer überhaupt noch einen verwertbaren Vorteil besitzt.Es bedurfte jedenfallsintensiverer Beschäftigung, wer welche Möglichkeiten hat. Ein Blick zurück:Mit Vishys 1 ... e6 (wie Karpov gegen Kortschnoj) auf Carlsens 1. c4 hatten wir die Chance auf eine "klassische WM-Eröffnung", weil sich Magnus nicht verweigerte und 2. d4 zog.Das von Anand im 3. Zug angewandte Trinagelsystem könnte dagegen zum 1. Mal so bei einer WM auf dem Brett gestanden haben.Als Carlsen dann mit dem scharfen 4. e4 das Marshall-Gambit antäuschte, jubelten weltweit sicher etliche Kiebitze.Wird jetzt in einer WM-Partie das aufgearbeitet, was Schachfreunde und Theoretiker seit Jahrzehnten beschäftigt?Carlsen wäre nicht eine Fortentwicklung des Spielstils von Karpow im engine-Zeitalter, wenn er sich auf diese Abenteuer einließe, zumal er die Variante nicht unbedingt am Vortag auf dem Bildschirm gehabt haben muß, waren doch etliche andere Fortsetzungen und Aufbauten Anands auf 1.c4 zu erwarten.Die sichere Partiefortsetzung des Norwegers schließt eine intensive theoretischer Auseinandersetzung zwar nicht aus, doch etwas Weltbewegendes dürfte nicht gefunden worden sein.Aber eben eine Spielstellung ohne großes theoretisches Hintergrundwissen auf Seiten des Gegners, wie Carlsen sie bevorzugt.Der Weltmeister hält konsequent dagegen und insbesondere sein Ausflug Sf6-g4, von dem ich anderer Stelle las, daß er etwas "primitiv"/einfach wirke, stellt die Nachhaltigkeit und Vorteilhaftigkeit des weißen Aufbaus in Frage.Allerdings ließ sich Vishy eine Chance nach 16. Le2 entgehen. Ängie flüstert bereits spielbare alternativen zu 13. ... Lc7.Mit 16. ... Lb6 oder vllt. auch 16. ... Lg5 konnte der Tiger die weiße Bauernschwäche e3 befragen und ihn zwingen die Karten aufzudecken.Vielleicht witterte er hier eine tiefe Vorbereitung Carlsens, an die ich irgendwie nicht glaube, und wich dieser konsequenten Möglichkeit aus. Ängie analysiert diese Folge unter weißem Bauernopfer e3 zu einer baldigen Zugwiederholung.In der Folge erhielt Weiß eine Stellung im Karpow-Carlsen-Typus: bessere Bauernstellung, nachdem der e3 nach Abtausch des schwarzen Schwarzfelders eine Schwäche mit Camouflage ist. Dagegen waren die schwarzen Probleme offensichtlich: schlechterer Läufer und weißfeldrige Bauernschwächen a6 und c6.In der Folge spielte der Weltmeister für mein Gefühl hervorragend. Sein Turmmanöver Tb5 und das Vorrücken der Königsflügelbauern engte die weißen Möglichkeiten ein, auch wenn gewisse Schwächenneu entstanden. Auch zeigte Vishy, daß schlechte Läufer gute Bauern schützen - und Einbruchsfelder verteidigen (Le8).Obwohl beide Spieler in einem "Meer von Blau" schwammen, bin ich mit nicht sicher, ob Carlsen im Mittelspiel wirklich nachhaltig die besten Chancen ergriff. Das Kommentatorenduo Sachdev/Trent stellte jedenfalls die interessante Möglichkeit 25.Tf2 anstatt Tf3 vor, doch die #1 hat ja seine eigene Rechenkraft und Vorstellungen.In der Pressekonferenz erwähnte Vishy auch die Möglichkeit, mit Lg6 unter Verschlechterung seiner Bauernstellung ein Doppelturmendspiel anzustreben, wo ihm die halboffenen Linien Gegenspiel geben könnten. Auch das hatten die kommentatoren auf dem Analysebrett.Tf3 (deckt e3 gegen Te5 mit Angriff auf den Le4) regt Schwarz dagegen an, seinen Läufer nach h5 zu bringen. Im weiteren Verlauf geschahen optisch "merkwürdige" (bitte im Wortsinn verstehen):Während Anand seine Bauern von der weißen Läuferfarbe löste, stellte Carlsen bzw. mußte sie stellen genau auf diese. Zuerst der Bauer von e3 nach e4, was den Läufer einschränkte und später der Bb2, weil angegriffen nach b3.Ohne Ängie-Begleitung und als Fan des Norwegers - ich bin keiner! - mußte man hier rein optisch Schlimmes für ihn befürchten. Insbesondere bei seiner Auffangstellung Lb1, Tb2, Bb3 und Kc3 mit einem verstreuten Turm auf h6 oder so, hätten die Lehrbücher bei Partieverlust früher bestimmt geschrieben, daß diese ein Lehrbeispiel sei, wie man seine Figuren gerade nicht deaktivieren soll. Die Stärke und die konkrete Herangehensweise Carlsens zeigt sich gerade darin, daß diese optisch unschöne Aufstellung vielleicht sogar der einzige Weg war, einen Mini-Vorteil festzuhalten. Um den Gegner in diese Lage zu bringen mußte Anand selbst seine Bauern auf die 5. Reihe bringen, wonach sie "schön" schwarzfeldrig postiert waren, aber aufgrund der Bauernstruktur aus der Erföffnung (Vereinzelung der Bauern) eben auch alle schwach!Dazu paßt der Satz, daß ein nunmehr guter Läufer eben keine schwachen Bauern decken kann. Vishy mußte daher aktiv spielen, damit sich seine statischen Schwächen nicht auswirken. Das gelang ihm höchstwahrscheinlich auch mit/trotz Bauernopfer und erst nach der Zeitkontrolle konnte er sich nichtaufraffen, den Bauern a3 abzuholen.Dieser weiße Schwächling war auch ein Nebenthema geworden, doch menschlich ist eine Aktion T-irgendwiea1, Txa3 nebst T irgendwie weg und Bauernvormarsch unsäglich langsam, wenn man auf einem Haufen schwacher Bauern sitzt. Konkret zeigt sich, daß dieser Weg der beste gewesen wäre und sehr wahrscheinlich ein baldiges Remis forciert hätte.Vishys Wahl führte zu Schwierigkeiten. Manche meinen, hier war die Verluststelle. Ich denke, hier muß noch tiefer analysiert werden, ob nicht noch später das Turmendspiel haltbar war.Carlsen drohte mit 2 Randbauern zu verbleiben, die einen Gewinn häufig stark erschweren.Als Einstiegsliteratur empfehle ich den Abschnitt dazu in Dworetzki/Jussupow "Effektives Endspieltraining". Mit den Beispielen Szabo-Tukmakov 1970 und Rachels-Gurewitsch 1989 wird gezeit, wie einfach und auch schwierig dies zu spielen und zu analysieren ist (Seitenhieb gegen Tony Miles wird ausgeteilt).Dem Weltmeister gelingt es nicht mehr eine rettende Aufstellung zu finden (Wo muß der sKönig hin usw.) und die aktuellen 7-Steiner geben Aufschluß.Carlsen spielt die Schlußphase recht flott, was darauf schließen läßt, daß er den Gerwinnweg schon parat hat.Nebenbemerkungen:Der Tiger hat gegen Topalov und Gelfand nach Rückstand sofort mit Weiß zurückschlagen können. Carlsen und seinem Team ist dies bekannt und sie werden darauf eingestellt sein.Der aktuell laufenden Partie kommt die Bedeutung eines kleinen Matchballs zu.Die Kommentierung durch die Veranstalterseite mit Sachdev/Trent und Polgar/Ramesh finde ich sehr ansprechend. Tania Sachdev reist nach Delhi und steht für 2 partien nicht zur verfügung. Vielleicht war dies das schlechte Omen für Vishy?Carlsens Mimik ist interessant. Seinem Gesichtsausdruck nach stand er in der 5. Partie eher auf abriß als vorteilhaft. Wenn es gespielt wäre, dann wäre es gerissen. Den gegner in Sicherheit wiegen, daß man den Vorteil nicht wahrnimmt.Ich denke aber, der Gesichtsausdruck ist zeichen seiner Anspannung, Anstrengung und seines Leidens im Ringen um den vollen Punkt. Auf der Pressekonferenz war ein kurzfristig etwas befreiter Carlsen zu erleben, der aber immer noch um die Schwere seiner Aufgabe weiß.Der Druck, die Last des 1. Schritts ist aber abgefallen und könnte zusätzliche (Geistes)kräfte freisetzen.Die 6. Partie ist jetzt wegweisend.

Beitrag von Kiffing

In der Schach-WM von Chennai ist allen Anzeichen nach die Vorentscheidung gefallen. Magnus Carlsen gewann gegen den amtierenden Weltmeister Vishy Anand das zweite Turmendspiel in Folge und führt zur Halbzeit bereits deutlich mit 4:2. Es war nicht alleine der Sieg Carlsens, der die Alarmglocken im Team Anand hat anklingen lassen, sondern auch die Art und Weise, wie diese Niederlage zustande kam. Anand dürfte demoralisiert sein.Der zurückliegende Vishy Anand legte seine Partie heute auf Sieg aus und lehnte so die von Carlsen offerierte Berliner Verteidigung ab, die in letzter Zeit auf Spitzenturnieren ein regelmäßiger Gast ist, aber fast immer mit Remis endet. Zu sehen bekamen wir stattdessen eine typische Spanische Partie, die Anand mit der Neuerung 10. Lg5 und den Grundideen Se3, Sg4 und Öffnung der a- und f-Linie offensiv anging, aber keinen Vorteil aus der Eröffnung herausholen konnte. Stattdessen wurde die Partie zu einem zähen Manövrierkampf und trug damit einen Charakter, für den gerade der Norweger prädestiniert ist. Genau hier zeigte sich wieder die ganze Klasse des Norwegers. Während andere Spieler in diesem geschlossenen Endspiel mit Dame und Turm auf jeder Seite nur wenig hätten herausholen können, blühte Magnus Carlsen erst richtig auf. Mit dem drohenden Hebel 38. ...f5 veranlaßte er den Titelverteidiger dazu, einen Bauern zu opfern, um im Turmendspiel sein Glück zu versuchen, das Spiel noch zu halten. Gegen jeden anderen Spieler hätte Anand womöglich diese Aufgabe gelöst, aber dem Dauerdruck des Norwegers war er am Ende nicht mehr gewachsen. Kühl wie eine Monsterengine spulte Carlsen seine Züge herunter, ließ keine Ressource aus und bezwang Anand letztendlich auf spektakuläre und überaus kreative Art und Weise, indem er den weißen König durch Bauernopfer auf die h-Linie verbannte und so seinem Freibauer auf der f-Linie die Umwandlung ermöglichte. Diesmal kann sich Anand m. E. nichts vorwerfen. Es hat einfach der bessere Spieler gewonnen, der bald der neue verdiente Weltmeister sein wird. Die Wachablösung beginnt Realität zu werden. Ein ganz Großer wird von der Bühne abtreten und einem Jüngeren Platz lassen, der ebenfalls ganz Großes erreichen will.[Event "Anand-Carlsen World Championship"][Site "0:37:33-1:06:33"][Date "2013.11.16"][EventDate "2013.11.07"][Round "6"][Result "0-1"][White "Viswanathan Anand"][Black "Magnus Carlsen"][ECO "C65"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "2"]1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 3.Bb5 Nf6 4.d3 Bc5 5.c3 O-O 6.O-O Re8 7.Re1 a6 8.Ba4 b5 9.Bb3 d6 10.Bg5 Be6 11.Nbd2 h6 12.Bh4 Bxb3 13.axb3 Nb8 14.h3 Nbd7 15.Nh2 Qe7 16.Ndf1 Bb6 17.Ne3 Qe6 18.b4 a5 19.bxa5 Bxa5 20.Nhg4 Bb6 21.Bxf6 Nxf6 22.Nxf6+ Qxf6 23.Qg4 Bxe3 24.fxe3 Qe7 25.Rf1 c5 26.Kh2 c4 27.d4 Rxa1 28.Rxa1 Qb7 29.Rd1 Qc6 30.Qf5 exd4 31.Rxd4 Re5 32.Qf3 Qc7 33.Kh1 Qe7 34.Qg4 Kh7 35.Qf4 g6 36.Kh2 Kg7 37.Qf3 Re6 38.Qg3 Rxe4 39.Qxd6 Rxe3 40.Qxe7 Rxe7 41.Rd5 Rb7 42.Rd6 f6 43.h4 Kf7 44.h5 gxh5 45.Rd5 Kg6 46.Kg3 Rb6 47.Rc5 f5 48.Kh4 Re6 49.Rxb5 Re4+ 50.Kh3 Kg5 51.Rb8 h4 52.Rg8+ Kh5 53.Rf8 Rf4 54.Rc8 Rg4 55.Rf8 Rg3+ 56.Kh2 Kg5 57.Rg8+ Kf4 58.Rc8 Ke3 59.Rxc4 f4 60.Ra4 h3 61.gxh3 Rg6 62.c4 f3 63.Ra3+ Ke2 64.b4 f2 65.Ra2+ Kf3 66.Ra3+ Kf4 67.Ra8 Rg1 0-1

