Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Typische Züge von Meistern“

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Beitrag von Kiffing

Im Schach gibt es bestimmte Züge, die mit bestimmten Meistern immer in Verbindung gebracht haben. Es können Züge sein, die eine bestimmte Philosophie des Meisters untermauern (Reti, Steinitz) oder Züge, die Meister für eine gelungene Kampfführung entdeckt haben (Kasparov). Auf jeden Fall sind es Züge, die ungewöhnlich, aber sehr tief ist, auf die man, selbst mit tradiertem Wissen ausgestattet, nicht mal eben so kommt. Welche Züge fallen euch da ein? Meine Liste:Steinitz: w: Ke2/s: Ke7Reti: w: Da1Kasparov: w: h3/s: h6 (bei eigenem (!) Königsangriff)

Beitrag von zugzwang

Wäre nett, wenn Du bei Gelegenheit mal ein paar Beispielpartien zu diesen Angaben nachreichen könntest.Weniger tief und weniger ungewöhnlich, aber mir aufgefallen:Carlsen verwendet sehr häufig (und erfolgreich) seinen h-Bauern, um mit h2-h4-h5 die gegnerische Bauernstruktur festzulegen und7oder zu schwächen.Das ist kein unbekanntes oder besonders tief-innovatives Verfahren. Es ist mir nur aufgefallen, daß es bei ihm recht häufig auftaucht.Vielleicht liegts aber auch nur an meiner selektiv-zufälligen Beobachtung einiger Carlsen-Partien.Beispiele folgen irgendwann bei Gelegenheit mal.

