Das ist jetzt ein Thread, der sehr stark in den Bereich der Schachpsychologie hineingeht. Aber es gibt viele, auch ambitionierte Spieler, die spielen einfach ihre Turnierpartien immer viel zu schnell und haben vor der ersten Zeitkontrolle immer einen gewaltigen Zeitüberschuß.Nun frage ich mich, woher das kommt. Diese Spieler haben von ihrer Jugend auf eingetrichtert bekommen, sie sollen ihre Zeit sinnvoll nutzen. Sie haben das in ihrer Mannschaft sicher auch schon oft zu hören bekommen. Wahrscheinlich wissen sie selbst, daß es wirklich im Sinne des Erfolgs besser wäre, die Bedenkzeit auch voll zu nutzen. Und trotzdem tun sie es nicht.Habt ihr dafür eine Erklärung?
Beitrag von ToBeFree
Es trifft auf mich nicht zu, da ich meine Bedenkzeit nahezu voll ausnutze und mir manchmal sogar denke: "Mist, hätte ich schneller gespielt, dann hätte ich jetzt mehr Zeit, um darüber nachzudenken...".Trotzdem gibt es wahrscheinlich unter anderem folgende Gründe:
Langeweile ("Wann ist das blöde Spiel endlich vorbei?")
Anpassung an den Gegner ("Wenn der schnell spielt, spiele ich auch schnell." - eher unbewusst, nehme ich an)
Verlust"sicherheit" ("Ich verliere sowieso. Bringen wir es hinter uns.")
wahrscheinlich eher selten: Angst vor Zeitnot ("Wenn ich nicht schnell genug spiele, habe ich nachher, in den wirklich schwierigen Stellungen, keine Zeit mehr" - zu diesen schwierigen Stellungen kommt es dann durch Flüchtigkeitsfehler allerdings nicht^^)
Beitrag von Kiffing
Könnte da nicht vielleicht auch Imponiergehabe dahinterstecken, so nach dem Motto, für diese Idee/Stellung brauche ich nicht zu überlegen? Oder: wenn ich jetzt überlege, denkt der Gegner, ich wäre erst mit Verzögerung drauf gekommen? Vielleicht hat das zu schnell spielen auch was zwanghaftes an sich.
Beitrag von ToBeFree
[QUOTE=Kiffing;6087]Könnte da nicht vielleicht auch Imponiergehabe dahinterstecken, so nach dem Motto, für diese Idee/Stellung brauche ich nicht zu überlegen? Oder: wenn ich jetzt überlege, denkt der Gegner, ich wäre erst mit Verzögerung drauf gekommen? Vielleicht hat das zu schnell spielen auch was zwanghaftes an sich.[/QUOTE]Das passiert mir (selten) in frühen Eröffnungszügen. Im späteren Verlauf des Spieles signalisiert längeres Überlegen dem Gegner allerdings mehr Überlegenheit als schnelles und teilweise falsches Ziehen. So empfinde ich das zumindest. ;)
Beitrag von hako
Ich glaube, folgende Gründe sind auch sehr entscheidend:- Eröffnung ("kennt man doch alles schon", glaubt man ;))- Die Variante hat man doch schon 10mal durchgekaut, während der Gegner überlegt hat- Nicht so viel Energie und Zeit verbrauchen. Irgendwann kann man nicht mehr denken oder hat nicht die Zeit dazu, wenn es wichtig wird.Der erste und zweite Grund ist natürlich Überheblichkeit und ich würde lügen, wenn ich aus diesen Gründen noch nie eine Partie verloren hätte. :DDer dritte Grund ist etwas komplizierter und man kann ihn sicherlich nicht so mir nichts dir nichts aus dem Weg gehen. Man kennt ja in etwa die eigene Leistung und weiß, ab wann man zu erschöpfen beginnt. Jetzt die ganze Partie, auch wenn der Gegner dran ist, durch zu denken, erfordert sehr viel Kondition. Auch wenn man nur überlegt, wenn man selber am Zug ist, kann anstrengend sein und muss geübt sein. Ich meine dabei nicht die Denkfaulheit "Ach, das wird schon. Ich brauch die Zeit/Konzentration bestimmt noch später." sondern eher den Gedanken "Ich hab das jetzt schon 100mal durchgerechnet, bin mir aber noch nicht sicher. Ich kann aber gleich nicht mehr". Sicherlich ein häufiges Problem des fortgeschrittenen Schachspielers.