Beitrag von zugzwang

[QUOTE=Kiffing;20884]... Es war nicht alleine der Sieg Carlsens, der die Alarmglocken im Team Anand hat anklingen lassen, sondern auch die Art und Weise, wie diese Niederlage zustande kam. Anand dürfte demoralisiert sein...[/QUOTE]Wohl wahr. Aus meiner Patzersicht eine der mysteriösesten und überflüssigsten Niederlagen bei einer WM-Partie.Es handelt sich hier ja nicht um ein Übersehen oder einen Patzer, wie er immer mal vorkommen kann, sondern um einige sehr seltsame Entscheidungen von Vishy ohne stressigen Zeitdruck.Die weitere Verschlechterung der Bauernstruktur mit 29. Td1 schien weder erzwungen noch naheliegend, aber auch nicht entscheidend schlecht. Trotzdem ...Was Vishy an d5 hier oder im nächsten Zug störte, weiß noch nicht einmal der Teekoch oder Zapfer des Mineralwassers.Aber selbst die optisch unschöne Bauernstellung schien mir wegen Gegendruck auf der d-Linie voll verteidigungsfähig und einen brauchbaren Hebel habe ich nicht ausgemacht.Die nächste Entscheidung war 38. Dg3 mit Aufgabe eines Bauern. Kann man auch spielen und verteidigen, doch wie soll Carlsen eigentlich überhaupt erst einen Bauern erobern, wenn Vishy diesen einfach weiter deckt?[QUOTE=Kiffing;20884]... Stattdessen wurde die Partie zu einem zähen Manövrierkampf und trug damit einen Charakter, für den gerade der Norweger prädestiniert ist. Genau hier zeigte sich wieder die ganze Klasse des Norwegers. Während andere Spieler in diesem geschlossenen Endspiel mit Dame und Turm auf jeder Seite nur wenig hätten herausholen können, blühte Magnus Carlsen erst richtig auf. Mit dem drohenden Hebel 38. ...f5 veranlaßte er den Titelverteidiger dazu, einen Bauern zu opfern, um im Turmendspiel sein Glück zu versuchen, das Spiel noch zu halten...[/QUOTE]Auch hier habe ich keine großartige Manöver des Norwegers gesehen. Er hat das gespielt, was die Stellung hergab, und das hätte gegen viel (Groß)meister, die sich nicht irgendwie in Trance befinden, für mein Gefühl nicht zum Gewinn reichen dürfen - insbesondere die Schwerfigurenkonstellation.Ich habe häufig Einspruch erhoben, wenn Spieler hart und eher unsachlich kritisiert werden, aber heute ist mir Vishys Mittelspiel und auch das spätere Endspiel ein einziges Rätsel.Wie soll denn der Hebel f5 zum Laufen kommen? Aktuell scheitert er einfach an Rausschlagen, wenn Vishy statt Dg3 Kh1 spielt.Nochmal: Wie soll Schwarz überhaupt einen Bauern erobern, ohne die eigene Stellung zu kompromittieren?[QUOTE=Kiffing;20884]...Gegen jeden anderen Spieler hätte Anand womöglich diese Aufgabe gelöst, aber dem Dauerdruck des Norwegers war er am Ende nicht mehr gewachsen. Kühl wie eine Monsterengine spulte Carlsen seine Züge herunter, ließ keine Ressource aus und bezwang Anand letztendlich auf spektakuläre und überaus kreative Art und Weise, indem er den weißen König durch Bauernopfer auf die h-Linie verbannte und so seinem Freibauer auf der f-Linie die Umwandlung ermöglichte. Diesmal kann sich Anand m. E. nichts vorwerfen. Es hat einfach der bessere Spieler gewonnen, der bald der neue verdiente Weltmeister sein wird. Die Wachablösung beginnt Realität zu werden. Ein ganz Großer wird von der Bühne abtreten und einem Jüngeren Platz lassen, der ebenfalls ganz Großes erreichen will.[/QUOTE]Auch hier ist mein Eindruck, daß Carlsen sehr lehrreich und technisch sauber gewinnen konnte, weil der Weltmeister das Turmendspiel, ähm ja, sehr eigenwillig verteidigte.Wie gewinnt Schwarz mit der zerrupften Struktur eigentlich, wenn Vishy mit 51. b3 auflöst. Carlsen kann dann mit Te3+ nebst Txc3 noch einen Bauern einstreichen, verliert dann aber den c4 und verbleibt mit f- und Doppel-h (wenn es wenigstens Doppel-f wäre!) gegen den weißen g-Bauern und einen nicht abgeschnittenen wKönig.Wenn Magnus ein derartiges Endspiel gewinnt, dann ziehe ich den Hut!Also wenn Vishy sich überhaupt jemals etwas vorzuwerfen hat, dann ist es leider diese heutige Partie.Sollte ich mit meinen Eindrücken falsch liegen, dann ist es eben mein Patzerniveau, das da nicht durchblickt.Liege ich halbwegs richtig, dann ist dies die ominöseste WM-Partie im Gleichlauf mit der 10. von Lasker-Schlechter 1910.

Beitrag von Kiffing

[QUOTE=zugzwang;20885]Liege ich halbwegs richtig, dann ist dies die ominöseste WM-Partie im Gleichlauf mit der 10. von Lasker-Schlechter 1910.[/QUOTE]Ein ausgezeichneter [URL="http://www.zeit.de/sport/2013-11/carlsen-sieg-anand-schach-wm-partie-6"]Zeit-Artikel[/URL] wirft einen tiefen Blick auf das Drama, das sich gestern in Chennai abgespielt hatte. Der Autor, selbst ein starker Schachspieler um 2000, erklärt sich das Geschehen in diesem für die meisten Schachspieler wohl total faden Schwerfigurenendspiel mit der speziellen Stärke Carlsens in solchen Strukturen:[QUOTE]Der Norweger ist bekannt dafür, in einfachen, ja langweiligen Positionen zu voller Form aufzulaufen. Dann kommen ihm die besten Ideen, kleine Tricks, üble Fallen, dann entfaltet er diesen unterschwelligen, unangenehmen Druck. Mancher Gegner strauchelt dann, eine Ungenauigkeit, und aus – denn Carlsen spielt fast fehlerfrei[/QUOTE]Und genau das sei eben Anand gestern passiert:[QUOTE]Und an einem bestimmten Punkt greift Anand fehl. Im 60. Zug zieht er seinen Turm nach a4. Hätte er stattdessen den b-Bauern nach vorn geworfen, wäre es wohl noch Remis geworden. Nun verliert er. Schwarz drückt einen Bauern zur Grundreihe durch. Der Norweger ist nicht zu stoppen. Er siegt nach fünf Stunden.[/QUOTE]Diese Erklärung klingt dann schon wieder weniger mysteriös. Wahrscheinlich hätte ein frischer Anand diesen Fehler nie im Leben gespielt. Aber er war wohl einfach übermüdet, enttäuscht (daß er wieder nicht gewinnen wird können) und gelangweilt, und irgendwann passierte dann der Fehler (auch wenn es letztendlich einige Ungenauigkeiten bzw. eher fragwürdige Strategien) waren.In diesem Punkt erinnert mich Carlsen sehr an Fischer, dessen Gegner nach dem intensiven Spielkontakt mit ihm reif für die Insel waren. Wie Kasparov betonte, kamen etliche von ihnen nicht einmal mehr zur alten Form zurück...

Beitrag von zugzwang

Hier[url]http://www.theweekinchess.com/chessnews/events/fide-world-chess-championship-anand-carlsen-2013/carlsens-second-win-in-a-row-a-heavy-blow-to-anands-world-championship-chances[/url]werden einige Stellen der Partie gut beschrieben.Ich denke, man kann noch einige mehr finden.Das Turmendspiel habe ich mir bisher nur kurz angeschaut. Das Endspiel aus der 5. Partie fand ich wesentlich interessanter, aber der Schlußabschnitt der 6. Partie ist wieder lehrreich. Vor und nach Ta4.Die 6. Partie ist imo eine der schwächsten, die Anand je um die Weltmeisterschaft spielte. Vielleicht nur getoppt von der Weiß-Drachenniederlage gegen Kaspi.Vishys kleine Schwäche, auch schon früher (siehe Kandidatenmatch gegen Karpov 1991, das 1998er Minimatch muß unter dem Aspekt Kräfte- und Nervenverschleiß gesondert gesehen werden), sind einige wenige, dafür umso unerklärlichere Aussetzer bei Sachen, die er 9 von 10x im Blitz besser als in der Turnierpartie findet.Ich hoffe, sein Team hat psychologisches Fingerspitzengefühl, weil Vishys Problem mit Carlsen nicht allein ein schachliches ist. Der Herausforderer hat bisher gut, aber nicht überragend gespielt, gerade weil er noch voll gefordert wurde.Ich würde den Weltmeister daran erinnern, daß er gegen Karpov ein 0:2 in viel kürzerer Distanz aufgeholt hat.Allerdings ruft man dann die Geister wieder wach, daß er im Schnellschach verlor und dabei in der 1. Partie eine klare Gewinnstellung aus der Hand gab... Schwierig ...Aber Vishy kann mehr und macht sich vllt. selbst zuviel Druck.Wie schon von anderen angemerkt, ist das Problem zum Wechsel auf 1. d4, daß Carlsen auf diesen Zug sehr viel spielt, was eine konkrete vorbereitung zum Ratespiel mit keiner guten Quote macht. Und Vishy ist nach seinen 3 WM-Kämpfen mit Kramnik, Topa und Gelfy mit ihren thematischen Inhalten die Spontanität verlorengegangen. Die Kraft der Vorbereitung scheint die Kraft der eigenen Erfindungsgabe am Brett zu sehr zu beherrschen.Zitat ZeitDer Norweger ist bekannt dafür, in einfachen, ja langweiligen Positionen zu voller Form aufzulaufen. Dann kommen ihm die besten Ideen, kleine Tricks, üble Fallen, dann entfaltet er diesen unterschwelligen, unangenehmen Druck. Mancher Gegner strauchelt dann, eine Ungenauigkeit, und aus – denn Carlsen spielt fast fehlerfrei Das paßt auf solche Endspiele wie gegen Karjakin aus Wijk 2013, das in seiner Art faszinierend.In der 6. WM-Partie muß subtiles und relativ fehlerfreies Spielseitens Carlsens erst noch untersucht werden. Es steht eher im Raum, daß auch Carlsen selbst das Endspiel anders als in der 5. Partie nicht mit den schwierigsten Aufgaben ausgestaltete. Er selbst kritisierte bereits, daß er h4-h5 zuließ.

