Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Kurzgeschichten rund um Schacheröffnungen“

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Beitrag von zugzwang

Der Thread-Titel ist geklaut oder sagen wir mal entlehnt von einem Klassiker - Kurt Richter. Und bei ihm ging und geht es um Schachfiguren. Aber Eröffnungen kommen bei ihm auch vor. Damit beginnt ja die Partie, bevor sie matt endet.Also kommen die Highlights am Anfang.Manchmal hat man diesen Eindruck, wenn man die zahlreichen Threads zu Eröffnungssystemen und Varianten sieht und querliest - fast so viel Schachliteratur zu diesem Thema im Verhältnis zu Mittelspiel und Endspiel.Zur Eröffnungsphase einer Schachpartie hatte ich schon immer ein ambivalenes Verhältnis. Doch zu diesem Thema werde ich andermal etwas schreiben.Bei der Datenbankbearbeitung und Pflege taucht manchmal etwas auf, was interessant, skurril, lustig oder sonstwas ist. Zur altehrwürdigen französischen Verteidigung gehören ein paar Allgemeinplätze, die eine erstaunlich geringe Ausnahmequote aufweisen. So lernt man als Schwarzer die Stärke und Verwendung eines nominell schlechten Läufers schätzen. Schlechte Läufer decken gute Bauern war von John Watson wohl auf die Französische Verteidigung gemünzt. Entgegen sonstiger Regieanweisungen wird dem Franzosen auch geraten ja nicht zu früh zu rochieren.Und oftmals rochiert der Franzose gar nicht.Die rochade macht man erst, wenn es keinen anderen sinnvollen Zug gibt, riet mir eindringlich ein Schachfreund. Er achtete sehr darauf und war bekennender "Franzose".Und wenn der Franzose mal rochiert, dann kommt auch einmal so etwas zustande - kein allgemeiner Rekord, aber vielleicht die späteste Rochade gegen einen Weltmeister:[Site "Horgen SUI"][Date "1995.10.26"][EventDate "1995.10.21"][Round "6"][Result "0-1"][White "Garry Kasparov"][Black "Vassily Ivanchuk"][ECO "C16"]1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 Bb4 4. e5b6 5. a3 Bf8 6. Nf3 Ne7 7. h4 h6 8. h5 a5 9. Bb5+ c610. Ba4 Nd7 11. Ne2 b5 12. Bb3 c5 13. c3 Nc6 14. O-O Qc7 15. Re1 c4 16. Bc2 Nb6 17. Bf4 Be7 18. Bg3 Rb8 19. Nh2 Qd820. Ng4 b4 21. axb4 axb4 22. cxb4 Nxb4 23. Bb1 Bd7 24. b3 Ra8 25. Rxa8 Qxa8 26. bxc4 Nxc4 27. Nc1 Ba428. Qe2 Qa7 29. Ne3 Qxd4 30. Nxc4 dxc4 31. Qf1 O-O0-1Chucky sah häufiger nicht glücklich und gut gegen Garry aus, aber das Kunststückihn mit einer Schwarzrochade im 31. Zug zur Aufgabe zu bewegen, wird ihm keiner mehr nachmachen und hat vermutlich - ähnlich - auch noch nie jemand gegen einen WM oder Ex-WM vorgemacht.Auf eine andere späte Rochade stieß ich zufällig, weil der Gewinner dieser Partie Teilnehmer des ersten Schachturniers war, das ich live besuchte.Welche Schachgeschichte der kleine ältere Mann schon hinter sich hatte, erfuhr ich erst nach und nach. Seine Lehrbücher - insbesondere "Sie sind am Zug" "Meisterspiele" sowie die kleinen gelben Reclam-Partiensammlungen waren schnell der kleinen Bibliothek hinzugefügt.Rudolf Teschner rochiert spät, aber entscheidend:[Event "Hamburg"][Site "Hamburg"][Date "1955.??.??"][Round "6"][White "Pfeiffer, Gerhard"][Black "Teschner, Rudolf"][Result "0-1"][ECO "C18"][EventDate "1955.??.??"][Source "ChessBase"]1. e4 e6 2. d4 d5 3. Nc3 Bb4 4. e5 c5 5. a3 Bxc3+ 6. bxc3 Ne7 7. f4 Qa5 8. Bd2Qa4 9. Nf3 b6 10. Be3 $5 Ba6 11. Bxa6 Nxa6 12. O-O Nf5 13. Bf2 cxd4 14. cxd4Rc8 15. g4 Ne7 16. Bh4 Qxc2 17. Qe1 h5 18. h3 hxg4 19. hxg4 Ng6 20. Bg3 Rc4 21.Rd1 Nc7 22. Rd2 Qb3 23. f5 Ne7 24. Ng5 exf5 25. e6 Nxe6 26. Nxe6 fxe6 27. gxf5Rc2 28. Rxc2 Qxc2 29. fxe6 Qh7 30. Qe5 Qh1+ 31. Kf2 O-O+ 0-1Ein kurze Recherche in eigener Datenbank brachte eine Überraschung für mich.Als ängstlicher "Zu früh-Rochierer-Typus" (aktuelle Einschätzung) liegt mein persönlicher Rekord beim 32. Zug. Und zwar auch in einer französischen Partie (C16 4 ... Dd7). Allerdings mit weiß und es war 0-0-0.Mit der Rochade und Franz mach ich doch immer irgendetwas falsch, auch wenn ich an diese Partie eine angenehme Erinnerung habe. Rochade war übrigens noch regelgerecht. Aber das wäre ja dann wieder Krabbés Thema ...

