Kennt ihr Eröffnungen, die direkt von der Eröffnung ins Endspiel springen und dabei das Mittelspiel auslassen?Mir persönlich fällt die Berliner Verteidigung ein, scherzhaft genannt die Berliner Mauer, und die nicht zuletzt wegen der Auslassung des Mittelspiels Berliner Endspiel genannt wird. Die Züge sind: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. d4 Sd6 6. Lxc6 dxc6 7. dxe5 Sf5 8. Dxd8+ Kxd8Eine weitere Eröffnung, die bislang aus irgendwelchen Gründen noch keinen Namen hat, wäre die Idee mit 1. d4 d6 2. c4 e5 3. dxe5 dxe5 4. Dxd8+ Kxd8. Schwarz kann zwar nicht mehr rochieren, aber da die Damen weg sind, ist die Mitte ohnehin der beste Platz für seinen König. Außerdem sind seine beiden Läufer nun frei, weswegen für Weiß 3. d5 oder 2. Sf3 bessere Fortsetzungen sind.Übrigens: früh die Damen zu tauschen, ist zwar notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für eine Eröffnung, die das Mittelspiel einfach überspringt. Nicht umsonst ist als Unterabteilung des Mittelspiels ja auch das damenlose Mittelspiel klassifiziert. Also sollten die Strukturen nach der Eröffnung schon endspielartigen Charakter aufweisen.Und noch was: ich persönlich würde nie solche Eröffnungen anstreben, weil ich das Mittelspiel für die attraktivste Phase im Schach halte. Aber ohne mich für diese Idee zu begeistern, einfach das Mittelspiel auszulassen, finde ich diese Idee zumindest bemerkenswert.Kennt ihr weitere solcher Eröffnungen?
Beitrag von zugzwang
[QUOTE=Kiffing;20462]...Übrigens: früh die Damen zu tauschen, ist zwar notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für eine Eröffnung, die das Mittelspiel einfach überspringt. Nicht umsonst ist als Unterabteilung des Mittelspiels ja auch das damenlose Mittelspiel klassifiziert. Also sollten die Strukturen nach der Eröffnung schon endspielartigen Charakter aufweisen....[/QUOTE]Richtig und die meisten Eröffnungsbeispiele sind zunächst damenlose Mittelspiele, die erst später in Endspielphasen übergehen.Die Definition von Endspiel ist nicht ganz einfach. Eine Beschreibung geht davon aus, daß ein Endpiel erreicht ist, wenn außer den Königen beide Seiten über maximal 2 Figuren neben den Bauern verfügen.Der recht frühe Damentausch ist nach meiner Beobachtung in den letzten Jahren gegenstand vieler Partien der Weltklasse und danach geht es dann in den zähen, langwierigen Positionskampf. Vielleicht ist das aber auch nur eine lückenhafte Beobachtung von mir. Allerdings könnte man dies anhand von statistischen Auswertungen zu Spitzenturnieren und WM-Kämpfen schnell zahlenmäßig darstellen.allerdings müßte man darlegen, wann ein damentausch "früh" ist: innerhalb der ersten 10 Züge oder innerhalb der ersten 15 Züge...?Oder ist er früh, wenn er inziwischen bekannte Theorie ist und mandavon ausgehen kann, daß beide