Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Welche Erkenntnisse/Fähigkeiten brachten mich auf meine aktuelle Spielstärke?“

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Beitrag von Pantau

Mich würde eine Sammlung interessieren, wo Spieler mal ganz aus ihrer eigenen Erfahrung schilderten, mit welchem zusätzlichen Wissen/Können sie ihren letzten DWZ-200ter-Schritt (was ja einer Klasse entspricht) gemacht haben. Das wäre sowohl für Spieler interessant, welche selber diesen Spielstärkeschritt anstreben und würde sicher auch Trainern helfen, nachvollziehen zu können, worauf es aktuell ankommt. Es ist sicherlich im Nachhinein z.B. für einen 2000er nicht mehr so einfach nachvollziehbar, was genau einem 1000er für den nächsten Schritt fehlt - für einen 1200er jedoch sehr wohl!Also mache ich mal den Anfang, also von DWZ 1200er zu 1400er: Bei mir war es das gezielte suchen nach Zwischenzügen während der Partie, insbesondere, wenn der Gegner abtauschen will und ich vorher fast automatisch zurückschlug/reagierte. Hinzu kommt eine systematische Beschäftigung mit Taktikmotiven, wobei ich dabei einige kennenlernte, die mir vorher völlig unbekannt waren, z.B. die Räumung und die Hinlenkung. Auch habe ich mich vorher fast nie getraut, taktisch zu opfern bzw. nach solchen Möglichkeiten zu suchen und dann das auch durchzuziehen. Zusätzlich habe ich mich erstmals mit Endspielen (Endspielbüchern) beschäftigt, vor allem mit Bauernendspielen. Außerdem habe ich mal meine seit Ewigkeiten eingefahrenen Eröffnungen alle geändert, einfach mal, um andere Mittelspiele aufs Brett zu bekommen, was alleine schon sehr lehrreich war. Diese Maßnahmen haben tatsächlich die 200 Punkte gebracht.

Beitrag von Babylonia

Ich habe so einen Quantensprung um 200 DWZ-Punkte gar nicht gemacht und zur Zeit bewegt sich meine DWZ in Richtung abwärts und das, obwohl ich mich seit Anfang 2015 mit Schachtheorie online, autodidaktisch und im Schachkurs beschäftige. Babylonia

Beitrag von Pantau

Das muss ja nicht immer als einziger ein 200er-Sprung passiert sein, aber Du weißt doch vielleicht noch, wie Du als 1000er gespielt hast bzw. wie Du dort im Unterschied zu jetzt gedacht hast. Oder war Deine erste DWZ gleich schon in diesem Bereich?Im Übrigen sind ja jene Phasen, wo gar nichts passiert oder es sogar leicht wieder abwärts geht, sogar die Regel und nicht die Ausnahme. "Wissen" lässt sich kontinuierlich steigern aber die Spielstärke ist ja nicht "Wissen" sondern "Können" und letzteres kommt eben wie Ketchup aus der Glasflasche, also in der Regel schwallweise und dann wieder gar nicht. ;-)

Beitrag von Babylonia

Ich habe erst im Oktober 2014 wieder angefangen Schach zu spielen, davor gab es eine Schachpause von 19 Jahren. Mein letztes Turnier vor meiner Schachpause war 1997. Bevor ich mit Schach aufhören musste (wegen meiner Umschulung) hatte ich noch an einigen Schachseminaren meines Vereins teilgenommen. In den 5 Jahren meiner früheren Vereinszugehörigkeit ist meine DWZ um ca. 100 gestiegen, aber ich habe nur Schach gespielt und an Turnieren teilgenommen. Babylonia