Beitrag von tandem
Ich denke anstatt die Ursachen zu suchen, sollte man lieber Lösungen für das Problem finden. Ich denke man sollte gut vorbereitet in die Partie gehen, sodass die Eröffnung (also erste 10 Züge) geblitzt wird. Und dann sollte man einen mindestzeitverbrauch für einen Zug machen oder so. In dem Sinne frohes neues an alle :D
Beitrag von ToBeFree
[QUOTE=tandem;6119]mindestzeitverbrauch für einen Zug[/QUOTE]Das könnte zu Zeitnot führen - zumindest bei mir. :D
Beitrag von tandem
Kann sein aber für nen gut gefunden Zug hast du dann irgendwann ein feeling und Zeitnot ist ja auch kein Problem. Ich zum Beispiel bin meistens immer in Zeitnot für die letzte 7-8 Züge und das klappt wunderbar da ich im vorhinein alles bedacht und gerechnet habe :)Ergo: versuchtsmal mit Zeitnot :D
Beitrag von hako
[QUOTE=tandem;6119]Ich denke man sollte gut vorbereitet in die Partie gehen, sodass die Eröffnung (also erste 10 Züge) geblitzt wird.[/QUOTE]So ein Glück hat man, glaube ich, viel zu selten. Ich hab es meist so, dass ich maximal 5 Züge (wenn überhaupt) in der mir bekannten Theorie bin. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mehr Wert auf Taktik als auf Theorie lege und ich damit immer ganz gut gefahren bin.Mein Trainer hat mir interessanterweise genau das Gegenteil eingetrichtert: man sollte bis zu 30min auf die ersten 15 Züge verbrauchen, da die Eröffnung die Grundlage des Spiels ist und Fehler gravierend sind.
Beitrag von tandem
Nein 30 Minuten für die ersten 15 Züge ist Quatsch. Außer man hat eine unbekannte Eröffnung aber selbst dann macht man einfach normale Züge. Die Spitzen trainer sagen das man nacht der perfekten Zeiteinteilung irgendwas von ner viertel STunde aufem brett hat nach 40 Zügen
Beitrag von hako
Blitzen ist aber auch nicht die beste Idee, egal ob unbekannte Eröffnung oder nicht. Ich finde, man sollte nicht an Stellen, die man meint zu kennen oder zu verstehen, wild drauf losziehen und irgendwelche "Standartzüge" ziehen. Man darf ruhig schon überlegen, ob man den schwarzen Läufer besser auf d6, c5 oder b4 postiert, oder doch lieber als Verteidiger auf e7 einsetzt. Man darf sich auch Gedanken machen, was der Gegner vorhat zu ziehen oder besser gesagt, welche Optionen er alles hat.Es ist immer besser mehr auf Taktik und positionelles Spiel zu achten, als irgendwelche Eröffnungstheorie runterzuspielen. Man kann nie wissen, wie lange man sich in der einem bekannten Theorie aufhält. Nebenbei darf man auch die Bedenkzeit der Gegner verwenden. Wenn der Gegner dann gezogen hat, was man gerade durchgerechnet hat, verwendet man nochmal eine halbe Minute seiner Bedenkzeit und zieht dann und schon hat man Zeit gesparrt. Bye the way: Wenn man 30min (ich selber gebe zu, dass ich im Durchschnitt ledig 20min dafür aufwende), für die ersten 15 Züge verbraucht, hat man noch immer 90min für 25 Züge. Sagen wir mal zu Veranschaulichung 90min für 30 Züge und davon ziehen wir die 15min, die man am Ende laut Spitzentrainiern auf der Uhr haben sollte; dann haben wir 75min auf 30 Züge. Ich denke, dass das mehr als genug an Zeit ist. Da spart man - glaube ich - am falschen Ende.