Spieler gerade so eine Stellung ohne Damen spielen wollen?Ein erstes Buch zu diesem Thema ist Mednis "From the Opening into the Endgame" (19839. Auf deutsch erschienen 1987 als "Aus der Eröffnung ins Endspiel" (Edition Marco Schachverlag Arno Nickel, übersetzt von Rainer Albrecht).meines wissens ist das Buch vergriffen.Das Nachfolgebuch "From the Middlegame into the Endgame" (1987) erschien auf deutsch 1989 im Beyer-Verlag (übersetzt von Bernd Feustel). Nach einer längeren Einführung zu Endspielfragen wird ab Teil IV das Titelthema untersucht.Mednis versucht sich auch gleich am Anfang an der Abgrenzung: Was ist ein Endspiel?Er nennt als Kriterien: 1. erheblicher Materialtausch, 2. Sicherheit beider Könige 3. Zentrumsbesherrschung und Entwicklung haben keine besondere Bedeutung mehr.Die beiderseitige Königssicherheit ist für ihn vorherrschend.Ich denke, das ist ein guter, flexibler Ansatz. Zu beachten ist, daß die Königssicherheit sich gerade bei der Endspielführung dann als relativ herausstellt. Nicht wenige Endspiele werden durch (überraschende!?) Mattressourcen entscheiden - wenn auch häufig nur in wichtigen Varianten.Das Merkmal, daß beide Seiten vorerst nicht mehr genügend Potential für eine direkten Königsangriff besitzen, erscheint mit aber ganz gut greifbar für eine Abgrenzung. Spätere Mattdrohungen usw. ergeben sich dann aus/wegen der im Endspiel erforderlichen Königsaktivierung.Weiteres Standardwerk: Nesis "Die Kunst der Verienfachung" Bd. 1-3 (Schmaus 1985 ff.).Beispiele für endspielartige Mittelspielstellungen:Das schottische Endspiel (Mieses-Variante) - ausführlich beschrieben in Lund "Rooks vs. Two Minor Pieces"In einigen Abspielen der Drachenvariante kommt es bei der Konstellation Dd2, Sc3 - Da5 nach dem Zug Sc3-d5 häufiger zu diesem Typus (z.B. Tal-Sax 1982 B76).Spanisch-Abtausch mit 4. Lxc6 nebst recht frühem d2-d4 führt ebenfalls recht häufig zu schnellem Damentausch (C68)."Berüchtigt" ist der Abtausch d4xe5 in KID (E92) - in den Händen von Ulf Andersson eine Weißwaffe, ansonsten eher verpönt. [Event "Stockholm Interzonal"][Date "1962.01.27"][Round "1"][Result "1/2-1/2"][White "Rudolf Teschner"][Black "Robert James Fischer"][ECO "E92"]1. d4 Nf6 2. c4 g6 3. Nc3 Bg7 4. e4 O-O 5. Nf3 d6 6. Be2 e57. dxe5 dxe5 8. Qxd8 Rxd8 9. Bg5 Re8 10. Nd5 Nxd5 11. cxd5 c612. Bc4 cxd5 13. Bxd5 Nd7 14. Rc1 h6 15. Be3 Nf6 16. Bb3 Nxe417. Rc7 Be6 18. Bxe6 Rxe6 19. Rxb7 Ra6 20. a3 Nd6 21. Rb4 Rc622. O-O f5 23. g3 g5 24. Rd1 a5 25. Ra4 Nc4 26. Rc1 Nxb227. Rxc6 Nxa4 28. h4 f4 29. Bd2 e4 30. Ne1 fxg3 31. Rc4 gxf2+32. Kxf2 e3+ 33. Kxe3 Nb6 34. Re4 Nd5+ 35. Ke2 Nf6 36. Ra4gxh4 37. Rxh4 Kh7 38. Ra4 Re8+ 39. Kf3 Nd7 40. Rxa5 Ne5+41. Kf2 1/2-1/2Fischer konnte der Abtausch nur in dieser Partie stoppen, aber nicht im gesamten Turnier...:app2:Aus einem späteren