Beitrag von Kiffing

Die 7. Partie ist nach nur wenig interessantem und wenig spannendem Verlauf schon nach 32 Zügen mit Remis beendet worden. Vishy Anand vermied erneut die Berliner Verteidigung, spielte aber diesmal etwas anderes als in der Vorgängerpartie. Aber mehr als vor zwei Tagen konnte er aus der Eröffnung auch nicht herausholen. Diesmal vermied der Norweger es, der mit dem Remis hochzufrieden sein kann, Anand erneut seine Knetfertigkeiten in unscheinbaren Stellungen vorzuführen und den Inder so erneut zu quälen. Durch das Remis ist er seinem Titel erneut etwas näher gekommen, während Anand nur noch auf ein Wunder hoffen kann. [Event "Schach-WM Chennai 2013"][Site "?"][Date "????.??.??"][Round "7"][White "Vishy Anand"][Black "Magnus Carlsen"][Result "1/2 - 1/2"][PlyCount "64"]1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6 4. d3 Bc5 5. Bxc6 dxc6 6. Nbd2 Bg4 7. h3 Bh5 8.Nf1 Nd7 9. Ng3 Bxf3 10. Qxf3 g6 11. Be3 Qe7 12. O-O-O O-O-O 13. Ne2 Rhe8 14.Kb1 b6 15. h4 Kb7 16. h5 Bxe3 17. Qxe3 Nc5 18. hxg6 hxg6 19. g3 a5 20. Rh7 Rh821. Rdh1 Rxh7 22. Rxh7 Qf6 23. f4 Rh8 24. Rxh8 Qxh8 25. fxe5 Qxe5 26. Qf3 f527. exf5 gxf5 28. c3 Ne6 29. Kc2 Ng5 30. Qf2 Ne6 31. Qf3 Ng5 32. Qf2 Ne6 *

Beitrag von Zapp Brannigan

Als 1.e4 e5 spieler finde ich diese d3-spanier alles andere als gefährlich. Weiss sagt eigentlich, dass er auf eine theoretische diskussion verzichten will und einfach schach spielen will, aber dies ist eigentlich eine typische carlsen-strategie. Im d3-spanier sehe ich carlsen sowohl mit weiss wie auch mit schwarz als favoriten.Aber was soll anand sonst spielen? Er ist gegen 1.e4 e5 2.Nf3 Nc6 ein nur-spanish-spieler, laut meiner datenbank hat er in 323 partien mit diesem anfang 309 mal den spanier gespielt. nach 3...Nf6 ging er hauptsächlich ins endspiel über, aber da stand er gegen carlsen auch sofort schlechter, und in den beiden d3-partien konnte er auch nichts holen. Ist dies das ende von spanisch? Wird anand nochmals versuchen eine starke neuerung im berliner endspiel zu finden, oder steigt er auf was anderes um, z.bsp. schottisch oder vierspringerspiel?

Beitrag von Zapp Brannigan

1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6 4. O-O Nxe4 5. Re1 die variante an der jeder berlin-spieler verzweifelt. Während sowohl 4.d3 wie auch 5.d4 dem schwarzen gute chancen geben, ungleichgewichte ins spiel zu bringen, was das spiel auf sieg ermöglicht, ist es extremst schwer, nach 5.Re1 irgendwas reissen zu wollen mit schwarz. In einer must-win sitution hätte ich wohl 4...Bc5 gespielt, aber zum glück hat man auf meinem niveau eigentlich nur must-not-lose situationen...Auf jeden fall komische eröffnungswahl von anand, ein etwas agressiver gestimmter carlsen hätte evtl. sogar 4.d3 gespielt und versucht zu gewinnen, aber mit +2 will carlsen wohl einfach schneller ans ende des mit 12 partien viel zurzen WM-matchs kommen. Wieso genau spielen die eigentlich nicht mehr 24 partien wie früher? mit über 1 Mio € gewinngeld könnten die doch auch etwas mehr schwitzen...Anyway, zurück zur eröffnung, ich erwartete eigentlich einen sizilianer von anand, oder evtl. ein caro-kann. Gut, gegen beides hat weiss auch ich-spiel-auf-null-risiko varianten (z.bsp. die Bb5+-variante gegen den d6-sizi), aber etwas mehr leben als in der hier entstandenen französisch-abtausch-struktur ohne guten hebel-möglichkeiten (im normalen abtausch-franzosen kann schwarz immerhin c5 spielen, das geht hier nichtmal) hätten diese eröffnungen wohl schon geboten?

Beitrag von Kiffing

Magnus Carlsen geht unaufhaltsam seinem ersten Weltmeistertitel entgegen. Diesmal war es Vishy Anand, der die Berliner Verteidigung offerierte. Magnus Carlsen, bekannt für seine Abneigung gegen ausanalysierte Hauptvarianten, wählte mit 5. Te1 eine Nebenvariante, die das damenlose Mittelspiel vermeidet. Viel passierte danach nicht mehr, und völlig ungefährdet erreichte Magnus Carlsen sein Remis. Der Weltmeister hat sich offensichtlich mit dem baldigen Titelverlust abgefunden und leistet keinen Widerstand mehr. [Event "Anand-Carlsen World Championship"][Site "Chennai IND"][Date "2013.11.19"][EventDate "2013.11.07"][Round "8"][Result "1/2-1/2"][White "Magnus Carlsen"][Black "Viswanathan Anand"][ECO "C67"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "66"]1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 Nf6 4. O-O Nxe4 5. Re1 Nd6 6. Nxe5Be7 7. Bf1 Nxe5 8. Rxe5 O-O 9. d4 Bf6 10. Re1 Re8 11. c3 Rxe112. Qxe1 Ne8 13. Bf4 d5 14. Bd3 g6 15. Nd2 Ng7 16. Qe2 c617. Re1 Bf5 18. Bxf5 Nxf5 19. Nf3 Ng7 20. Be5 Ne6 21. Bxf6Qxf6 22. Ne5 Re8 23. Ng4 Qd8 24. Qe5 Ng7 25. Qxe8+ Nxe826. Rxe8+ Qxe8 27. Nf6+ Kf8 28. Nxe8 Kxe8 29. f4 f5 30. Kf2 b531. b4 Kf7 32. h3 h6 33. h4 h5 1/2-1

Beitrag von Holger74

Ich bin ja Einsteiger und hab mich deshalb gefragt ob ich was zu schreiben sollte oder nicht.Ich hab einen kleinen Bericht über die WM gesehen bei der Sportschau.Irritiert hat mich das Annand als Schach-Opi bezeichnet wurde-mit Mitte 40?Auch wunderte mich die Darstellung-auch im Teletext-Annand kam nur auf ein Remie oder Annand schafft Magnus nicht.Umgedreht schafft der Norweger ja auch bei einem Remis keinen Sieg gegen Annand.Wird es eigentlich eine DVD über diese WM geben?LGHolger

Beitrag von Kiffing

Es ist leider so, daß wenn allgemeine Medien über das Schach berichten, richtige Schachspieler oft nur die Hände über den Kopf schlagen können, weil die Journalisten meisten selbst keine Schachspieler sind, aber irgendwie dann doch über unser Spiel berichten müssen. Mit "Mitte 40" (Anand ist übrigens 43) ist man mit Sicherheit noch kein "Schach-Opa", weil man Schach viel länger auf hohem Niveau betreiben kann als körperbetonte Sportarten. Kortschnoi wurde z. B. noch mit 80 (!) Jahren Landesmeister der Schweiz. Wegen des Remis, so liegt der Grund darin, daß für Carlsen ein Remis wie ein Sieg und für Anand wie eine Niederlage ist, daß die WM nur über 12 Spiele geht und Carlsen schon nach zwei Siegen mit 5:3 führt. Ergo kommt er durch jedes Remis seinem Titel ein Stückchen näher, während Anand ihn nur noch durch zwei Siege aufhalten kann. Wegen der DVD gehe ich mal davon aus. Gerade diese WM wird auf der ganzen Welt mit lebhaftestem Interesse verfolgt, und so wird die Nachfrage nach so einer DVD riesengroß sein.

Beitrag von Holger74

Danke für deine Antwort.Ich werde die Wm jedenfalls weiter verfolgen.Wahrscheinlich wird Magnus gewinnen vermut ich,da es wohl auch noch 2 Partien geben kann die Remis bedeuten,dann müßte Annand ja schon dreimal gewinnen.LGHolger

Beitrag von zugzwang

Carlsen hat Vishys Anregung, daß man mit 1. e2-e4 und ggf. folgendem Spanisch als Weißer recht sicher Remis spielen kann, aufgegriffen.Zumal Carlsen nicht im Ruf steht, Endspiel bzw. endspielartige Positionen wie in der 6. Partie wie von einer anderen Schachwelt zu verspielen. Vishys Verzicht auf den Sizilianer unterstreicht, daß er angeschlagen in der Tigerfalle sitzt und sein Selbstbewußtsein zumindest versteckt.Natürlich geht er mit Schwarz ein größeres Risiko, eine dritte Null zu kassieren, wenn er eine scharfe Stellung anstrebt.Auf der PK äußerte er - wenig verratend - aber schachlich zutreffend, daß Carlsen mit Weiß auch bei Sizilianisch auf Varianten zurückgreifen kann, die das Spiel zum Remis austrocknen. Scharfes Spiel aufbiegen und Brechen kann man auf mit Sizi nicht auf Knopfdruck erreichen, doch sind die Chancen schon höher.Und auch im Spanier gibt es schärfere Abspiele, wie die Zaitsev-Variante zwischen K und K zeigte. Wenn man dort die Zugwiederholung vermeiden muß als Schwarzer,kommt man wohl in die Smyslov-Variante.Vishy ist wegen seiner sizilianischen Vorliebe aber kein Schwarzspezialist des geschlossenen Spaniers. Und an den offenen hat er keine guten Erinnerungen, zumal hier "dryout"-Varianten auf GM-Niveau noch gängiger sein dürften. vishy hat offenbar nichts gegen Carlsens Schwarz, zumal er auf den 2: Aufschlag mit 1. d4 bisher verzichtet, weil Carlsen gegen d4 deutlich mehr und unterschiedliche Systeme als gegen 1. e4 spielt.Weil der Weltmeister blockiert erscheint etwas zu spielen, was nicht in den letzten Tagen in der Vorbereitung auf dem Monitor war, kann er eigentlich nur ein As aus dem Ärmel ziehen und damit gleichzeitig etwas Schachgeschichte, was diesem bisher blassen Match gut täte.Er spielt 1. a3 und zeigt Carlsen, daß er gegen diesen, der gern mit Weiß auf Nebenwegen wandelt, daß man auf den Eröffnungsvorteil verzichten kann.Nach 1.a3 stünde vishy wenigstens sein vorbereitetes Schwarzrepertoire gegen Carlsen zur Verfügung.Gleichzeitig provoziert er carlsen mit diesem Zug; denn der virtuelle und bei weiterem 0815/Verlauf kommende Weltmeister wird sich vielleicht bemüßigt sehen, auf 1. a3 eine Lehrstunde zu erteilen.Das kann für Vishy schiefgehen, doch bei einem Verlust mit weiß war es dann die minderwertige Eröffnung ( und nicht das nebulöse Spiel wie in der seltsamen 6. Partie).1. a3 wäre für WM-Kämpfe eine Neuerung und geht somit in die Schachgeschichtsbücher ein.Carlsen möchte bestimmt nicht als Weltmeister gegen 1. a3 verloren haben oder als Weltklassespieler, der gegen 1. a3 mit Austrocknungsschach im 1.Gang zum Titel fährt.Vielleicht ist es ganz gut, wenn man Carlsen vollkommen regelgerecht mal psychologisch aufs Korn nimmt, ihm zeigt, daß man selbst die Theorie auch beiseitepackt (allerdings ist 1. a3 ja nicht so unnütz und damit nicht ganz unscharf).Der durch Carlsen Schwung beim häufigen Aufstehen kräftig rotierende Sessel im Blickfeld des Gegenübers hat ohnehin einen kleinen Konter verdient.Auch wenn Carlsen dies nicht absichtlich macht, um den Gegner zu stören, gibt es doch sehr viele andere Spitzenspieler, die beim Verlassen des Bretts eine andere Etikette pflegen. Wenn Vishy überhaupt noch Energie hat, dann wird er jedenfalls in einer Weißpartie nochmal alles versuchen, um in einer folgenden Schwarzpartie die eventuelle Unsicherheit Carlsens auszunutzen.In diesem zugegebenermaßen derzeit nicht so wahrscheinlichen Szenario denke ich, daß Carlsen dann auf 1. e4 verzichtet, um nicht doch in einem Sizilianer zu landen.Die Schach-WM in Chennai "schuldet" der Schach-welt eigentlich noch eine denkwürdige (Gewinn)Partie.Die 4. Partie war spannend, interessant und auch hochklassig - aber eben remis.Die 5. Partie hatte diese Attribute samt Gewinn, doch irgendwie fehlt ihr dann doch der besondere Kick. Die 6. Partie ist denkwürdig, aber mehr wegen des seltsamen Spiels eines Weltmeisters, was den letzten, sehenswerten Teil dieser Partie überschattet.Die Matches Kramnik-Leko (Marshall-Gewinn für Leko und letzte Partie), Kramnik-Topalov (das gegenseitige Übersehen in der 2. (?)) und insbesondere Anand-Kramnik (Meraner) und Anand-Topalov (Grünfeld, Katalanisch, ungleichfabiges Läufernendspiel, Lasker-Variante) hatten ihre Partien, die für Gesprächsstoff und sorgten und irgendwie im Gedächtnis hängenblieben.2013 bleiben bisher nur 2 Turmendspiele hängen. Dat hat diese Wm aus meinersicht noch Nachholbedarf, von den Kämpfen und Partien zwischen K u K aber auch älteren Ausgaben wie Petrosian und Spassky (Hurrikan-Partie und die die Qualitätsopfer Petrosjans im 66er Kampf), gar nicht zu reden.Fischer-Spassky brauch ich nicht noch zu erwähnen ( 1, 3. benoni mit h-Doppelbauer, 5. "Hübner-Nimzo" mit von fischer gekonterter eigentlich guter Spassky-Neuerung, 6. mit Tartakower-Neuerung fischers, die Geller 1973 gegen Timman "widerlegte", der Breyerspanier in der 10. und die Aljechin-Verteidigung mit dem großen Endpiel in der 13.Dazu noch Fischers Abfuhr mit der Najdorf-Bauernraubvariante (11.?).Und einige der remispartien damals: 4. Sozin Fischer entkam hauchdünn und nochmal Najdorf ohne Bauernraub - eine der schärfsten unklarsten Stellungen der damaligen und heutigen Theorie.Gut, die hatten auch mehr Zeit/Partien und ... Hängepartien.Also belibt dasaufzuhoeln, was die obigen Matches der Neuzeit vorlegten [QUOTE=Holger74;20905]...Wird es eigentlich eine DVD über diese WM geben?...[/QUOTE]Die Live-Kommentierung der Partien wird doch über youtube eingestellt, wenn ich nicht irre. Da hast Du praktisch schon die erste Sammlung mit Kommentaren, Anekdoten, Hintergründen und den mehr oder weniger informativen und anregenden Pressekonferenzen.Eröffnungstheoretisch enttäuscht der wettkampf bisher vollends mit Ausnahme des Kniffsvon Carlsen in der 2. Partie. Das war geschickt, wurde aber von Vishy ausgetrocknet.