Beitrag von zugzwang
Zu schnelles Spiel liegt bei einigen Spielern auch daran, daß sie die Spannung nicht Halten/aushalten können.anders als die Unentschlossenen, die sich nicht bzw. kaum zu einer entscheidung durchringen können, gibt es Spieler, die schnell ersten Eindrücken und Berechnungen nachgeben und ziehen. Evtl. können sie das Spannungsmaß nicht erttragen, das sich aufbaut, wenn man sich tiefer in die Stellungsprobleme reindenkt.Vor- und Nachteile sind offensichtlich, aber es gibt kein Patentrezept.Wer trotz oder wegen schnellen Ziehens Es kann aber auch noch schlechter werden, als 33% gegen 2400er-Schnitt...:P
Beitrag von Daniel72
Bei uns gibt es einen Blitzexperten, der auch lange Partien immer auf Zeit gewinnen will. Er kann nicht lange still sitzen, habe ich den Eindruck, er ist ein Action Player, wie man im Poker so schön sagt.Die meisten spielen die Endspiele viel zu schnell, kopflos und hektisch.Oftmals lässt sich der andere dann noch davon anstecken.
Beitrag von Kampfkeks
Ich muß gestehen, daß ich bei Bauernendspielen häufig zu schnell ziehe. Insbesondere, wenn es um den gegenseitigen Run zur Umwandlung geht. Ziemlich blöd eigentlich, aber wahrscheinlich psychologisch bedingt. Nach dem Motto: "Ich muß als erstes ankommen, als mach hin!". Sollte ich mir dringend abgewöhnen, da gerade bei Bauernendspielen ein einziger Zug alles entscheiden kann.
Beitrag von chessiscruel
ich kenne einen serbischen Schachspieler,der immer in Turnierpartien atempo spielt,für die ganze Partie 7 Minuten braucht und danach 2 Stunden analysiert(umgekehrt wär wohl besser für ihn).Als ihn ein Schachkollege einmal aufforderte zumindest 1 Minute pro Zug zu überlegen,war seine Antwort"Geht nicht Hand muß ziehen".Das ist natürlich ein Extrembeispiel,aber ich denke,daß das schnelle Ziehen einfach nervlich bedingt ist,Schach ist eben ein psychologisches Spiel und erfordert neben der Konzentration auch Disziplin.Ein guter Trick um nicht die Kontrolle über sich Selbst zu verlieren und zu schnell zu Ziehen ist die verbrauchte Bedenkzeit mitzuschreiben.Wenn man dann selbst nicht merkt ,was für ein Depp man ist,wenn man einen Zug in 20 Sekunden ausführt,kann einem wahrscheinlich Niemand mehr helfen
Beitrag von Chessfriend
Also ich habe auch so meine Erfahrungen mit Zeit(not). Kommt noch hinzu, dass ich behindert bin (spastisch), und das braucht alles seine Zeit. Ich denke mal, wenn man mit dem Schachspielen beginnt, also die Regeln kennt, möchte man schnell gewinnen (bei mir war es so). Viel schlimmer finde ich es, wenn man seinen Gegner unterschätzt, und deshalb schnell zieht (man will ja zeigen, was für ein guter Spieler man ist, geht meistens in die Hose). Ich persönlich spiel viel langsamer als früher; und da komme ich schon mal in Zeitnot.
