Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Vergleich Caruana Carlsen und Prognosen zu ihrer zukünftigen Rivalität“

schachburg.de

Beitrag von Kiffing

Fabiano Caruana ist derzeit in der Form seines Lebens. Da er eineinhalb Jahre jünger ist als Magnus Carlsen, könnte das darauf hindeuten, daß er eine weitere Leistungsschwelle seiner Karriere überschritten hat. In der FIDE-Weltrangliste kommt er dem den anderen längst enteilt scheinenden Magnus Carlsen gefährlich nahe.Die letzten drei Monate standen ganz im Zeichen Caruanas. Während Carlsen in einem Formtief steckt, triumphierte Caruana in Dortmund, stellte mit einer Performanz von 3097 beim Sinquefield Cup einen historischen Rekord auf, und nun gewann Caruana in Baku auch noch - gemeinsam mit Boris Gelfand - das erste Grand-Prix-Turnier in diesem WM-Zyklus mit 6,5/11.Die beiden Niederlagen Caruanas in Baku (gegen Grischuk und Andreikin) waren allerdings untypisch für ihn. Von seinem Spielstil her - und nun auch von der Spielstärke - ähnelt er schließlich sehr dem Norweger, spielt allerdings - vor allem in der letzten Zeit - zielstrebiger, während Carlsen seine Spielanlage gerne auf Kneten anlegt - in dieser seiner sein Spiel charakterisierenden Spezialdisziplin ist Carlsen unnachahmlich gut. Ein weiterer Unterschied der beiden ist ebenfalls bedeutend und sogar weltanschaulicher, d. h. schachphilosophischer Natur. Während Carlsen in der Eröffnung auf Vielseitigkeit setzt und für seinen Gegner kaum zu durchschauen ist, legt Caruana es darauf an, schon aus der Eröffnung heraus zu gewinnen, was ihm zunehmend gelingt. Caruana und sein Trainer Vladimir Chuchelov bilden ein fruchtbares Gespann.Was denkt ihr, hält der Trend an, überholt Caruana schließlich Carlsen in der Weltrangliste und nimmt ihm später auch noch den WM-Titel ab, oder wird Carlsen seine Krise überwinden, wieder alle seine Kräfte mobilisieren und seinen Rivalen auf Distanz halten? Zudem muß sich herausstellen, ob die wundersamen Leistungen Caruanas in der letzten Zeit tatsächlich bedeuten, daß ein neues Jahrhundertgenie vom Himmel gefallen ist. Zumindest zeigen sie, welches Potential in dem jungen Italiener steckt, um den sich die Schachföderationen Italien und USA einen heißen Kampf liefern.Die neue Bipolarität in der Schachwelt tut m. E. dem Schach gut. Ein Blick in die Geschichte zeigt, daß Phasen mit zwei nahezu ebenbürtigen Schachmeistern, welche die übrige Schachwelt anführen und die jeweils für ihre Philosophie stehen, aufregender und fruchtbarer sind als Phasen, die von einer Dominanz nur eines einzigen Spielers zeugen. Die großen Kämpfe zwischen Aljechin und Capablanca oder Kasparov und Karpov legen dafür ein eindrucksvolles Zeugnis ab, und daß Kasparov lange Jahre ab Mitte der 90er Jahre keinen ebenbürtigen Gegner mehr fand, woran auch seine Niederlage gegen Kramnik 2000 nichts änderte, war für das Weltschach sicherlich keine gute Begebenheit. Eine bipolare Welt bringt dem Schach mehr Spannungen als eine unipolare Welt. Wie denkt ihr darüber?

Beitrag von Kiffing

Nach der WM in Sotschi vermute ich bekanntlich die Ära C&C heranziehen, wo schachlich nach einer gewissen Durststrecke wieder an die Ära K&K angeknüpft werden kann. Birgit Schönau von der Süddeutschen Zeitung sieht diese neue Ära weniger euphorisch. Auch wenn sie natürlich die schachliche Ausnahmestellung der beiden Schachgenies anerkennt, sieht sie in der Persönlichkeit von Magnus Carlsen und Fabiano Caruana Auswüchse des "spätkapitalistischen Systems", in dem sich die Spieler dessen Mechanismen vollständig unterworfen haben, und das keinen Raum mehr für echte Typen an der Spitze lasse. Die Charakterstudie für die beiden klingt in diesem Kontext vernichtend, eine [URL="http://www.sueddeutsche.de/sport/schach-herausforderer-fabiano-caruana-noch-bleicher-als-magnus-carlsen-1.2241804"]Kostprobe[/URL]:[QUOTE]Der Schach in den Zeiten des Spätkapitalismus ist eine knallharte Angelegenheit. Und seitdem es nicht mehr um den Wettkampf der Systeme geht, ist der Stoff für Legenden begrenzt, es geht ja nur noch um Perfektion und Geld. Russland gegen den Rest der Welt, das hatte noch was, und das crazy horse Bobby Fischer war als Figur noch interessanter als die Puppen auf dem Brett. Die Twittereinträge des blassen Norwegers Carlsen und des noch bleicheren Italo-Amerikaners Caruana sind an Banalität kaum zu übertreffen. Bei Carlsen ist wenigstens so etwas wie Ironie zu ahnen, Caruana twittert humorfrei nur über Schach.[/QUOTE]Wie denkt ihr darüber?