Beitrag von Kiffing

Es ist interessant, daß die Eröffnung 1. d4 bei einer WM heutzutage als Zeichen für eine gewisse Risikobereitschaft gedeutet wird, denn lange Zeit war das genaue Gegenteil der Fall. 1. e4 galt bisher als typisch romantisch, während 1. d4 der Ruch des positionellen Gegenteils, als positionelle Kreation der „modernen Spielverderber“ anhaftete. Aber bei dieser WM ist das anders, weil Anand mit seinem 1. e4 bei einem Gegner, dem Remis ausreicht und deswegen die Berliner Verteidigung anstrebt, nur auf Granit biß, und er mit diesem Einleitungszug gegen diesen Gegner offenbar kein Rezept hat, sich realistische Gewinnmöglichkeiten zu erarbeiten. Was hier der konkrete Grund für ist, wurde in dem Thread schon von anderen erklärt.Diesmal also versuchte Anand 1. d4, und es kam der Nimzoinder dabei heraus, gegen das der Titelverteidiger das Sämisch-System wählte, womit er seine Ambitionen gleich untermauerte. Denn verglichen mit anderen Varianten in dieser Eröffnung gilt das Sämisch-System mit frühem f3 als zweischneidig. Weiß läßt auf c3 den Doppelbauern zu und vernachlässigt seine Entwicklung, um dafür das Zentrum zu besetzen als Faustpfand für weitergehende Aktionen am Königsflügel. Der Herausforderer, dem zwar ein Remis ausreicht, aber der weiß, daß Feigheit eher zu einer Null als zu einem halben Punkt führt, ließ sich auf die Verwicklungen ein, worauf eine interessante und zweischneidige Partie entstand und jeder auf „seinem“ Flügel angriff. Carlsens energische Aktionen auf dem Damenflügel führten zu einem starken Springer, der sich auf b3 einnisten konnte. Hinter dem Rücken dieses starken Infanteristen, der später getauscht wurde, etablierte der Norweger einen starken entfernten und gedeckten Freibauern auf b3. Anand hatte dafür auf dem Königsflügel seinen Königsangriff soweit vorbereitet, daß nur noch die richtige Figur fehlte, um den Angriff entscheidend zu verstärken. Beide Parteien mußten ihre Aktionen sehr genau auf die Gegenaktionen abstimmen und Angriff und Verteidigung geschickt miteinander verknüpfen. In solchen Partiephasen ist starke Rechenarbeit gefordert, und es gilt das martialische ultimative Prinzip aus der Zeit des königlichen Mühlenprivilegs: wer zuerst kommt, mahlt zuerst. An dieser schweren Aufgabe scheiterte letztendlich Vishy Anand, der davor alles richtig gemacht hatte. Im 27 Zug war Se2 die Alternative mit der Idee Sf4 und somit die Dame an den Bd5 zu binden, da ein Schlagen des Be5 zu der weißen Drohung Se7+ nebst Matt führt. Das führt nach 27. Se2 Le6! 28. Sf4 Da5/a8 29. Sxe6 fxe6 30. Lh3 Da6 aber nur zum Ausgleich auf dynamischer Grundlage. 27. Tf4!? ist auf jeden Fall konsequenter, und mit diesem Textzug ging Anand schließlich aufs Ganze, ließ die Bauernumwandlung des Gegners im Interesse seines Königsangriffs zu, um dann böse auszurutschen. 28. Sf1?? war der erste wirkliche Blunder in dieser WM, woraufhin die zweite Dame des Norwegers über e1 das Feld h4 kontrolliert und sich so gegen den Turm opfern kann. Anand kommt nicht zum Ziel und hat einen ganzen Turm weniger. Nach 28. Lf1 hingegen wäre die Partie noch richtig in Flammen aufgegangen. Die härtesten Aufgaben stehen den beiden noch bevor. Nach Analyse meines Fritz 13 kann Weiß am Ende seinen Königsangriff aufgrund eines scharfen Gegenspiels nur in ein Dauerschach transformieren, will er nicht aufgrund seines Minusmaterials noch verlieren. Fritz 13 schlägt folgende Variante vor: 28. Lf1 Dd1 29. Th4 Dh5 30. Sxh5 gxh5 31. Txh5 Lf5 32. g6 (32. Lh3!? ist auch interessant nach 32. ...Lg6 33. e6 Sxf6! 34. gxf6 Dxf6 gibt es noch viele Schwierigkeiten für den Norweger zu bewältigen) 32. ...Lxg6 33. Tg5 Da8 34. h4 Da3 35. h5 Dxc3 36. hxg6 Dxd4+ 37. Kh1 hxg6 38. Txg6+ =.Es ist ein Drama, daß diese Partie ausgerechnet dann durch einen Patzer ein jähes Ende fand, als es am Schönsten wurde. Aber alles hat seine Ursache und nichts geschieht ohne Grund. Nun hat Magnus Carlsen beim Stande von 6:3 bei jedem der drei noch folgenden Partien Matchball, und er braucht dafür keinen Sieg mehr, sondern nur noch ein Remis. Es wird allgemein damit gerechnet, daß bereits morgen der neue Weltmeister feststeht. [Event "Schach-WM Chennai 2013"][Site "?"][Date "????.??.??"][Round ""][White "Vishy Anand"][Black "Magnus Carlsen"][Result "0-1"][PlyCount "56"]1. d4 Nf6 2. c4 e6 3. Nc3 Bb4 4. f3 d5 5. a3 Bxc3+ 6. bxc3 c5 7. cxd5 exd5 8.e3 c4 9. Ne2 Nc6 10. g4 O-O 11. Bg2 Na5 12. O-O Nb3 13. Ra2 b5 14. Ng3 a5 15.g5 Ne8 16. e4 Nxc1 17. Qxc1 Ra6 18. e5 Nc7 19. f4 b4 20. axb4 axb4 21. Rxa6Nxa6 22. f5 b3 23. Qf4 Nc7 24. f6 g6 25. Qh4 Ne8 26. Qh6 b2 27. Rf4 b1=Q+ 28.Nf1 Qe1 *

Beitrag von zugzwang

Auch wenn auf der Pressekonferenz die Nachfrage nach dem Ende einer Ära etwas brüsk abgebügelt wurde, weil der Wettkampf ja noch nicht zu Ende ist, obwohl er nach Ergebnis und Ablauf mehr als vorentscheiden scheint.Die Frage nach dem Ende einer Ära - basierend auf einer Twitter(?!)-Anmerkung Nigel Shorts zur 9. Partie gehört zu den weniger dämlichen (naiven) Fragen der bisherigen Pressekonferenzen.Auch wenn die beteiligten Spieler hierzu vollkommen verständlich noch nichts sagen wollten, kann sich der Zuschauer und Schachfan schon seine Gedanken machen.Mit Vishy Anand wird jetzt ein Spieler als Weltmeister abgelöst werden, der Schach noch in einem anderen Umfeld erlernte und betrieb, als es heute der Fall ist. Und auch bei den aktuellen WM-Kandidaten - vllt. - ich halte dies für wahrscheinlich - gibt Vishy sogar seinen "Freiplatz" zurück (Caruana, Naka ...!?) steigt die Zahl der neuen Generation:Karjakin, Mamedjarov, Andreikin. Kramnik und Topalov sind der alten Generation zuzurechnen genau wie Svidler. Aronjan dürfte ein "Mischling" sein, aber mit alten Wurzeln.Mit Magnus Carlsen wird erstmals ein Spieler der Chessbase-Generation Weltmeister werden, auch wenn die "Klassiker" mit Kasparov den Spieler hatten, der die moderne Schachsynthese mit klassischer ausbildung und neuen Arbeitsmitteln und -methoden prägte wie kein anderer.Obwohl Carlsen kein Engine- und Datenbank-Kid ist, was seine Eröffnungswahl und seine Priorität für die letzte Spielphase Endspiel unterstreicht, ist er Ausdruck dessen, was im Spitzenschach derzeit möglich scheint.Capablanca sprach vom Remistod. Davon sind wir immer noch weit entfernt. Doch ist erst einmal eine Zwischwen(?!)zeit angebrochen, in der Entscheidungen in komplexen Mittelspielsituationen oder gar Königsangriffen immer seltener werden.Natürlich gab es auch früher nicht nur die Kaspataljechischen Sturmangriffe, sondern wurden viele Partien durch ausdauernde Auswertung kleiner Nuancen entschieden. Gefühlt scheint mit diese Quote aber weiter zu steigen und sie typisch für den Stil der Nummer 1, der allgemein zusätzlich trendsettend wirkt.Von daher ist die heutige Partie zum Abschluß einer Ära nochmal im Stil großer Ungleichgewichte nach klassischen Vorbildern gespielt (siehe Botwinnik-Capa, Euwe-Awerbach) ein passender Abschluß.Carlsen hatte es wettkampftechnisch gar nicht nötig, sich auf einen derartigen Wettlauf einzulassen und hätte es mit dem recht bewährten 7. ... Sxd5 auch beim neuzeitlicheren "Klein-Klein" - bitte nicht nur negativ sehen - bewenden lassen können.Stattdessen gibt er dem noch amtierenden Weltmeister noch eine letzte Chance und es entwickelt sich eine Partie, die aufgrund ihrer Gegensätze Königsangriff-Damenflügel-Gegenangriff genau in das "Futter/Beuteschema" der in diesem Wettkampf eher leicht hungernden und frierenden Tiger- und Polarbärkiebitze paßt.Eine Partie, die die Chance zum Klassiker hatte und vllt. trotz des letzten Fehlers von Vishy noch hat.Für mich persönlich ist sie "klassisch", weil sie das Ende einer Ära auf dem Schachbrett nachvollzieht. Der Angreifer wird vom kühlen, eigentlich fehlerfrei spielenden Verteidiger abgeblockt, der dabei sogar gewiise klasssische Prinzipien relativiert bzw. erneut hinterfragt.Wie zum Zeichen kann sich der Weltmeister nicht nur nicht siegreich durchsetzen, sondern er geht im Gegenangriff nach einem Fehler (Hier sei auf Rowsons "Wanting" hingewiesen. die PK mit Vishys Erläuterungen legt nahe, daß er gerade dieses zu sehr "wollte", daß sein Angriff, seine Variante eben doch geht!) dann schlagartig unter.Aber auch persönlich ist diese Partie Ausdruck das Ende der Ära Anand. Ein Comeback, eine Wiederauferstehung würde eine 2.Ära einleiten, ist aber aktuell nicht abzusehen,auch wenn Vishy noch einige Jahre in der Weltklasse mitmischen kann.40 oder sogar 50 Minuten überlegte Vishy an der Angriffsführung beginnend mit Df4. wenn es nicht sogar persönlicher Rekord für ihn ist, dann dürfte dieser Bedenkzeitverbrauch zu seinen persönlichen Topten gehören.Ein Anand Ende der 80er Anfang der 90er hätte die Varianten in Windeseile berechnet und bewertet; denn ein Großteil der Möglichkeiten beider Seiten sind recht forciert und erzwungen. Das hat Vishy auf der PK bereits angegeben und auch der Schachamateur kann dies anhand der Partiefolge nachvollziehen, daß hier keine varianten-und ideenmäßige Seeschlangenstellung vorlag. Eine komplexe Stellung, aber kein Monster. Hieb und Gegenhieb waren klar und in ihren Konturen schon etliche Züge vorhergezeichnet.Vishys Zeitverbrauch und seine letztliche Fehlentscheidung zeigen seine gewachsene Erfahrung, aber auch seine verlorene Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit. Unsicherheit und Fehlerquote der letzten 2 Jahre ließen erkennen, daß der WM nicht mehr auf dem Gipfel seiner Fähigkeiten der Zeit nach 1995-2008 war.Die Frage, die sich vor dem Wettkampf stellte: Kann er sich diesem Gipfel noch einmal nähern und reicht dies, um der neuen, mit weitem Abstand führenden Nummer 1 einen großen Kampf zu liefern, kann für die Partien 1-9 beantwortet werden: Nein.Ob dies an der Stärke Magnus Carlsens alleine liegt, welcher Druck im heimatlichen Chennai sich aufbaut oder ob der Zenit eben tatsächlich überschritten ist, ist dagegen Vermutung mit gewissen Wahrscheinlichkeiten.Wie stark der kommende Weltmeister im Matchplay ist, wird sich erst in kommenden WM-Kämpfen zeigen. Im Turnierschach hat er dies bereits eindrucksvoll vorgelegt.Aronjan (hoffentlich), vllt. Kramnik oder Caruana weniger Karjakin oder Naka oder gar ein anderer werden die Anwort in einem zukünftigen WM-Match geben.Verlauf und Inhalt dieser zukünftigen WM-Kämpfe werden auch zeigen, ob das Ende eienr Ära letztlich zu einer Zäsur im WM-Austragungsmodus führt, um Spannung und Attraktivität für die Zuschauer zu erhalten.Die schachliche Tradition wird und sollte uns aber daran erinnern, daß nicht Spaß und Interesse beim Zuschauer der Hauptzweck einer Weltmeisterschaft ist, sondern die Ermittlung des Besten in einem fairen Wettkampf.Das unterscheidet Schach von vielen anderen Sportarten, deren Bestenermittlung gerade den Zuschaueraspekt voranstellt und vieles andere unter- bzw. nachordnet.Es ist wohltuend, daß Schach so wenige Weltmeister kennt und nicht jährlich eine WM stattfindet.Das andere paßt besser zu Bewegungssportarten, die nicht selten nur Sekunden oder wenige Minuten dauern und/oder vom Wetter oder Schiedsrichter (mit)beeinflußt werden.