Beitrag von ToBeFree
[QUOTE=[...]anonymisiert - Kiffing][…]Sich dies alleine bewußt zu machen ist möglicherweise nicht ausreichend, um diesen Reflex bzw. seine Auswirkungen auf unser Verhalten, zu kontrollieren. Es kann sogar im Gegenteil dazu führen, daß jemand, der deutlich an sich reflektierend wahrnimmt, in diesem Stressmodus zu sein, einen zusätzlichen Schub bekommt, da er sich ja dann im Klaren darüber ist, dass es sich ungünstig auswirken kann : ).[…][/QUOTE]Ja, das kommt mir bekannt vor. :D[QUOTE]Ein guter Spieler hat mir einmal erklärt, dass er sich auch bei Eröffnungszügen, über die er nicht mehr viel nachdenkt, insbesonders wenn er sich auf den Gegner vorbereitet hatte, trotzdem verhältnismäßig viel Zeit für die Ausführung nimmt, um in eine Art "Rhythmus" zu kommen, der ihn davor bewahrt im weiteren Verlauf, voreilig zu ziehen.[/QUOTE]Die Idee finde ich interessant; das ähnelt ein bisschen dem "Mindestzeitverbrauch", den tandem vorgeschlagen hatte. Ich spiele Eröffnungszüge allerdings - wenn ich die Theorie wirklich kenne - gerne schnell und ohne großes Nachdenken. Vielleicht hat das auch einen psychologischen Sinn: Wenn ich dabei einen Fehler mache, geht der Gegner vielleicht davon aus, es lohne sich nicht, bei diesem Zug nach einer Widerlegung zu suchen.Außerdem habe ich manchmal das Gefühl, dass langes Überlegen an Eröffnungszügen dem Gegner nicht nur zeigt, dass man aus der Theorie geworfen wurde ("out of book"), sondern diesen auch noch dazu verleitet, genau nach Fehlern zu suchen, die er sonst vielleicht übersehen hätte. :-/
Beitrag von hako
Sich anmerken zu lassen, aus der Theorie zu sein, ist nichts schlimmest. (aber sehr unterhaltsam gelegentlich:verschmitzt:)Besser man überlegt da und widerlegt die neuerung seines gegners als zu blitzen.Schnell ziehen tue ich persönlich vorallem dann, wenn ich zu selbstsicher bin, oder ich einfach keinen plan habe was ich spielen soll und dann best guess machen.manchmal klappts, manchmal nicht
Beitrag von Kiffing
[QUOTE=hako;22330]Sich anmerken zu lassen, aus der Theorie zu sein, ist nichts schlimmest. (aber sehr unterhaltsam gelegentlich:verschmitzt:)Besser man überlegt da und widerlegt die neuerung seines gegners als zu blitzen.[/QUOTE]Ja, das denke ich auch. Ich denke, man sollte im Schach generell mehr auf seinen eigenen Stärken vertrauen als dem starken Spiel des Gegners, sprich, ruhig lange überlegen, weil das die Möglichkeit eigener starker Züge erhöht, auch wenn der Gegner so möglicherweise selbst lange überlegen wird (und stärkere Züge finden kann). Auf Fehler des Gegners zu hoffen, ist übrigens Kaffeehausschach.Übrigens ist m. E. nicht einmal das unbedingt gegeben. Ich habe einmal gelesen, daß viele Großmeister auch in der Eröffnungsphase lange überlegen, auch wenn sie diese Stellungstypen schon kennen bzw. alleine oder mit ihren Sekundanten vorbereitet haben. Diese Großmeister verweisen darauf, daß sie in der Vorbereitung einiges übersehen haben könnten, und um dieses Problem zu kompensieren, überprüfen sie ihre eigene Vorbereitung in der Partie noch einmal mit den eigenen kritischen Augen anstatt ihre Varianten a tempo herunterzublitzen.
Beitrag von hako
durchaus keine schlechte idee ;)
Beitrag von ToBeFree
[QUOTE=anonym]Ach ich hab mal Spasseshalber bei so ner Art IQ Quiz teilgenommen - und witzigerweise waren die meisten falschen Antworten diejenigen, für die ich die meiste Zeit investiert hatte - bei gleichem Schwierigkeitsgrad.[/QUOTE]Das klingt aber auch irgendwie normal. Wenn eine Frage so leicht ist, dass du sie sofort beantworten kannst, dann ist deine Antwort wohl eher richtig als bei einer Frage, die du nach fünf Minuten angestrengten Überlegens in der Hoffnung beantwortest, dass dir kein Denkfehler unterlaufen ist.^^[QUOTE]Manchmal passiert es sgoar in Stellungen, dass ich nach dem Zug des Gegners sowas wie Freude verspüre und ein Gefühl habe, dass nun was drin is, ohne aber wirklich zu sehen was es ist [...][/QUOTE]Das passiert mir bei Blitzpartien im Verein öfters; manchmal führt dann tatsächlich eine überraschende Idee zum Sieg. Mit einer Engine kann ich die Partien nachher aber nicht mehr analysieren.Aus Langzeitpartien kenne ich das weniger. Es kann aber gut sein, dass es auch diese Freude ist, die mich dann dazu bewegt, eine Stellung genau zu analysieren und vielleicht wirklich einen Gewinnzug zu finden. :)