Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Zerstörung von Zeit“

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Beitrag von Kiffing

Demnächst kommt ein Essay-Film über das Schach heraus. Zerstörung von Zeit ist genau das, was quasi die Metaebene des Schachs und seine Verwobenheit in alle möglichen Aspekte von Kunst, Kultur, Wissenschaft, aber auch in das Morbide der Menschheitsgeschichte ausmacht. So werden in dem Film alle möglichen Mythen und Abgründe näher beleuchtet. Selbst für den schachhistorisch bewanderten Seher könnte der Film einige neue Erkenntnisse bereithalten, denn das Projekt ist extrem ehrgeizig. Es geht nicht mehr und nicht weniger um die eschatalogischen Fragen des traditionsreichen Königlichen Spiels. Aus dem [URL="http://www.startnext.de/zerstoerung-von-zeit"]Trailer[/URL]:[QUOTE]Wie lässt sich die Komplexität von Schach in Kunst übersetzen? Und wie andersherum? Wie lebt es sich in "Chess City" in der autonomen russischen Republik Kalmückien? Und ist das ernst gemeint, hier Schach als Staatsreligion einzuführen? Konnte Napoleon den ersten Schachautomaten besiegen? Weshalb war dieser Automat ein "Schachtürke"? Welche Rolle spielt Schach bei neurowissenschaftlichen Experimenten? Ist Schach wirklich ein Kriegsspiel? Und wie hat es Stanley Kubrick beim Inszenieren seiner Filme geholfen? Wann wird Schachboxen endlich olympische Disziplin? Weshalb endete Bobby Fischers Flucht ausgerechnet in Island, wo 1000 Jahre zuvor König Knut seinen Gegner am Schachbrett ermorden ließ? Kann Schach dabei behilflich sein, die Grenzen des Vorstellungsvermögens zu überschreiten? Kann Schach verrückt machen? Oder kann man hier den Sinn des Lebens finden?[/QUOTE]