Beitrag von Kiffing

[QUOTE=zugzwang;20932]Karjakin, Mamedjarov, Andreikin. Kramnik und Topalov sind der alten Generation zuzurechnen genau wie Svidler. Aronjan dürfte ein "Mischling" sein, aber mit alten Wurzeln.[/QUOTE]Karjakin ist doch Carlsens (fast) kongenialer Altersgenosse aus dem Osten. Meinst Du vielleicht jemand anderen? :grübel:

Beitrag von zugzwang

... neue Generation: Karjakin, Mamedjarov, Andreikin. Kramnik, Topalov ....:denknach:Absatz wäre optisch besser gewesen.;)Welche Last auf Carlsen ruht(e), zeigt seine Entwicklung in den PK.Was anfangs einsilbig und grummelig rüberkam und auch war, weil Carlsen die entsprechende Mimik und Gestik dazu zeigte, wirkt jetzt vom Erfolg aufgelockert und mit anderer Mimik und Gestik unterlegt präzise und manchmal humorig unterhaltsam gerade wegen der Kürze.Aus Carlsen wird vermutlich kein Kasparov oder auch Karpov werden, die durchaus zuviel zu erzählen hatten, wenn sie meinten, etwas mitteilen zu müssen.Wenn Carlsen aber nicht wie ein frierender Polarbär dreinschaut, sondern einsilbig den Reporter angrinst, dann wird das noch Kult:medi::rock:.Nochmal zu den PK:Wie man es auch für den Bereich des JoYogiballsports:schlaf: kennt, sind Reporterfragen nicht selten wiederholend-banal-selbstverständlich-wertlos:kaputt: oder aber interessant, aber dem Betriebsgeheimnis unterliegend:secret:. Selbst dem gewandten Kloppballer:laola: gelingt es nicht immer - auch abhängig von eigener Stimmung - immer unterhaltsam, lustig, selbstironisch zu antworten.Natürlich sollten die Schachspieler ahnen, daß viele Reporter:kaikiste: keine Fachreproter sind und ebenso wie viele Schachamateure keine Ahnung vom Spitzenschach haben.Wenn aber eine sehr starke Spielerin wie Karlovich:engel:, die sich zudem in der Leistungsszene gut auskennen müßte, erstaunt nachhakt, welche Varianten denn nun in der langen Bedenkzeit berechnet/gesehen wurden, dann schaltet nicht jeder Spieler, daß diese Frage eben im Sinne der Gelegenheitsschächer gestellt wurde.Der Sportschächer schmunzelt dagegen, wenn er die Antwort hört, daß mehr über die Zusammensetzung des Abendessens :eis: nachgedacht wurde.

Beitrag von Zapp Brannigan

Ich hoffe Anand gibt seinen platz nicht ab, auch sei es nur dass Naka ja keinen platz bekommt... Auf der anderen seite, wäre auch schon zu sehen wie Naka im kandidatenturnier letzter wird, viel mehr als eine viel zu grosse klappe hat der doch nicht zu bieten.Was die ära angeht, es gab doch immer abwechselnd ein "dynamischer" spieler und ein "solider" spieler? Wenn wir mal rückwärts gehen:Anand --> dynamischKramnik --> solideKasparov --> dynamischKarpov --> solideFischer -> so ein zwischendingSpassky -> dynamischPetrosjan -> solideTal -> dynamischSmyslov -> solideBotvinnik -> dampfwalzeAljechin -> dynamischCapablanca -> solideLasker -> solideSteinitz -> solide...klar, eher steroetypisch, kramnik kann z.bsp. auch extrem dynamisch spielen wenn es sein muss, aber von typ her schon eher solide (vor allem mit schwarz)