Beitrag von Kiffing

[QUOTE=zugzwang;20765]Mit der Rochade und Franz mach ich doch immer irgendetwas falsch, auch wenn ich an diese Partie eine angenehme Erinnerung habe. Rochade war übrigens noch regelgerecht. Aber das wäre ja dann wieder Krabbés Thema ...[/QUOTE]Das ist auch eine dieser skurillen Anekdoten, an denen die Schachgeschichte so reich ist: Die "Pam-Krabbé-Rochade", die mit 0-0-0-0 notiert wird: [url]http://de.wikipedia.org/wiki/Pam-Krabb%C3%A9-Rochade[/url] :katze:Und wie man hier sieht, mochte der Niederländer mit dem ganz eigenen Humor Kuriositäten, von denen er noch viel mehr aufgespürt hatte: [url]http://timkr.home.xs4all.nl/chess/[/url]

Beitrag von zugzwang

Eröffnungs-VielosofieTrotz Tarraschs profundem Rat (siehe sein Vorwort zum Klassiker "Das Schachspiel") spiel und Spieltechnik vom Endspiel aus zu erlernen, beschäftigen sich Generationen von Schachspielern aller Spielstärken zuvorderst und mit Inbrunst mit Eröffnungen.Die Varianz reicht von eintagsfliegenmäßigem Eröffnung-s-hopping:hexe: bis hin zu sturkopfmäßigen:donk: Systemeröffnungen:anbet: gegen alles und jeden ein Leben lang.Gründe für diese Erscheinungsformen sind die Unvollkommenheiten des menschlichen Spielers und seiner erzielten Ergebnisse zwischen 0 und 1 bei x Versuchen.Daneben gibt es auch die Spielertypen, die einfach etwas Neues:laola: erleben möchten bzw. diejenigen, die tiefes Forschen ausfüllt. Es scheint sich um schützenswerte Minderheiten zu handeln, die in ihrer Art allerdings nicht bedroht sind.Es gibt immer wieder neue Schachfreunde, die nicht (nur) um des Ergebnisses willen, (für sie) neue Wege der Eröffnung gehen oder vielfach beschrittene Wege immer wieder und immer weiter ablaufen, auch wenn Dunkelheit einsetzt und die Orientierung schwieriger wird.Der Hauptgrund der Beschäftigung mit Eröffnungen ist aber für viele Schachfreunde die Verbesserung ihrer Erfolgsbilanzen im Turnierspiel:schule:.Da gibt es den einen, der ganz brauchbar spielt, nur wären seine Ergebnisse noch viel, wenn er die Eröffnung besser beherrscht. Also wird zu Büchern und Datenbanken gegriffen und gelernt/"studiert".Dann gibt es den anderen, dessen Spielstärke limitiert oder noch nicht ganz ausgebildet ist. Dieser meint, seine Mittelspiel- und Endspieldefizite vorrangig mit konkretem Eröffnungsstudium kaschieren zu können. Vielleicht hat er/sie eine schachliche Kosten-Nutzenanalyse angestellt und meint mittels Eröffnungsstudium die besten Effekte pro Zeitraum erzielen zu können.Weil Eröffnungsstudium auch nützliche Effekte fürs Mittel- und Endspiel haben kann, wenn auch nicht muß, ist auch dieser Weg gangbar.Und dann gibt es noch diejenigen Spieler, die sich in der schachlichen Midlife-Crisis:oh-oh: befinden, nicht mehr recht vorankommen bzw. sich gefühlt oder tatsächlich (siehe Ergebnisse) rückwärts entwickeln. Dabei haben sie auf ihrem schachlichen Werdegang schon viele Wege beschritten und sind gar nicht einseitig vorgegangen. Auch bei diesen Schachfreunden pflanzt sich der Virus ein, es könne am - immer noch löchrigen - Repertoire liegen, das zudem vielleicht doch nicht ideal zum eigenen Spielernaturell:rocker: paßt.Und schon wird gesucht, gebastelt. Mancher in die Tiefe, ein anderer in die Breite oder besser beides.Die Zeit holt alle beschriebenen Typen ein und bringt sie wieder zurück.Mancher pausiert oder hört gänzlich auf.:abschied:Noch ein anderer sagt: Ich vertraue auf Caissa, was können mir die menschlichen Eröffnungen schon antun. Ich verbessere lieber mein Schachwissen und meine Schachtechnik an anderer Stelle als Eröffnungen und halte mich schachlich und außerschachlich mit anderen Übungen als Eröffnungen fit.Es gibt bisher keinen belegten Königsweg im königlichen Spiel. Vielleicht liegt es daran, daß der Königslauf diagonal genauso schnell ist wie geradeaus?Von daher wird es immer wieder Abenteuer geben, die im Eröffnungsdschungel herumlaufen, die eine oder andere Weggabelung verpassen und auch nicht den gerodeten und gemütlich hergerichteten Versammlungsplatz im Dschungel finden.Einige verhungern und verdursten, andere schlagen sich mehr schlecht als recht durch. Wenige finden die Goldader, die erfrischende Quelle oder ein paar Wildfrüchte. Häufiger wird man von wilden Tieren :hyaenen:überfallen. Und nicht jeder kommt nur mit ein paar Schrammen davon.Doch der Eröffnungsdschungel bleibt von Generation zu Generation beliebt und anziehend wie Theater, Kino, Jahrmarkt oder Eckkneipe.Viel Spaß und Erfolg bei Orientierung und bei der "Versilberung" der Fundstücke als schachlicher Jäger und Sammler!