Beitrag von Kiffing

Auch wenn der Film noch nicht erschienen ist, lohnt es sich, sich über die im Trailer aufgeworfenen Aspekte schon einmal Gedanken zu machen und Antworten zu finden, die der Film geben wird, auf deren Basis, nach der Philosophie von Descartes, wieder neue Fragen entstehen, so daß der Kreislauf zur Erkenntnis in Gang gesetzt werden kann. Der, der meint, schon alles zu wissen, hört auf, sich weiterzuentwickeln, nur der, der sucht, wird Weisheit erlangen können.Die Frage, ob Schach ein Kriegsspiel ist, erscheint mir dennoch recht unumstritten, da das vermutlich ursprünglich indische Spiel eine spätantike Schlacht symbolisieren soll und auch die Waffengattungen des viergliedrigen indischen Heeres mit Kriegselefanten, Streitwagen, Kavallerie und Fußsoldaten besaß. Mehr dazu: [url]http://www.schachburg.de/threads/849-Die-Geschichte-der-Schachfiguren?highlight=Geschichte+Schachfiguren[/url]Schon der Kulturwissenschaftler Samuel Friedrich Günther Wahl hatte diese Frage in seinem kulturhistorischen Werk [URL="http://books.google.de/books?id=rahAAAAAcAAJ&pg=PA129&lpg=PA129&dq=Schach+Vorfall&source=bl&ots=q9SOudaRSo&sig=tUMqn1BJPfzB6AwuL9Iv9p-Yf2A&hl=de&sa=X&ei=9X72Uq3kBeqq7QbsnYDYBA&ved=0CHYQ6AEwCTgK#v=onepage&q=Schach%20Vorfall&f=false"]Der Geist und die Geschichte des Schachspiels bei den Indern, Persern, Arabern, Türken, Sinesen und übrigen Morgenländern, Deutschen und andern Europäern[/URL] von 1798 untersucht, also in einer Zeit, die wir heute aus kulturhistorischer Sicht mit lebhaftestem Interesse verfolgen, spielt sie doch in der Zeit der Napoleonischen Kriege nach den Wirren der Französischen Revolution, als der „Dämon“ (E.T.A. Hoffmann) Napoleon ganz Europa in seinen Grundfesten erschütterte.Wahl widmet dieser Frage in seiner wissenschaftlichen Arbeit einen breiten Raum, auch wenn er diese Frage direkt am Anfang eindeutig positiv beantwortet. Er zitiert Literaten und Politiker aus allen Kulturkreisen, die sämtlich das Schachspiel mit dem Kriege verglichen haben. Interessant dabei ist, daß Wahl dem Schachspiel bereits einen Nutzen für das Militär in Bezug auf die Schulung kriegsstrategischer Fertigkeiten beimißt:[QUOTE]Der militärische Werth, welchen das Schachspiel auch noch heutzutage behauptet, muß einem jeden Kenner desselben in die Augen leuchten, wenn er beide Theorien, die des Spiels und die der mechanischen Kriegskunst gegen einander vergleicht. Beide Theorien gründen sich unleugbar auf einerlei Vorstellungen und einerlei Art zu handeln. Das System der mechanischen Kriegskunst enthält die Regeln, nach denen eine Armee so zu führen, so zu stellen und zu ordnen, und so zu regieren ist, daß der Feldherr der vortheilhaften Absicht seines Unternehmens nicht verfehle. Eben so hat auch der Spieler im Schach sein Kriegsherr, seine Truppen vor sich, und er hat in der Tat dieselben Regeln, dieselben Kunstgriffe und Manieren zu beobachten, um durch diese seine Armee seine Absichten zu erreichen. Sein Spielen ist ein beständiges Führen, Stellen, Ordnen, Regieren und Lenken der Figuren, die ihm statt der Truppe dienen. Er entwirft Pläne, wie sie der Feldherr macht, er führt sie aus. Pläne werden ihm entgegengesetzt, die Seinigen werden dadurch vereitelt; er ändert die Entwürfe, und versucht neue Dispositionen. Alles dieses wie im Felde, nur im Kleinen, aber eben daher desto genauer zu übersehen, desto geschickter zur Übung aufs Große. Der Gang des Schachspiels ist Maschinerie, eben wie auch der Gang der heutigen Kriegskunst fast nur maschienenmäßig ist, indem der Wille und Befehl des Feldherren die ganze Masse in Bewegung setzet und aus dieser bewegenden Grundkraft sich alle einzelnen Bewegungen der Theile, des Ganzen herleiten. Der Spieler betrachtet sich als den Feldherrn, und wird auf diese Art die allbewegende Kraft seines kleinen Heeres. Die Figuren auf seinem Schachfelde müssen ihm verhältnismäßig eben das seyn und werden, was die lebendigen Schaaren im Kriege dem Feldherrn sind. -[/QUOTE]Generell weist Wahl dem Schachspiel in Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung wertvolle Dienste zu. Er nennt: „Übung der Verstandeskräfte, insbesondere des Scharfsinns und der Gegenwart des Geistes, Erweckung einer edlen Entschlossenheit, Dreistigkeit und Beherztheit, Stärkung des Gemüths zu kaltblütiger und bedächtiger Fassung in Gefahren und beim Wechsel der Umstände des Lebens, Erheiterung der Seele nach ernsten Beschäftigungen und selbst Erholung der durch die Arbeit geminderten körperlichen Kräfte, um hernach zur Wiederholung der Geschäfte desto munterer und geschickter zu seyn [...].“ (Ebd.)Heute, wo wir über eine Erfahrung von 216 Jahren mehr verfügen können als der gründliche Kulturwissenschaftler aus der Zeit Napoleons, können wir somit erstaunt sein, in welchem ebenso gründlichen Maße sich die Anregungen Wahls im Laufe der fortschreitenden Moderne erfüllt haben. Nicht nur wurde das Schach eben wegen der Schärfung des militärstrategischen Denkens durch dieses Kriegsspiel sowohl im Großdeutschen Reich als auch in der Sowjetunion systematisch für die Front im Zweiten Weltkrieg verwendet, wobei beide Staaten das Schach sogar durch ihm entlehnte Spiele mit modernen Waffengattungen, nämlich dem [URL="http://www.schachburg.de/threads/1037-Wehrschach-und-Kampfschach?highlight=Wehrschach"]Wehrschach (Tak-tik) und dem Kampfschach[/URL], ergänzten. Auch wurde das Schachspiel in der Sowjetunion schon seit Lenin auf eine Massenbasis gestellt zwecks geistig-kultureller Förderung des Proletariats und der Bauernschaft und fortan als vorzügliches Mittel zur Veredelung der menschlichen Persönlichkeit und sogar zur Herausbildung des angestrebten Neuen Menschen systematisch in der Gesellschaft verbreitet. Aber wir brauchen nicht einmal so sehr in die Sowjetunion zu schauen, um die gesteuerte Verbreitung dieses Spiels von Staats wegen zu studieren. In immer mehr Ländern der Welt wird das Schachspiel Schulfach, und auch in Deutschland nehmen immer mehr Schulen das Schach in den Lehrplan auf, da moderne Studien die Erkenntnis Wahls in bezug auf eine ganzheitliche Förderung kognitiver und persönlicher Fertigkeiten durch Schach längst bestätigt haben. Nur werden die wenigsten Staaten dabei ihr Militär im Hinterkopf haben...Wir sind gespannt, wie der Film diesen kulturübergreifenden Aspekt des Schachspiels behandeln wird.