Beitrag von Zapp Brannigan

Der grösste Sprung, von 1650 auf 1850 innerhalb etwas mehr als 1 Jahr kam durch die Einsicht dass Schachwissen und Schach-können zwei verschiedene Dinge sind. Am Anfang nahm ich einfach naiv an, es reicht, je ein Buch zu Taktik, Strategie, Endspielen, Weisseröffnung und Schwarzeröffnung zu lesen, und dann kann man Schach spielen. Die Realität ist (leider?) etwas anders. Es reicht nicht, einmal ein Taktikbuch zu lesen um Taktik zu können, das muss täglich trainiert werden. Es reicht nicht einmal ein Endspielbuch zu lesen, die stellungen vergisst man (resp. ich) halt einfach sehr schnell. Anfang 2008 hatte 1650 elo, und habe angefangen, täglich 20min einfache taktikaufgaben auf chesstempo zu lösen. Die Aufgaben waren leicht genug, dass ich es auf 20 aufgaben pro tag schaffte. Das Schlüsselwort lautete Mustererkennung. Man trainiert nicht unbedingt das genaue rechnen, sondern das erkennen von wiederkehrenden Mustern. Anfang 2010 bin ich durch dieses tägliche Training und das spielen von Turnierpartien auf 1850 gekommen.Von 2008 bis 2015 habe ich dann aber um die 1850 herum stagniert und konnte mich nur um 50 punkte verbessern, trotz täglichem Taktiktraining. Irgendwann sitzen halt die Muster und die Effizienz dieses Training wird reduziert.Der nächste grössere Sprung, von 1900 auf 2000 (nächste elo-liste), schaffte ich in diesem Jahr. Nach einer 6-monatigen Schachpause im 2015 hat es dieses jahr irgendwie klick gemacht. In 17 Partien habe ich nur 1 Verlustpartie gehabt, mit verschiedenen Gewinnpartien gegen Spieler mit mehr als 2100 elo. Tägliches taktik-training mach ich immer noch, aber ich trainiere jetzt spezifisch an meinen schwächen: Das erkennen und verhindern gegnerischer Möglichkeiten. Auf chesstempo wird immer der erste gegnerische Zug ausgeführt, danach muss man den besten zug finden. Jetzt trainiere ich aus der sicht des "verlierers": ich führe den ersten zug nicht aus, aber frage mich: "wenn ich diesen zug ausführen würde, wieso verliert das?". In meinen Partien zwinge ich mich, jedes mal vor dem ausführen eines Zuges die frage zu stellen "was ist die beste gegnerische antwort".Allgemeine Erkenntnisse:(a) Es gibt keinen Masterplan. Damit habe ich immer noch mühe. Ich habe Tendenz einen klaren plan vom ersten zug an zu haben (welcher in meiner fantasie-welt oft mit dem wort "matt" endet), jeder zug spielt auf dieses ziel hin. Das hat aber das Problem, das Figuren, welche am plan nicht teilnehmen, nicht gezogen werden. Wenn man aber starken spielern beim spielen zuschaut (z.bsp. banter blitz mit Peter Svidler dann erkennt man dass nicht jeder Zug einem klaren Endziel dient, Figuren werden nicht auf ein feld gezogen weil sie da einem grösseren Plan dienen, sondern weil sie da "einfach gut stehen". Natürlich ist es gut, einen Plan zu haben, aber man muss flexibel bleiben und alle figuren benutzen.(b) Strategie ist "einfach", Ausführung ist "schwierig". Strategie an sich ist echt kein buch mit 7 Siegeln! Bauernschwächen (isolani, doppelbauern, ...) sind schlecht, Raumvorteil und Läuferpaar sind gut, ein Läufer mit der gleichen felderfarbe wie die zentralbauern ist schlecht, Entwicklungsvorteil und aktive Figuren sind gut, ...Kompliziert wird es in der ausführung. Im nimzo-inder hat weiss doppelbauern und entwicklungsnachteil (schlecht!), dafür aber das Läuferpaar und Raumvorteil (gut!). Was ist jetzt wichtiger? Nur viel GM-praxis kann wirklich sagen, was wichtiger ist. Strategie-spiel ist vor allem: Spiel gegen schwächen (König, Bauern, Felder), Abtausch der richtigen Figur, Spielen des richtigen Bauernhebels.(c) Keine Eröffnungen spielen die man nicht versteht! Ich habe eine zeitlang 1.c4 2.g3 gespielt und 1...g6 gegen alles. Es war ein Desaster! Ich habe nichts verstanden, wusste nicht was ich mit meinem damenflügel-vorteil anfangen sollte und wurde am königsflügel überspielt. Jetzt spiele ich eröffnungen mit klaren, einfachen plänen.(d) Eröffnungen mit gleicher Struktur wählen. Spielt man 1.e4 mit hauptvarianten hat man eine unmenge an strukturen, Spanisch, offener sizilianer, französisch, caro-kann, ... Um das alles zu beherschen muss man unglaublich vielfältig sein. Das ist zumindest bei mir nicht der Fall. Ich habe meine Eröffnungen mit dem gemeinsames nenner isolani gewält. All meine eröffnungen sind so ausgelegt, so viel isolani-stellungen wie möglich zu bekommen. Die strukturen verstehe ich extrem gut, und habe merklich bessere resultate wenn ich so eine stellung erreichen kann. (e) Flexibilität ist was für GMs. Flexibel sein bedeutet, je nach gegnerischer antwort die beste struktur zu wählen. Das ist super! Das bedeutet aber auch, ganz verschiedene strukturen zu können. Und dann sind wir wieder bei punkt (d)

Beitrag von hako

Ich hab vor zwei Jahren einen recht großen Sprung gemacht, worauf ich auch von der Bezirksliga in die Verbandsliga gewechselt bin. Davor hat sich meine Spielstärke immer recht geradlinig verbessert, einfach durch Spielen, Spielen und ab und zu mal was Taktik.Vor zwei Jahren hat sich das dann so bezahlt gemacht, dass ich gute Taktikkenntnisse und eine gute Kondition hatte. Dazu solides Strategiewissen und nach den ersten 10 Zügen mindestens ok stehen. Reichte!Für den nächsten Sprung müsste ich wieder besser in Taktik werden und mich vor allem in Schachtaktik verbessern.