Beitrag von Kiffing

Wilhelm Steinitzens Ke2/Ke7 war ja seiner strukturalistischen Philosophie verpflichtet, nach welcher der Angreifer, um einen Angriff erfolgreich durchführen zu können, mehr Material als der Gegner benötigt. Das sieht man als Beispiel daran, daß zur Eroberung von besetzten Feldern bei gleichwertigem Material der Angreifer eine Figur mehr benötigt, das besetzte Feld zu erobern als der Gegner verteidigende Figuren hat. Für Wilhelm Steinitz war es dem zufolge logisch, auch seinen König, der auch im Mittelspiel eine starke Figur sei, zur Verteidigung heranzuziehen, und so sah man ihn oft seinen König nach e2 oder e7 ziehen, von wo aus er die umliegenden Felder unter Kontrolle hält. Der reife Wilhelm Steinitz war bekannt dafür, seine Verteidigung gern auf den ersten beiden Reihen zu organisieren, an denen sich der Gegner durch das Vermeiden jeder direkten Schwäche die Zähne ausbeißen sollte. Seine Stellungen wirkten gedrungen, und die Figuren sahen aus, wie von einem Zeitgenossen angemerkt, als wären sie aus einem Hut übers Schachbrett ausgeschüttet worden. Richard Reti entstammt bekanntlich den Hypermodernen, die im Prinzip die Struktur bzw. den Raum zuungunsten des Faktors Zeit noch stärker gewichteten als die Modernen um Steinitz. Wegen der damit einhergehenden Felderschwächungen hielten sie die Zentralbauern zurück bzw. ließen sie höchstens ein Feld vorrücken und strebten nach Beherrschung des Zentrums durch Kontrolle statt Besetzung. Richard Reti hat dafür mit dem nach ihn benannten Reti-System (der Begriff System verweist bereits auf eine der Eröffnung zugrundeliegende Anschauung) eine Eröffnung nach diesen Kriterien entwickelt. Die Zentralbauern werden zurückgehalten, und zur Zentrumskontrolle werden beide Läufer fianchettiert. Um den Druck auf das Zentrum zu verstärken, kam es gelegentlich vor, daß Reti seine Dame nach a1 zog.In einem der Dworetzkiwerke aus den frühen 90er Jahren machte uns Mark Dworetzki auf Kasparovs Kampfverfahren aufmerksam, bei eigenen Angriffen urplötzlich mit dem prophylaktischen h3 innezuhalten. Der Sinn dieses Überraschungszugs liegt darin, daß zum einen der Gegner selbst merkt, daß ihm gute Züge ausgegangen sind (folglich kann eine Zugzwangidee hinter den Überlegungen Kasparovs stecken). Zum anderen werden in den hochgradig taktischen Stellungen mögliche Konterideen von Schwarz, die sich bei kleiner weißer Rochade auf die schwache Grundreihe stützen, ausgemerzt, was den Spielraum für Kasparov in den taktischen Varianten erhöht.[QUOTE=zugzwang]Carlsen verwendet sehr häufig (und erfolgreich) seinen h-Bauern, um mit h2-h4-h5 die gegnerische Bauernstruktur festzulegen und7oder zu schwächen. [/QUOTE]Ich selbst bin durch das „blaue Buch“, also durch Bronzniks und Terekhins Techniken des Positionsspiels auf dieses Verfahren aufmerksam gemacht worden. Für die Autoren war dieses Verfahren, den Randbauern als „Kampfeinheit“ zu verwenden, vor allem dann gut, wenn es sonst keine Idee auszuführen gibt. Ziele dieser Methode sind Königsangriff durch Linienöffnung, Felderschwächungen durch Keilschlagen oder auch die Herbeiführung eines potentiellen Freibauern auf der drittletzten Reihe, was für das Endspiel taktische Motive durch ein Figurenopfer mit sich bringt. Die letzte Partie zeigt ein solches Verfahren. Hier die erwähnten Partien. Die Links dienen dabei nicht nur dem Quellenverweis, sondern bieten auch Einblick in Diskussionen zu diesen Partien.[url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1255422[/url][Event "Baden-Baden"][Site "Baden-Baden GER"][Date "1870.07.30"][EventDate "1870.07.18"][Round "13"][Result "1-0"][White "Wilhelm Steinitz"][Black "Louis Paulsen"][ECO "C25"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "71"]1. e4 e5 2. Nc3 Nc6 3. f4 exf4 4. d4 Qh4+ 5. Ke2 d6 6. Nf3 Bg47. Bxf4 O-O-O 8. Ke3 Qh5 9. Be2 Qa5 10. a3 Bxf3 11. Kxf3 Qh5+12. Ke3 Qh4 13. b4 g5 14. Bg3 Qh6 15. b5 Nce7 16. Rf1 Nf617. Kf2 Ng6 18. Kg1 Qg7 19. Qd2 h6 20. a4 Rg8 21. b6 axb622. Rxf6 Qxf6 23. Bg4+ Kb8 24. Nd5 Qg7 25. a5 f5 26. axb6 cxb627. Nxb6 Ne7 28. exf5 Qf7 29. f6 Nc6 30. c4 Na7 31. Qa2 Nb532. Nd5 Qxd5 33. cxd5 Nxd4 34. Qa7+ Kc7 35. Rc1+ Nc6 36. Rxc6#1-0[url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1007029[/url][Event "Karlsbad"][Site "Karlsbad CZE"][Date "1923.05.04"][EventDate "1923.04.28"][Round "5"][Result "1-0"][White "Richard Reti"][Black "Akiba Rubinstein"][ECO "A06"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "99"]1. Nf3 d5 2. g3 Nf6 3. Bg2 g6 4. c4 d4 5. d3 Bg7 6. b4 O-O7. Nbd2 c5 8. Nb3 cxb4 9. Bb2 Nc6 10. Nbxd4 Nxd4 11. Bxd4 b612. a3 Bb7 13. Bb2 bxa3 14. Rxa3 Qc7 15. Qa1 Ne8 16. Bxg7 Nxg717. O-O Ne6 18. Rb1 Bc6 19. d4 Be4 20. Rd1 a5 21. d5 Nc522. Nd4 Bxg2 23. Kxg2 Rfd8 24. Nc6 Rd6 25. Re3 Re8 26. Qe5 f627. Qb2 e5 28. Qb5 Kf7 29. Rb1 Nd7 30. f3 Rc8 31. Rd3 e432. fxe4 Ne5 33. Qxb6 Nxc6 34. c5 Rd7 35. dxc6 Rxd3 36. Qxc7+Rxc7 37. exd3 Rxc6 38. Rb7+ Ke8 39. d4 Ra6 40. Rb6 Ra841. Rxf6 a4 42. Rf2 a3 43. Ra2 Kd7 44. d5 g5 45. Kf3 Ra446. Ke3 h5 47. h4 gxh4 48. gxh4 Ke7 49. Kf4 Kd7 50. Kf5 1-0[url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1069723[/url][Event "Daugavpils"][Site "Daugavpils"][Date "1978.??.??"][EventDate "?"][Round "7"][Result "1-0"][White "Garry Kasparov"][Black "Semon Palatnik"][ECO "B04"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "73"]1.e4 Nf6 2.e5 Nd5 3.d4 d6 4.Nf3 g6 5.Bc4 Nb6 6.Bb3 a5 7.a4 Bg78.Ng5 e6 9.f4 dxe5 10.fxe5 c5 11.O-O O-O 12.c3 Nc6 13.Ne4 Nd714.Be3 Ne7 15.Bg5 cxd4 16.cxd4 h6 17.Bh4 g5 18.Bf2 Ng6 19.Nbc3Qe7 20.Bc2 b6 21.Be3 Ba6 22.Rf2 Nh8 23.Bxg5 hxg5 24.Qh5 f525.Nxg5 Rf7 26.Bxf5 Rxf5 27.Rxf5 exf5 28.Nd5 Qe8 29.Qh7+ Kf830.Qxf5+ Kg8 31.Qh7+ Kf8 32.Ra3 Rc8 33.Rf3+ Nf6 34.h3 Qg635.Rxf6+ Bxf6 36.Ne6+ Ke8 37.Nxf6+ 1-0[url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1033558[/url][Event "USSR Championship"][Site "Moscow URS"][Date "1944.05.21"][EventDate "1944.??.??"][Round "1"][Result "0-1"][White "Alexander Kazimirovich Tolush"][Black "David Bronstein"][ECO "A54"][WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "80"]1. d4 Nf6 2. c4 d6 3. Nc3 e5 4. e3 Nbd7 5. Nf3 g6 6. Be2 Bg77. b3 O-O 8. Bb2 Re8 9. Qc2 c6 10. O-O Qa5 11. Rfd1 Nf8 12. a3e4 13. Nd2 Bf5 14. b4 Qc7 15. Nf1 d5 16. cxd5 cxd5 17. Qb3Red8 18. Rdc1 Qe7 19. a4 h5 20. a5 h4 21. Ba3 h3 22. g3 N8h723. Nd2 Ng5 24. b5 Qe6 25. Na4 Bg4 26. Qd1 Qf5 27. Be7 Bxe228. Qxe2 Rdc8 29. Bxf6 Bxf6 30. Nc5 b6 31. axb6 axb6 32. Rxa8Rxa8 33. Na6 Be7 34. Kf1 Rc8 35. Qd1 Rxc1 36. Qxc1 Kg7 37. Qc7Bf6 38. Nb4 Nf3 39. Nxf3 Qxf3 40. Ke1 Qh1+ 0-1[WhiteElo "?"][BlackElo "?"][PlyCount "73"]