Beitrag von Kiffing

Der König ist tot, lang lebe der König!Die zehnte und letzte Partie war ein würdiger Abschluß der diesjährigen Schach-Weltmeisterschaft in Chennai. Während Vishy Anand es mit Sizilianisch noch einmal versuchen wollte, entstand auf dem Brett mit der Moskauer Variante eine Eröffnung ganz nach dem Geschmack von Magnus Carlsen. Die Moskauer Variante vermeidet einen langen Theoriekampf, und nach dem simplen Plan, das Läuferpaar herzugeben für schnelle Entwicklung, kann schnell mit dem „richtigen“ Spiel losgelegt werden. Im Mittelspiel wählte der Herausforderer den Maroczy-Aufbau, während der Titelverteidiger auf engem Raum themengerecht operierte, aber keinerlei Schwächen offenbarte. Hier mußte tiefes Spiel an den Tag gelegt werden, um doch noch in Vorteil zu kommen, und so legte Carlsen mit 17. Ld4 (Schema F wäre 17. Dd2, was zwar die Engines bevorzugen mögen, aber dem Weltmeister gut bekannt sein sollte) und 21. Db2 eine Batterie an, die nur durch 23. ...Lf6 neutralisiert werden konnte. Nach dem Abtausch dieses Läufers fehlt hier aber der in diesen Strukturen für Schwarz so wichtige Verteidiger des Bd6, und durch dieses strategische Meisterstück kam Carlsen zum ersten Mal in spürbaren Vorteil.Insofern hatte sich Anand damit wieder in eine schwierige Lage katapultiert, und nach einigen ebenso energischen wie genauen Zügen Carlsens, der damit den Druck auf Anand und die Schwäche d6 in seinem typischen Stile einer Würgeschlange erhöhte, sah es sogar nach einer weiteren Niederlage Anands aus, die einer Demütigung gleichgekommen wäre. Doch diesmal half dem taumelnden Titelverteidiger eine der ganz wenigen Ungenauigkeiten Carlsens weiter. Nachdem Carlsen mit 29. e5! den Bd6 unter maximalen Druck gesetzt hatte, hätte er mit 30. Sg3! Tc6 31. b4! den Druck auf dem ganzen Brett erhöhen und eine schöne Zugzwangstellung herbeizaubern können, nach welcher der weiße Gewinn aufgrund des extremen Druckes gegen den paralysierten Inder und der konkreten Drohung Se4, die nur durch das Bauernopfer ...f5 noch mit Ach und Krach abgewehrt werden kann, schon recht nahe rückt. Carlsen versäumte diese Möglichkeit, so daß Anand nach 30. exd6? die Schwäche aufheben und nach Generalabtausch auf der d-Linie in ein Springerendspiel abwickeln konnte. Carlsen hatte aus der Schwäche nichts herausgeholt. In dem letzten Abschnitt der Partie, einem Springerendspiel, gab es noch einen hochkomplizierten Kampf, indem Carlsen seinen Springer für Bauern opferte, um mit seinem König in den gegnerischen Damenflügel einzudringen. Nach der taktischen Abwicklung nach beidseitiger Umwandlung entstand eine Stellung mit Dame und drei Bauern für Carlsen gegen Dame und Springer, die schließlich in einem Remis endete. Damit ist Magnus Carlsen neuer Weltmeister![Event "Schach-WM 2013 Chennai"][Site "?"][Date "????.??.??"][Round "10"][White "Magnus Carlsen"][Black "Vishy Anand"][Result "1/2-1/2"][PlyCount "130"]1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. Bb5+ Nd7 4. d4 cxd4 5. Qxd4 a6 6. Bxd7+ Bxd7 7. c4 Nf6 8.Bg5 e6 9. Nc3 Be7 10. O-O Bc6 11. Qd3 O-O 12. Nd4 Rc8 13. b3 Qc7 14. Nxc6 Qxc615. Rac1 h6 16. Be3 Nd7 17. Bd4 Rfd8 18. h3 Qc7 19. Rfd1 Qa5 20. Qd2 Kf8 21.Qb2 Kg8 22. a4 Qh5 23. Ne2 Bf6 24. Rc3 Bxd4 25. Rxd4 Qe5 26. Qd2 Nf6 27. Re3Rd7 28. a5 Qg5 29. e5 Ne8 30. exd6 Rc6 31. f4 Qd8 32. Red3 Rcxd6 33. Rxd6 Rxd634. Rxd6 Qxd6 35. Qxd6 Nxd6 36. Kf2 Kf8 37. Ke3 Ke7 38. Kd4 Kd7 39. Kc5 Kc7 40.Nc3 Nf5 41. Ne4 Ne3 42. g3 f5 43. Nd6 g5 44. Ne8+ Kd7 45. Nf6+ Ke7 46. Ng8+ Kf847. Nxh6 gxf4 48. gxf4 Kg7 49. Nxf5+ exf5 50. Kb6 Ng2 51. Kxb7 Nxf4 52. Kxa6Ne6 53. Kb6 f4 54. a6 f3 55. a7 f2 56. a8=Q f1=Q 57. Qd5 Qe1 58. Qd6 Qe3+ 59.Ka6 Nc5+ 60. Kb5 Nxb3 61. Qc7+ Kh6 62. Qb6+ Qxb6+ 63. Kxb6 Kh5 64. h4 Kxh4 65.c5 Nxc5 1/2-1/2 Damit endet eine Schach-WM, die nach langer Zeit wieder für global umspannende Begeisterung sorgen konnte und in Norwegen und Indien sogar ein regelrechtes Schachfieber herbeführte. Während in Chennai der Turniersaal einem Fußballstadion ähnelte, was den Spielern, die durch eine schalldichte Glasisolierung geschützt waren, aber nichts ausmachen konnte, wurden die WM-Partien in Norwegen vom ersten norwegischen Fernsehen übertragen, das schon zur Halbzeit der WM eine Spitzenquote von bis zu [URL="http://www.zeit.de/sport/2013-11/schach-halbzeit-anand-carlsen"]700.000 Zuschauern[/URL] bei 5 Millionen Einwohnern erzielen konnte. Carlsens Manager Espen Adgestein:[QUOTE] Die Angestellten arbeiten nicht mehr, die Studenten studieren nicht mehr, in den Schule lassen die Lehrer den Fernseher laufen [/QUOTE]Ebd.Auch in Deutschland bekam man von diesem Schachfieber etwas ab. Zahlreiche Medien, darunter solche, die mit dem Schach eigentlich kaum etwas zu tun haben, berichteten über das Ereignis, und sogar Nichtschachspieler wurden von dieser Berichterstattung angesteckt und verfolgten interessiert diese WM.Zwar gab es bei dieser WM keine politische Konfrontation, wie sie im Kalten Krieg von 1972-1990 üblich war. So war die Schach-WM 1972 zwischen Fischer und Spasski der Kampf eines US-Amerikaners gegen einen Sowjet, die Weltmeisterschaften zwischen Karpov und Kortschnoi waren Kämpfe eines „Linientreuen“ gegen einen der Sowjetmacht feindlich gegenüberstehenden Flüchtling, und auch die Kämpfe K&K bedeuteten die Kämpfe des „Linientreuen“ gegen einen Dissidenten, der nur noch pro forma sowjetischer Staatsbürger war, mit seinem Land aber nichts mehr zu tun haben und 1990 sogar nicht unter seiner Landesflagge antreten wollte. Vishy Anand brachte das Fehlen dieser politischen Komponente [URL="http://diepresse.com/home/sport/mehrsport/1480456/SchachWM_Das-Model-und-der-Tiger"]auf den Punkt[/URL] „Norwegen und Indien richten keine Atomraketen aufeinander“.Dafür gab es einen reizvollen Kampf der Generationen. Die Welt war gespannt, ob der alte Haudegen Vishy Anand, der seine Klasse in der Vergangenheit durch fünf Siege in WM-Finalrunden eindrucksvoll unter Beweis gestellt hatte, auch diese bis dahin schwerste Aufgabe zu lösen vermag, oder ob es zu der Wachablösung durch den genialen Herausforderer kommt, der alle anderen Spieler in der Elorangliste längst weit hinter sich gelassen hatte und die stärkste Elozahl seit Einführung des Systems durch die FIDE 1970 beim Schach-Kongreß in Siegen aufweist. Sicherlich gibt es einige Ansätze, Vishy Anand für seine klare Niederlage gegen Magnus Carlsen zu kritisieren. Man könnte ihm seine Zaghaftigkeit und Risikoscheu in den ersten Partien vorwerfen, seine Behandlung in den Turmendspielen in den Partien 5 und 6, oder seinen Blunder in der vorletzten WM-Partie. Doch hinterher ist man immer klüger, und Anand, der sich systematisch und professionell auf diese WM und diesen Gegner vorbereitet hatte, wußte genau, was er tat. Wäre er z. B. in den ersten Partien mehr auf Risiko gegangen, hätte er schon nach den ersten vier Partien zurückliegen können. Alle Spekulationen darüber täuschen nicht darüber hinweg, daß Magnus Carlsen, der bis auf den Fehler im Mittelspiel der letzten Partie nahezu perfekt spielte, der bessere Spieler gewesen ist und verdient die WM-Krone erringt. Die Wachablösung ist Realität geworden, und sie ist folgerichtig.Ich selbst pflege die Zeit nach Fischer, Karpov und Kasparov politisch aufgrund des Schismas in der Schachwelt die Zeit der großen Wirren zu nennen und spielerisch als das Zeitalter der Diadochen zu bezeichnen. Sicherlich waren Anand, Kramnik und später Aronian große Spieler. Aber in diesem Umfeld konnte jeder jeden schlagen, und auch die übrige Konkurrenz dominierten sie nicht nach Belieben, wie es Fischer, Karpov und Kasparov in ihrer Glanzzeit zu tun vermochten. Nun hat die Schachwelt wieder eine uneingeschränkte Nummer Eins, einen anerkannt besten Spieler der Welt, der das Schachspiel über Jahrzehnte hinaus prägen kann wie andere große Weltmeister vor ihm. Er wird sich sehr lange auf dem Thron behaupten können, bis irgendwann wieder einer auftaucht, der noch besser ist als er. Von den aktuellen Schachspielern traue ich dies keinem zu, und insofern hat dieser neue Spieler, der dieses Wunder eines Tages vollbringen wird, noch keine klaren Konturen. Wird er kommen, wird auch er wieder eine neue Epoche einleiten, da er schon extrem stark sein muß, einen Magnus Carlsen, also den neuen Weltmeister, dem wie einigen anderen besonders bedeutenden Schach-Weltmeistern „Wunderkräfte“ beschienen werden, schlagen zu können. Wird er nicht erscheinen, bleibt Magnus Carlsen über Jahrzehnte hinaus Weltmeister und wird den Rekord von Emanuel Lasker (27 Jahre) brechen. Noch wissen wir nicht, wie sich die Schachgeschichte entwickeln wird. Nur die Zukunft wird dieses Rätsel lösen können.[QUOTE=zugzwang] Für mich persönlich ist sie "klassisch", weil sie das Ende einer Ära auf dem Schachbrett nachvollzieht. Der Angreifer wird vom kühlen, eigentlich fehlerfrei spielenden Verteidiger abgeblockt, der dabei sogar gewiise klasssische Prinzipien relativiert bzw. erneut hinterfragt.[/QUOTE]Ich glaube nicht daran, daß die neunte WM-Partie eine der letzten Partien dieser Art auf gehobenem Niveau gewesen sein soll und vermag auch nicht zu glauben, daß die durch die Engines ausgelöste Perfektion solche Angriffe mehr oder weniger zunichte macht. Denn das schachliche „Denken“ eines Computers funktioniert nach anderen Kriterien als beim Menschen, und erst dadurch, daß man es dem Computer ermöglichte, Millionen von Zügen in einer Sekunde zu berechnen, konnte er es mit den stärksten menschlichen Spielern aufnehmen und diese sogar besiegen. Eine solche Rechenleistung ist für einen Menschen aber immer unmöglich, und insofern wird er immer darauf angewiesen sein, seine speziell „menschlichen“ Eigenschaften in einem schachlichen Kampf zu benutzen und sich die menschlichen Schwächen der Gegner nutzbar zu machen. Wir können uns die Engines nutzbar machen, um unsere Waffen zu schärfen, und genau das wirkt doch der befürchteten Verflachung entgegen. Was die Relativierung der klassischen Prinzipien angeht, so ist dies im Schach ein ständiger Prozeß, der bereits durch die Modernen, die Hypermodernen und die Sowjetische Schachschule lange vor dem Computerzeitalter begann. In Lasker gegen Capablanca 1914 oder Janowski gegen Capablanca 1916 sahen wir z. B. auch Ideen, die nach Maßstäben der damaligen Zeit antipositionell wirkten und sich dennoch aufgrund ihrer Effektivität durchgesetzt haben und von anderen Meistern übernommen wurden. Auch was die „gegen die klassischen Regeln“ gerichtete Abschließung des Damenflügels in der vorletzten Partie mittels 8. ...c4 anging, so beruhte dieser Textzug ja auch auf wichtigen positionellen Grundlagen wie Raumvorteil und Beginn des Bauernsturms. Und diese Idee ist auch nicht so neu, wie man meint. Alexei Suetin hat z. B. auf dieses Motiv schon in seinem Lehrbuch, Schachstrategie für Fortgeschrittene, Aufbau-Verlag Berlin 1982, S. 135, anhand der Partie Matanovic – Portisch, Ljubljana 1973, aufmerksam gemacht:[FEN=13]r1b1kb1r/p2n1ppp/4p3/q1ppP3/1n1P1P2/2N2N2/PP1B2PP/R2QKB1R b KQkq - 0 11[/FEN]Zu „11. ...c4!“ merkt der erfahrene Schachlehrer an:[QUOTE]Eine feine Lösung. Es scheint, als ob Schwarz dem Gegner das Spiel erleichtern würde, indem er den Druck gegen den Punkt d4 aufhebt. Doch erstens bleibt der Bauer d4, dem die Basis fehlt, nach wie vor etwas schwach, und zweitens bereitet der Textzug aktive Operationen am Damenflügel vor. Erwähnt sei, daß diese Stellung von Portisch bis zum 20. Zug gründlich untersucht worden war [/QUOTE] [Event "Ljubljana"][Site "Ljubljana"][Date "1973.??.??"][EventDate "?"][Round "?"][Result "1/2-1/2"][White "Aleksandar Matanovic"][Black "Lajos Portisch"][ECO "C05"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "79"]1.e4 e6 2.d4 d5 3.Nd2 Nf6 4.e5 Nfd7 5.f4 c5 6.c3 Nc6 7.Ndf3Qa5 8.Ne2 b5 9.Bd2 b4 10.cxb4 Nxb4 11.Nc3 c4 12.a3 Nc6 13.b3cxb3 14.Qxb3 Rb8 15.Qc2 Qb6 16.Rb1 Nxd4 17.Nxd4 Qxd4 18.Rxb8Nxb8 19.Nxd5 Qc5 20.Bb5+ Bd7 21.Bxd7+ Nxd7 22.Qxc5 Bxc5 23.Nb4Nb6 24.Ke2 Kd7 25.Rc1 Rc8 26.Nd3 Be7 27.Rxc8 Nxc8 28.Nb4 Bxb429.Bxb4 Kc6 30.Bf8 g6 31.Kf3 h5 32.Ke4 Nb6 33.h3 Nd5 34.g4hxg4 35.hxg4 Nc3+ 36.Kd4 Ne2+ 37.Ke3 Nc3 38.Kd4 Ne2+ 39.Ke3Nc3 40.Kd4 1/2-1/2Wegen den Pressekonferenzen, so habe ich durchaus schwarzen Humor, würde sie aber trotzdem unmittelbar nach den Partien abschaffen, weil sie weder den Zuschauern geschweige den Spielern etwas bringen. Trotzdem stelle ich mir einen Fischer in so einer Pressekonferenz nach einem verlorenen WM-Match lustig vor. :D[QUOTE=zugzwang] Aber auch persönlich ist diese Partie Ausdruck das Ende der Ära Anand. Ein Comeback, eine Wiederauferstehung würde eine 2.Ära einleiten, ist aber aktuell nicht abzusehen,auch wenn Vishy noch einige Jahre in der Weltklasse mitmischen kann.[/QUOTE]Das sehe ich ähnlich pessimistisch, was natürlich schade ist um einen so facettenreichen Spieler wie Anand, dessen Rechengeschwindigkeit, Schärfe und Phantasie über Jahre hinweg legendär waren. Er ist aktuell in einer ähnlichen Situation wie Lasker 1921 nach seiner ähnlich verlaufenden Niederlage gegen Capablanca. Aber um noch wie Lasker Jahre lang auf höchstem Niveau in diesem Alter mitspielen zu können, ist er wohl zu „normal“...[QUOTE=Lestat]Ich hoffe Anand gibt seinen platz nicht ab, auch sei es nur dass Naka ja keinen platz bekommt... Auf der anderen seite, wäre auch schon zu sehen wie Naka im kandidatenturnier letzter wird, viel mehr als eine viel zu grosse klappe hat der doch nicht zu bieten.[/QUOTE]Schachlich hat Nakamura, wie man an seiner Elozahl von 2786 ablesen kann, die auch nicht jeder schafft, durchaus etwas zu bieten. Stilistisch würde ich ihn in die Gruppe der Neoromantiker um Spielmann, Boguljubov, Tal, Larsen und Shirov einordnen, die zwar mit den positionellen Neuerungen seit Steinitz vertraut sind, aber trotzdem der Meinung sind, daß man jeden menschlichen Gegner mit genialen scharfen Angriffen überfordern kann, oder, um es mit den Worten von Lasker zu sagen: man muß nicht perfekt spielen, es reicht, wenn man stärker spielt als der Gegner.