Interzonenturnier:Ulf A. gegen Robert B (WM-Kandidat 1974)[Event "Sao Paulo"][Site "Sao Paulo, Brazil"][Date "1979.??.??"][Result "1-0"][White "Ulf Andersson"][Black "Robert Eugene Byrne"][ECO "E92"][WhiteElo "2560"][BlackElo "2535"]1.Nf3 Nf6 2.c4 g6 3.Nc3 Bg7 4.e4 d6 5.d4 O-O 6.Be2 e5 7.dxe5dxe5 8.Qxd8 Rxd8 9.Bg5 Re8 10.Nd5 Nxd5 11.cxd5 c6 12.Bc4 cxd513.Bxd5 Nd7 14.Nd2 Nb6 15.Bb3 Be6 16.Ke2 Bf8 17.Rhc1 Bd618.Bxe6 Rxe6 19.Be3 Kf8 20.Rc3 Rc8 21.Rac1 Rxc3 22.Rxc3 Ke823.g4 f6 24.Rb3 Bc7 25.a4 Re7 26.a5 Nc8 27.Nc4 Bd8 28.Rb5 Rc729.b3 a6 30.Rd5 Rd7 31.g5 Rxd5 32.exd5 fxg5 33.Kd3 g4 34.Ke4Be7 35.Nxe5 Bb4 36.Nxg4 Bxa5 37.Ke5 Ke7 38.Bc5+ Kf7 39.d6 Nb640.Bxb6 Bxb6 41.Kd5 Bd8 42.Ne5+ 1-0
Beitrag von Kiffing
[QUOTE=zugzwang] Die Definition von Endspiel ist nicht ganz einfach. Eine Beschreibung geht davon aus, daß ein Endpiel erreicht ist, wenn außer den Königen beide Seiten über maximal 2 Figuren neben den Bauern verfügen.[/QUOTE]Diese Definition halte ich für ein bißchen zu starr. Zum Beispiel wird hier das bekannte Schwerfigurenendspiel ausgeschlossen. Insofern gefällt mir die Definition von Mednis besser, die sich eher an den Charakteristiken der gegebenen Stellung orientiert. So ungefähr ist mir auch selber der Charakter eines Endspiels geläufig. Ansonsten gebe ich Dir Recht damit, daß Kombinationen im Endspiel noch lange nicht ausgestorben sind. Hier gibt es massenweise Motive rund um den exponierten König und natürlich um die Umwandlung zu erzwingen. Eine strategische Ressource im Mittelspiel, nämlich die [URL="http://www.schachburg.de/threads/115-Umgehen-mit-Randbauern"]Aktivierung eines Randbauern[/URL], der, wenn er nicht geschlagen wird, auf die 6. bzw. 3. Reihe einsickern kann, antizipiert u. a. schon das Endspiel, in dem diese dort ein Figurenopfer schon einmal potentiell ermöglicht:[FEN=1]8/7p/pp4pP/2n1k3/6P1/1P2K3/P1B5/8 w - - 0 1[/FEN]Lxg6! gewinnt taktisch.
Beitrag von Zapp Brannigan
[quote]Mir persönlich fällt die Berliner Verteidigung ein, scherzhaft genannt die Berliner Mauer, und die nicht zuletzt wegen der Auslassung des Mittelspiels Berliner Endspiel genannt wird. Die Züge sind: 1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 Sf6 4. 0-0 Sxe4 5. d4 Sd6 6. Lxc6 dxc6 7. dxe5 Sf5 8. Dxd8+ Kxd8[/quote]Obwohl ich es auch schon so genannt habe würde ich dies halt eben nicht als endspiel anschauen. Im endspiel hat der könig eine aktive rolle, aber die berliner variante ist für weiss eigentlich nur spielbar weil der schwarze könig nicht in sicherheit ist (und seinen türmen im weg steht). Die spielweise ist auch anders als in einem endspiel, weiss und schwarz versuchen zuerst mal alles zu entwickeln, wobei vor allem weiss den druck hat, sofort was zu biegen, denn wenn schwarz mal seine entwicklung beendet hat steht er sehr gut (die weisse