Beitrag von Zapp Brannigan

Vor einem Jahr hat Aronian ein paar sehr gute turniere gespielt und alle sprachen von einer neuen Ära Aronian-Carlsen, daraus wurde auch nichts ;)Vielleicht ist diese Jahr das Jahr von Caruana und nächstes Jahr ist Grischuk dran?Ein jahrzehnt-lang Carlsen-Caruana wie früher Kasparov-Karpov ist denk ich nicht mehr möglich, es gibt zu viele gute Grossmeister heutzutage, es ist viel gedrückter an der Spitze der Pyramide

Beitrag von Nik

Ich finde es immer schwierig, wenn man betont bemüht versucht, Schach mit der Pokitik zu verknüpfen. Diese Zeiten sind weitläufig vorbei (man denke an den Kalten Krieg), und deshalb kauf ich es Journalisten auch nicht wirklich ab, wenn sie derartige Verbindungen zu konstruieren versuchen.Caruana ist ohne Frage ebenso ein Ausnahmespieler wie Carlsen, allerdings wurde bereits richtig gesagt, dass solche Prognosen ein Jahr später das Papier nicht mehr wert sein können, auf dem sie stehen.

Beitrag von Kiffing

Die [URL="http://www.nytimes.com/2014/12/14/fashion/young-grandmasters-try-to-make-chess-cool.html"]New York Times[/URL] hat beiden Spielern einen langen Artikel gewidmet, indem sie beide Spieler als Persönlichkeiten beschrieb, aber auch im Hinblick auf ihren Stil. Dem Autor, Ben Greenman, fallen dabei vor allem die Unterschiede der beiden in der Eröffnung bzw. in den verschiedenen Partiestadien auf:[QUOTE]On the surface, a rivalry between Mr. Caruana and Mr. Carlsen, the Norwegian, seems to set up perfectly. They have opposed styles: Mr. Caruana is affable and approachable, while Mr. Carlsen affects a certain coolness (a representative*said*he was preparing for a*tournament*and *would answer questions for this article only via email). It makes sense on the board, too. Mr. Caruana has a reputation for establishing himself early in a game; the chess writer Leonard Barden has referred to his openings as “Caruana bombs.” Mr. Carlsen is renowned for his end game, his ability to extract victories from situations that look like certain draws. [/QUOTE]Die stilistischen Unterschiede der beiden gehen aber noch tiefer:[QUOTE]And while Mr. Carlsen employs a highly complex positional style, Mr. Caruana is a master of simplicity.Professor Rogoff called his game “Shakespearean,” explaining that Mr. Caruana is harnessing ideas that are available to any player and elevating them to a level surpassing poetry. “He does things that any player can understand, but does them so much better,” Professor Rogoff said. “In that, he’s like Fischer.”Mr. Caruana’s former teacher agrees. “It’s one of the reasons I use Fischer’s games to teach my students,” Ms. Caronia said. “They’re very straightforward in some ways. I can imagine using Fab’s games in that same way.” [/QUOTE]Wegen der vermeintlichen "Einfachheit" des Stils von Caruana, würde ich allerdings Bedenken anmelden. Ein Blick auf den auch im Artikel beschriebenen [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://www.schachburg.de/threads/1764-Ein-neuer-Schach-Gott-Fabiano-Caruana-beim-Sinquefield-Cup". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "Sinquefield-Cup" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.] in diesem Jahr wies auf eine äußerst anspruchsvolle Spielführung hin, die in puncto Komplexität keine Wünsche offen ließ.Weiter geht es im Artikel um Reflexionen, wie sehr die kommende Rivalität zwischen Carlsen und Caruana dem Schach hilft, aber ebenfalls - mit Blick auf das Weltschach und nicht allein auf das Schach in den USA - ein klares Festlegen des Italo-Amerikaners Caruana auf die US-Föderation ("Some chess observers feel that while social media can help to increase Mr. Caruana’s visibility, the prospect of a rivalry depends on whether or not Mr. Caruana returns to play for America. “I think chess needs that, in the sense that chess needs America,” Professor Rogoff said."). Doch der fühlt sich offenbar nicht so Recht als US-Amerikaner:[QUOTE]Mr. Caruana says that talk of a return is premature. “St. Louis was the first time I had played in the United States in a number of years,” he said. “Naturally, lots of people were interested in me returning to play for the U.S. But right now, nothing is happening. I don’t have any immediate plans.”[/QUOTE]:P[QUOTE=Nik]Caruana ist ohne Frage ebenso ein Ausnahmespieler wie Carlsen, allerdings wurde bereits richtig gesagt, dass solche Prognosen ein Jahr später das Papier nicht mehr wert sein können, auf dem sie stehen. [/QUOTE]Wobei diese Prognose sich angesichts von Elozahl, Konkurrenz und Alter der beiden Matadore durchaus auf vernünftige Grundlagen stützt.

Beitrag von Kiffing

Ich habe auf Chessbase eine sehr interessante [URL="http://de.chessbase.com/post/rueckblick-auf-2014"]Statistik[/URL] gefunden, in der die Elozahlen der Spitzenspieler zu Jahresabschluß mit denen vor einem Jahr verglichen wurden. Und da stieß ich mit Blick auf Carlsen und Caruana doch gleich auf einen interessanten Trend:1. Januar 2014: 1. Magnus Carlsen 2872, 6. Fabiano Caruana 27821. Dezember 2014: 1. Magnus Carlsen 2862, 2. Fabiano Caruana 2829Während es bei Magnus Carlsen, der 10 Elo-Punkte verloren hatte, also erstmals nicht mehr steil bergauf, sondern sogar leicht abwärts ging, konnte Fabiano Caruana seine Elozahl noch einmal um 47 Punkte steigern, was in dieser Höhenlage, wo die Luft so dünn geworden ist, daß Nuancen in einem Turnier um Wohl und Wehe entscheiden, schier beeindruckend ist. Es bleibt spannend, ob Carlsen den Trend umkehren kann, der ehrgeizige Fabiano Caruana wird stärker und stärker...