Beitrag von Frank Mayer

Obwohl ich nichts von Schach verstehe, würde mich doch die Expertenmeinung interessieren, ob diese Weltmeisterschaft z.B. das Niveau von 1972 hatte.

Beitrag von Frank Mayer

aus der FAZ: Schach-Weltmeister CarlsenComputerähnlich, blutleer und seelenlos.Der neue Schach-Weltmeister Carlsen ist nach Auffassung des deutschen Verbands-Ehrenpräsidenten von Weizsäcker nicht der bessere Spieler, sondern nur der bessere Ausdauersportler. Mehr ......."er neue Weltmeister Magnus Carlsen ist aus Sicht des deutschen Verbands-Ehrenpräsidenten Robert von Weizsäcker vom reinen Schachverständnis her nicht der beste Spieler. Darin sei ihm etwa der frühere russische Titelträger Wladimir Kramnik überlegen, sagte von Weizsäcker im Deutschlandfunk.„Carlsen hat gewonnen, weil er der bessere Sportler und nicht der bessere Schachspieler ist. Carlsen spielt und spielt und zwingt den anderen, der über 20 Jahre älter ist, in die vierte und fünfte Stunde. Die Stellung ist im Grunde remis. Aber er spielt immer weiter und sitzt Anand aus“, meinte der Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes und äußerte sich nach dem Sieg des Norwegers über den bisherigen Weltmeister Viswanathan Anand aus Indien wenig begeistert: „Ich kenne keine Weltmeisterschaft, die ich so enttäuschend fand, wie die, die gerade stattgefunden hat.“Die Strategie von Sieger Carlsen empfand von Weizsäcker als nicht überzeugend. „Denn er hat ihn nicht überspielt, sondern einfach keine Fehler gemacht, abgewartet und dann zugeschlagen.“ Das Spiel des 22-Jährigen beurteilte er als sehr computerähnlich, blutlos und seelenlos. „Es würde mich interessieren, wie er gegen einen Schachcomputer abschneidet“, sagte von Weizsäcker.99 Millionen Rupien, aber keine EmotionenCarlsen hat unterdessen sein Preisgeld in Höhe von 99 Millionen Rupien (etwa 1,2 Millionen Euro) entgegen genommen. Wie schon bei seinem Sieg am Freitag zeigte der Champion bei der Preisverleihung am Montag im indischen Chennai keine großen Gefühle, als ihm J. Jayalalithaa, Regierungschefin des Bundesstaates Tamil Nadu, den Scheck überreichte.Kirsan Iljumschinow, Chef des Weltschachbundes Fide, hängte dem 22-Jährigen die Goldmedaille um, wofür er sich leise bedankte. Außerdem erhielt Carlsen einen riesigen Siegerkranz und einen schweren, gold-silber glänzenden Pokal. Der entthronte Lokalmatador Anand ging mit einer Silbermedaille und umgerechnet 700.000 Euro nach Hause.P.D. Mir persönlich war Herr von Weizäcker nie sympathisch, wobei ich mich besonders auf seine Äusserungen beziehe. Allerdings muss ich ihm teilweise Recht geben, wenn er sich auf die Ausdauerfähigkeit von Magnus Carlsen bezieht.

Beitrag von Kiffing

Über Geschmack läßt sich treffend streiten, und ich persönlich bin auch nicht unbedingt ein Fan von diesem Spielstil. Aber man sollte schon objektiv bleiben und die Leistung eines anderen anerkennen. Carlsen hat nicht von ungefähr die höchste Elozahl seit Erfassung der Wertungszahlen 1970 und Anand in dieser WM so klar geschlagen. Von daher halte ich diesen Rundumschlag für ungerechtfertigt und in der Funktion eines Verbandsehrenpräsidenten für befremdlich. Befremdlich stimmt mich auch die Aussage, nicht der bessere Spieler, sondern der bessere Sportler habe gewonnen. Soviel ich weiß gehört eine Ausgleichssportart zum Grundgerüst eines jeden Großmeisters, um konditionell mithalten zu können. Physische Kondition ist damit eine der Fertigkeiten, auf die es im Spiel ankommt. Über Stunden hinweg einen Spieler wie Anand fortwährend unter Druck zu setzen, bis dieser Spieler irgendwann überspielt ist, ist demzufolge eine Leistung, die durchaus auch physisch, aber zum größten Teil eben kognitiv nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Jeder Stil hat seine Berechtigung, und auf dem Schachbrett zählen von daher nur die konkreten Erfolge. Nun ist ein Weltmeister mit diesem Stil so weit oben, der Erfolg gibt ihm Recht, nun muß ein anderer kommen, der diesem neuen Weltmeister seine eigene Schachphilosophie entgegensetzt. Das ist doch gerade das Spannende an Schachweltmeisterschaften. Schach ist das ideale Experimentierfeld für Strategen aller Art.

Beitrag von Holger74

HalloIch lese heute das hier:[url]http://www.spiegel.de/sport/sonst/schach-wm-magnus-carlsen-von-robert-von-weizsaecker-kritisiert-a-935423.html[/url]Was sagt ihr dazu?Hat der Ehrenpräsident recht?LGHolger

Beitrag von Kiffing

Aber das hat Frank Mayer doch schon um 13:08 hier eingebracht, worauf ich das kommentiert habe (siehe oben).

Beitrag von zugzwang

Hierzu wollte ich schon länger etwas schreiben.Zur Strafe wird es eben länger.Wobei ich es besser unterteilen sollte.Mit seinem klaren und letztlich ungefährdeten Finalsieg vollendet Carlsen einen Sturmlauf auf den WM-Titel, wie ihn vorher nur Mikhail Tal und Garry Kasparow zeigten.Es ist der vorläufige Höhepunkt einer sensationellen Entwicklung eines Wunderkinds aus einer Schachniemandslandgesellschaft.Er ist der erste Weltmeister aus einem Land mit recht bescheidener Schachtradition in der Leistungsspitze. Und damit tue ich Norwegen weder weh noch Unrecht.Und das ist die Sensation und weniger, daß ein Twen bereits die Nummer 1 der welt darstellt.Schachwunderkinder gab es bereits früher und die Zahl junger Weltmeister ist nicht gerade gering (Lasker, Tal, Karpow, Kasparow, Ponomariow, Carlsen).Ohne besondere Umstände und Zufälle wäre sie wohl noch größer (Morphy, Capablanca, Fischer, Keres). Angesichts der elektronischen Revolution der Schachinformation müßte die Zahl der Wunderkinder heutzutage noch viel größer als früher sein.Die Faszination besteht darin, daß Kinder und Jugendliche im Schach ähnlich anderen Sportarten bereits Spitzenleistungen vollbringen, ohne die Erfahrung und das Wissen der Erwachsenen zu besitzen. Kraft, Ausdauer, erworbene Instinkte und antrainierte Technik sowie Reflexe im gewöhnlichen Sport.Dabei sind die Schachwunderkinder früherer Zeiten faszinierender als die heutigen.Diese können über Datenbanken und Literatur das schnell verinnerlichen, wofür frühere Generationen mühsam recherchieren und nachdenken mußten.andererseits sitzt die heutige jugend auch gegnern gegenüber, die auch auf diese Mittel und Informationen zurückgreifen können.Und von Paul Morphy heißt es, daß er in der "neuen Welt" besser mit der damals vorhandenen Schachliteratur versorgt gewesen sei als die ollen Europäer. Jedenfalls war Paulmorphyschon vor seiner Europareise und seinem Pariser Match gegen Anderssen a jour, was den damaligen Theoriestand angeht.Welche Informationsmittel und welchen Stand Capa hatte, darum ranken sich nur Gerüchte und wir werden wohl nie mehr erfahren, ob und inwieweit sich sein Genie auch durch intensives Quellenstudium entwickelte oder ab er reines Naturtalent war.Von Fischer wissen wir, daß er Schach schon als Schüler studierte.Und Tal, Karpow und Kasparow entstammen der sowjetischen Schachausbildung mit vielen Quellen, Informationszugängen und Trainern.Ohne die elektronische Revolution hätte es einen Weltmeister Carlsen aus dem schachlichen Polarkreis nie gegeben. Er zeigt, daß sich schachliche Extraklasse mittlerweile überall entwickeln, sofern eine gewisse Anleitung und Infrastruktur vorhanden ist. Tradition und Verankerung in Kultur und Sportleben sind keine ausschließende Bedingung mehr.Anders als Tal und Kasparow erklomm Carlsen die Weltspitze bereits vorseinem Titelgewinn und zwar deutlich. Kasparow war zu diesem Zeitpunkt eigentlich auf gleicher Höhe mit Karpow - wenige Punkte Unterschied, dieauch mal Zufall sein können.Vielleicht hat diese herausragende Position carlsens dazu geführt, daß die Erwartungen an ihn und das Match sehr hoch geschraubt waren.Ja, das Match hat mich insgesamt enttäuscht, obwohl es genauer betrachtet interessant und vielleicht sogar gutklassig war (Partien 3-6, 9, 10).Grausam war dagegen nur die 6. Partie - inbesondere für Schachfans, die ein spannendes Match und keinen Durchmarsch Carlsens sehen wollten.Das diese WM den Wünschen und Vorstellungen einiger Schachfans nicht entsprach, lag für mich aber nicht am neuen Weltmeister sondern am Titelverteidiger.Vishy gelang es nicht, sich in die Verfassung zu bringen, die Carlsen zu absoluten Höchstleistungen getrieben hätte. Zu welchen Höchstleistungen der neue Weltmeister wirklich in der Lage ist, werden andere Turniere und Matches zeigen.Für Vishy wird es sehr enttäuschend sein, zum 2. Mal in seiner Heimat(stadt) nicht die Leistung gezeigt zu haben, die seinem Können entspricht.Anders als 1994 ist es schwer vorstellbar, daß Vishy jetzt wie damals aufbricht, die Spitze (wieder) zu erklimmen.Ohne Eskapaden, Allüren oder Arroganz hat er sich durch diverse WM-Formate hindurchgekämpft und 5x den WM-Titel erobert bzw. verteidigt. Die inoffiziellen Blitz- oder Schnellschachtitel gar nicht betrachtet.In der Gesamtbetrachtung als freundlicher Sportsmann, zäher Wettkämpfer und großartiger Spieler übertrifft er für mich alle bisherigen Schachweltmeister. Eine Persönlichkeit, die in der etwas exzentrischen Weltspitze einmalig ist, und einigen daher etwas farblos und eintönig erscheint.Mir selbst reicht die Farbe, die seine besten Partien enthalten. Markige Sprüche und extrovertiertes Verhalten rund um das Schach ist zwar unterhaltsam, aber Klasse stellen gerade die stilleren Töne und das ruhige Verhalten in dem eigentlich bedächtigen Schachsport dar.Zurück zu Carlsen.Der Vergleich zu Tal und Kasparow zeigt, woran es dem neuen Weltmeister fehlt in der Wahrnehmung des Schachpublikums:Spektakuläre Partien, von denen die Schachwelt Monate oder Jahr(zehnt)e spricht und sie analysiert.Doch da sind wir schon bei den unterschiedlichen Voraussetzungen, für die Carlsen nichts kann und die in Relation zu seinem heutigen Schach gesehen werden müssen.Es jagt derzeit ein Spitzenturnier das nächste.Die Engineanalysen mit einigen ergänzungen sind spätestens am nächsten Tag online und viele Schachkiebitze meinendamit recht gut zu wissen, was passierte, wo Fehler waren usw.Früher vergab man ! und ? als Hinweise für Geschehnisse in Partien. Heutzutage liegt der Schwerpunkt mehr auf ? und Rotfärbungen,auch wennkommentierende Meisterspieler immer mal wieder ein ! ergänzen und erklären, warum sie diesen oder jenen Zug des menschlichen Zauberers so Klasse finden. Ein Meer von Blau zeigt die Qualität der heutigen Weltmeisterzüge an, doch waren undsind es gerade auch Züge in Rottönungen, die früher zu Legenden, Mythen, Bewunderung und Faszination führten.Viele dieser alten Geschichten gehen heutzutage vielleicht nicht mehr. Ganz sicher bin ich mir da nicht. Jedenfalls ist Magnus Carlsen nicht der Spielertyp, der das ausprobiert und er wird sich auch nicht in diese Richtung entwickeln.Warum auch. Sein Stil ist erfolgreich und elegant zugleich in etlichen Partien.Sturmsiege gegen Nakamura, der auch mal Wilderes zuläßt als Leko. Präzise Endspielbehandlung gegen Kramnik zum vollen oder halben Punkt. Zertrümmerung oder Verwirrung eines Topalov. Ein hilfloser Chinese (Wang Hao oder Ni Hua). Wang Yue und Vishy in schwierigsten Endspielen überspielt. Judit Polgar in London vorgeführt (Triumph des Turms auf der 7. Reihe).Es gibt genügend Beispiele, die die Klasse des amtierenden Weltmeisters zeigen.Doch irgendwie fehlt das Geheimnisvolle, das Rätselhafte, das Kraftvolle, das gerade Tal und in Vollendung Kasparow zeigten.Doch sie entstammen einer anderen Zeit, auch wenn Kasparow in die modern times hineinragt.An Karpow gewöhnten sich die Schachfans, weil sie und die Kommentatoren die tatsächlich vorhandenen oder gerade nicht vorhandenen Geheimnisse nicht entschlüsseln konnten. Daneben verwöhnte sie Karpow nebenher mit der einen oder anderen Partie, die nicht auf tiefgründiger Technik, sondern auf erkennbarerAggression beruhte. Carlsen - im Stil Karpow ähnelnd - hat im Zeitalter der engine-Kiebitze einen schwierigeren Stand.Was anzumerkenn ist, daß Carlsen gerade in den letzten beiden Jahren recht wenig zur Erforschung von Modevarianten und Systemen beigetragen hat.Vielleicht ändert er dies, nachdem er den WM-Titel errungen hat und dabei bewußt den möglichen Wissensvorsprung seiner Konkurrenten umging?!Eine sportstrategisch richtige Entscheidung, nicht so publikumswirksam eben.Vorgänger Kasparow stellte sich den Diskussionen und bewirkte Trends und Entwicklungen in einem Maße, wie kein anderer Weltmeister oder Spitzenspieler.Seine Produktivität ist bisher unerreicht, doch wird es für die neue Generation immer schwieriger etwas zu finden, auch wenn das Schachspiel als unerschöpflich gilt.Und Entdeckungen sind häufig "optisch" weniger spektakulär als noch vor 10 oder 20 Jahren...Vergleich mit früheren WeltmeisterschaftenDas heutige Format unterscheidet sich wesentlich von den Weltmeisterschaften des letzten Jahrtausends (Anzahl der Partien, Hängepartien).Vom Spielstärkeabstand lt. Elo liegt Fischer-Spassky nahe. Es gibt auch Parallelen.In beiden wettkämpfen wurde der WM deutlich und verdient besiegt, aber meines Erachtens auch unter Wert besiegt.Spassky litt unter Fischers Sperenzien vor und während des Wettkampfs und dem gewaltigen Druck des "Systemkampfs". Ohne diesen Einfluß hätte man vielleicht den Wettkampf des Jahrtausends und nicht des Jahrhunderts gesehen; denn Spassky war schachlich dichter an Fischer dran, als Resultat und einzelne Partien aussagen.Ich dachte auch, daß der Abstand zwischen Carlsen und Vishy kleiner sein müßte, als Elo vorgibt. Doch eine Horror-Partie wie die 6. und eine Alles-oder-Nichts-Wettkampfstandpartie wie die 9. ergeben eben, daß Elo und nicht das Gefühl Recht behält. Das 72er enthält einige grobe Fehler von beiden Seiten. Schon damals erkannt und ersichtlich.Doch hatten sie auch mehr Partien zu spielen. Für Fehler und auch gute Züge.Carlsen hat wohl im Unterschied zu Fischer im gesamten Match keinen einzigen groben Fehler gespielt und es eher bei ?! und seltener (?)-Zügen bewenden lassen.Allerdings wurden Fischer von Spassky auch deutlich härtere Aufgaben gestellt, als sie carlsen von Vishy gestellt bekam.Und die wirklich schwierigen Situationen hat Fischer (Ausnahme die 11. Partie) exzellent gemeistert. Nachlässig hat er eher mal gespielt bei gewissem Vorteil oder weniger Druck.Dazu haben beide teilweise äußerst scharfe Systeme gespielt und einige wichtige Neuerungen gebracht. Die sowjetische Seite war eröffnungstheretisch schon auf WM-Niveau (4., 11., 15.), doch der flexible Fischer entwischte ihnen mit nicht zu starrer Eröffnungswahl.Der Najdorf aus der 15. Partie ist eine der kompliziertesten Eröffnungstabiyas überhaupt.Und bis man überhaupt zu dieser Stellung kommt, gibt es noch einige hochkomplzierte Abweichungen vorher.Im Vergleich zu diesem Wettkampf war die WM 2013 eröffnungstechnisch mit dem, was aufs Brett kam (nicht das, was von beiden Seiten womöglich im Archiv lag), sehr beschaulich.Die 9. Partie 2013 ist hier herausragend, in der Carlsen mutig und wettkampftechnisch sogar riskant eine komplizierte und für Schwarz als schwierig geltende Variante anbot.Interessant ist auch die 2. Partie, in der Carlsen Vishy etwas aus dessen früheren Partien (Sturmsieg) anbot, aber der Titelverteidiger "Vorbereitung" witterte.Als Beendigung einer Ära (und Altersdifferenz) bietet sich der Vergleich mit Botwinnik-Petrosjan 1963 an. Allerdings war dieses Match lange Zeit nahezu ausgeglichen, was es von 2013 unterscheidet. Petrosjan spielte aber zweckgerichtet sportlich: Lange Lavierpartien.Damit gibt es Ähnlichkeiten zu Carlsens Spielansatz gegen Anand.Damals wurde die Ära Botwinnik und damit der Vorkriegsspitzenspieler beendet. Die Zeit der Spieler begann, die erst nach dem 2. Weltkrieg zum Spitzenspieler reiften.Mit Carlsen Sieg könnte es passieren, daß kein Spieler, der noch Hängepartien spielte und ohne Datenbank in der Jugend groß wurde, wieder um die Weltmeisterschaft spielen wird.