bauernmehrheit am königsflügel bringt selten was weil der e5-bauer vor allem im weg steht, in vielen variante wird er ja einfach weggeopfert)[quote]Kennt ihr weitere solcher Eröffnungen? [/quote]Dilworth (obwohl ob das ein endspiel ist?):1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Nxe4 6. d4 b5 7. Bb3 d5 8. dxe5 Be6 9. c3 Bc5 10. Nbd2 O-O 11. Bc2 Nxf2 12. Rxf2 f6 13. exf6 Bxf2+ 14. Kxf2 Qxf6 Karpov-gambit1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bb5 a6 4. Ba4 Nf6 5. O-O Nxe4 6. d4 b5 7. Bb3 d5 8. dxe5 Be6 9. Nbd2 Nc5 10. c3 d4 11. Ng5 Qxg5 12. Qf3 O-O-O 13. Bxe6+ fxe6 14. Qxc6 Qxe5 15. b4 Qd5 16. Qxd5 exd5 17. bxc5 dxc3 18. Nb3 d4 ungarische verteidigung:1. e4 e5 2. Nf3 Nc6 3. Bc4 Be7 4. d4 d6 5. dxe5 dxe5 6. Qxd8+ Bxd8 7. Nc3 Die dxc5-variante im alapin (da habe ich persönlich probleme damit, schwarz hat trotz bauer weniger und ohne damen sehr viel initiative):1. e4 c5 2. c3 d5 3. exd5 Qxd5 4. d4 Nc6 5. Nf3 Bg4 6. dxc5 Qxd1+ 7. Kxd1 1. e4 c5 2. c3 d5 3. exd5 Qxd5 4. d4 Nf6 5. Nf3 Bg4 6. dxc5 Qxd1+ 7. Kxd1Short-variante im abtausch-qgd:1. d4 d5 2. c4 e6 3. Nc3 Nf6 4. cxd5 exd5 5. Bg5 c6 6. e3 Bf5 7. Qf3 Bg6 8. Bxf6 Qxf6 9. Qxf6 gxf6 [quote]Übrigens: früh die Damen zu tauschen, ist zwar notwendige, aber noch keine hinreichende Bedingung für eine Eröffnung, die das Mittelspiel einfach überspringt. Nicht umsonst ist als Unterabteilung des Mittelspiels ja auch das damenlose Mittelspiel klassifiziert. Also sollten die Strukturen nach der Eröffnung schon endspielartigen Charakter aufweisen.Und noch was: ich persönlich würde nie solche Eröffnungen anstreben, weil ich das Mittelspiel für die attraktivste Phase im Schach halte. Aber ohne mich für diese Idee zu begeistern, einfach das Mittelspiel auszulassen, finde ich diese Idee zumindest bemerkenswert.[/quote]Ich spiele die berliner verteidigung und finde das sehr interessant, aber es ist wie gesagt meiner meinung nach nicht wirklich ein endspiel. Ausserdem ist es interessant, wie viele spieler, sobald die dame weg sind, einfach taktisch nichts mehr abchecken...
Beitrag von Zapp Brannigan
Hier noch eine sehr berühmte variante:1. e4 c6 2. d4 d5 3. exd5 cxd5 4. c4 Nf6 5. Nc3 Nc6 6. Nf3 Bg4 7. cxd5 Nxd5 8. Qb3 Bxf3 9. gxf3 e6 10. Qxb7 Nxd4 11. Bb5+ Nxb5 12. Qc6+ Ke7 13. Qxb5 Qd7 14. Nxd5+ Qxd5 15. Qxd5 exd5 trotz doppelbauer besser für weiss, initiative ist allesund eine die ich selber schon auf dem brett hatte mit schwarz (gewonnen :) ): 1. e4 e5 2. d4 exd4 3. c3 d5 4. exd5 Qxd5 5. cxd4 Nc6 6. Nf3 Bg4 7. Be2 Bb4+ 8. Nc3 Bxf3 9. Bxf3 Qc4 10. Bxc6+ bxc6 11. Qe2+ Qxe2+ 12. Kxe2
Beitrag von Kiffing
Mir fällt noch eine Nebenvariante gegen die Aljechin-Verteidigung ein, wo Endspielfans ganz auf ihre Kosten kommen: 1. e4 Sf6 2. Sc3 d5 3. e5 d4 4. exf6 dxc3 5. fxg7 cxd2+ 6. Dxd2 Dxd2+ 7. Lxd2 Lxg7