Beitrag von Zapp Brannigan

[quote] Was anzumerkenn ist, daß Carlsen gerade in den letzten beiden Jahren recht wenig zur Erforschung von Modevarianten und Systemen beigetragen hat.Vielleicht ändert er dies, nachdem er den WM-Titel errungen hat und dabei bewußt den möglichen Wissensvorsprung seiner Konkurrenten umging?!Eine sportstrategisch richtige Entscheidung, nicht so publikumswirksam eben.[/quote]Carlsen hat schon eröffnungs-trends bewirkt, aber anders als man von kasparov oder auch kramnik gewohnt ist. Der langsame, "ich will schachspielen" d3-spanier hat auf höchstem niveau die c3-d4 spanier überholt, den offenen sizilianer spielt auch keiner mehr, vor allem die rossolimo-variante ist gegen 1.e4 c5 2.Nf3 Nc6 heutzutage die hauptvariante. Beides wurde u.a. auch von Carlsen eingeführt. Klar, das sind nicht die neuerungen in einer extrem scharfen stellung die wir von kasparov und kramnik gewohnt sind, sondern eher die einsicht, einfach mal schach spielen und nicht versuchen alles bereits in der heimanalyse zu lösen.

Beitrag von zugzwang

Carlsen verbinde ich weniger mit Rossolimo.Einen Trend hat hier der WM-Kampf Anand-Gelfand gesetzt, in dem einer der größten Experten für den offenen Sizilianer mit Weiß wegen Sweschnikow auf diesen verzichtete.Carlsens Anteil an den Veränderungen im Spanier scheinen mir bedeutsamer.Ob Carlsen ausschließlich vom Konzept "Schachspielen" und nicht "Heimängielysen prüfen" beeinflußt wird, weiß ich nicht.Vielleicht ist es einfach nur die Einschätzung, auf diesem Gebiet gegen die geballte Kraft aller Spitzenspieler zu einsam dazustehen. Kasparow nahm es dagegen konsequent mit der ganzen Weltelite und ihren Analysen auf.Er wich ihnen nicht großartig über Nebenvarianten aus, sondern kam den anderenspielern häufiger zuvor oder hatte es eben tiefer bearbeitet.Zudem war er gegenüber vielen Spielern auch am Brett einfach einen Tick besser und konnte diese deshalb auch in Verlegenheit bringen, wennsie mit ihrer Eröffnungsarbeit eigentlich richtig lagen.Carlsen hat derartige Qualitäten bisher nicht, kann sich aber noch dahin entwickeln, doch habe ich Zweifel, ob diese breite theoretische Vorherrschaft Kasparows heutzutage überhaupt noch möglich ist. Eine Kosten-Nutzen-Analyse rät dann zur Variante "Einfach Schachspielen", die jetzt gern als probates Mittel angepriesen wird.Ein Nachteil dieser Methode für die Zuschauer ist nicht zu übersehen:Anstelle scharfer Abspiele im Sizilianer, Saitsev-Spanier oder im Halbslawisch-Meraner-Komplex tauchen dann auch recht öde Stellungen auf, die erst langsam in Richtung Endpiel wieder mit mehr Leben und Spannung gefüllt werden.Obwohl ich das Ringen um kleinste Vorteile, Felder(chen), Bauernstruktürchen äußerst anspruchsvoll und als hohe Kunst ansehe (der WM-Kampf Botwinnik-Petrosjan kann so charakterisiert werden und ähnelt damit der WM 2013), bin ich erleichtert, wenn häufiger eine Struktur wie in der 9. Partie aufs Brett kommt.Was in der Diskussion um Carlsen für mich störend ist, ist der krasse Gegensatz von zu großem, recht oberflächlichem Jubel und teilweise ungerechtfertigter und substanzloser Kritik.

Beitrag von zugzwang

[QUOTE=zugzwang;20885]...Wie gewinnt Schwarz mit der zerrupften Struktur eigentlich, wenn Vishy mit 51. b3 auflöst. Carlsen kann dann mit Te3+ nebst Txc3 noch einen Bauern einstreichen, verliert dann aber den c4 und verbleibt mit f- und Doppel-h (wenn es wenigstens Doppel-f wäre!) gegen den weißen g-Bauern und einen nicht abgeschnittenen wKönig.Wenn Magnus ein derartiges Endspiel gewinnt, dann ziehe ich den Hut!...[/QUOTE]Ein Blick zurück in die Zukunft:Das Turmendspiel der 6. Partie wird von Ilja Schneider in Schach 12/2013 S.21 ff kommentiert.Zu 51. Tb8 merkt er an:"Damit macht er sich das Leben unnötig schwer."Sein Verbesserungsvorschlag 51. Kh2!? ist nicht von der Hand zu weisen. Weiß muß aktuell gar nicht "hektisch" werden und schnell beweisen, daß die Stellung remis ist. Er kann sogar nach dem bequemsten Weg suchen.Zu 51. b3 Te3+, 52. Kh2 Txc3, 53. bxc4 Txc4 merkt er daher an, daß man sich diese Stellung gar nicht antun muß, auch wenn sie selbst gegen Carlsen ohne allzu große Probleme zu halten sein sollte.Diese Einschätzung findet Bestätigung durch Anish Giri, der diese Partie in NIC 8/2013 kommentiert.Der junge Super-GM und potentielle zukünftige WM-Herausforderer steigt einen Zug später ein und merkt an, daß anstatt 52. Tg8+ die Alternative 52. b3 etwas für faule Leute sei und nach 52. ... Te3+, 53. Kh2 Txc3, 54. bxc4 Txc4 die Stellung totremis aussähe. Für Schwarz wäre das Erreichen eines f+h-Bauern-Turmendspiels ein Traum (obwohl auch nur remis). Wie das zu ereichen ist, sähe er ebenso nicht. Weiterhin meine ich gelesen zu haben, daß Vishys 50. Kh3 kritisiert wurde und stattdessen Kg3 nebst Kf2 und bestens in beide Richtungen postiertem wK vorgeschlagen wurde (Analysen usw. evtl. von Shipov und Co.).Diese Partie war der wirkliche Knackpunkt der WM und zeigt, daß Vishys mentale Verfassung sein Spielniveau in ein für ihn unglaubliches Tal rutschen ließ.