Heute möchte ich zur Diskussion stellen, ob es für Clubspieler der eher durchschnittlichen Spielstärke von Vor- oder von Nachteil ist, sogenannte flexible, d. h. lernintensive Eröffnungen wie Najdorf, Taimanov oder den offenen Spanier zu spielen. Flexibel sind solche Eröffnungen deshalb, weil man auf zahlreiche Erwiderungen des Gegners stoßen kann, die in jeweils andere Systeme einmünden können und auch generell sehr verzweigt sind, so daß man sich dem Verlauf der Partie immer anpassen muß. Von Vertretern der warnenden Seite wird hier gerne argumentiert, daß so die Auseinandersetzung mit diesen Eröffnungen sehr viel Zeit verschlingt, die man als Amateur gar nicht haben könne, und wo die Zeit viel sinnvoller in andere schachlichen Trainingsbereiche wie Taktiktraining oder das Studium von Lehrbüchern investiert werden sollte.Ich selbst mache diese Frage gar nicht an diesen Parametern fest, weil ich meine, daß dieselben Bedingungen auch für den Gegner zutreffen. So hat etwa der durchschnittliche Clubspieler oftmals Gegner der ähnlichen Spielstärke, und auch diese müssen sich in langen Theoriepfaden genauso gut zurechtfinden. Insofern wären meine Parameter eher die von Mark Dworetzki, der als Kriterien für die Zusammenstellung eines Repertoires die Stärke der Eröffnungssysteme, die persönlichen Vorlieben und das Einbeziehen des eigenen Gedächtnisses genannt hat. Der letzte Punkt wäre für mich also das Kriterium, ob es sinnvoll ist, auch lernintensive Eröffnungen zu spielen, wenn diese stark genug sind und die eigenen Vorlieben berücksichtigen. Die Leistungsfähigkeit des eigenen Gedächtnisses ist dabei für mich in Relation zu dem jeweiligen Gegnerkreis zu sehen. Das heißt, wem es als durchschnittlichen Clubspieler leichter fällt als seinen gleichstarken Gegnern, Eröffnungen zu verstehen und sich die Varianten einprägen zu können, der ist sicherlich gut beraten, auf diese Stärke zu vertrauen und seinen Gegner auch durch Wissen zu besiegen. Wie denkt ihr darüber?
Beitrag von Zapp Brannigan
Ich würde den offenen Spanier nicht als flexibel bezeichnen, und anstatt dem Taimanov eher den Kan sizilianer nennen. Eine ebenfalls sehr flexible eröffnung ist Nimzo-Indisch, wo sich schwraz je nach weissem aufbau am besten mit c5, d5, b6, oder d6+e5 aufbaut.Aber gehen wir mal zum Najdorf. Nach 1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 hat schwarz die wahl was er spielen will. A) 5...g6 führ zum Drachen, welcher auf allerhöchstem niveau leicht anrüchig ist, aber wohl doch spielbar istB) 5...e6 führt zum Scheveningen, hier hat man auf allerhöchstem niveau angst vor 6.g4C) 5...Nc6 würde gerne 6...e5 spielen, aber 6.Bg5 und 6.Bc4 machen das unmöglich. Vor allem nach 6.Bg5 hätte schwarz oft gerne seinen springer auf d7 anstatt auf c6. 6.Bg5 wird auf allerhöchstem niveau auch als sehr schwierig für schwarz angesehenD) 5...a6 Die najdorf variante. Schwarz spielt einen zug der fast immer brauchbar ist und wartet ab, was weiss spielt. Schwarz hat im grossen zwei verschiedene pläne: D1) übergang zum Scheveningen mit 6...e6, aber der Keres-angriff mit 6.g4 wird verhindert. Kasparov und Topalov haben das immer so gemacht D2) der "richtige" Najdorf mit 6...e5. Von der idee sehr ähnlich wie C, schwarz darf ebenfalls nach 6.Bg5 und 6.Bc4 kein e5 spielen, hat aber nach 6.Bg5 mehr flexibilität gegenüber C, weil er den springer noch nicht auf c6 gesetzt hat.Mein problem mit D2 ist nicht unbedingt die fülle an varianten die man kennen muss, auch wenn mich das bereits abschrecken würde. Das problem ist eher, dass sich schwarz sowhl auf e5 wie auch e6 positionen einlässt je nach weissem 6ten zug, und sowohl sehr scharfe varianten nach 6.Bg5 spielen muss wie auch sehr positionelle varianten nach 6.Be3 e5 7.Nf3.Meiner meinung nach macht es mehr sinn, sich weniger flexibel hinzustellen und sich zuerst mal zu fragen was man will im sizilianer.Will man g6 spielen? --> Drachen resp. beschleunigter DrachenWill man e5 spielen? --> Sveshnikov resp. KalashnikovWill man e6 spielen? --> Scheveningen, Taimanov oder KanWill man scharfe stellungen mit heterogener Rochade? --> Klassischer sizilianer
Beitrag von Qf3
meines erachtens sollte man die eröffnung spielen, die zu stellungen führt, die einem liegen.vor cä drei wochen habe ich damit begonnen, meine schwarzeröffnung gegen weißes 1.e4 umzustellen.das ist ne menge an theorie und anfang januar wartet bereits das nächste turnier auf mich, bei dem die neue eröffung aufs brett soll. ich werde also auch mit theorielücken ins turnier gehen. darin sehe ich aber kein großes problem.wenn mich der gegner abseits von meinen bis dahin vorhandenen theoriekenntnisse zerrt (passiert mir aber auch immer wieder bei beannten eröffnungen), dann suche ich am brett. das ist zeit- und ressourcen_raubend, aber ich werde eine lösung finden. wenn nicht, dann ist das schlimmste, was passieren kann, dass ich miserabel aus der eröffnung komme. aber auch das ist (wenn man sich neu mit einer eröffnung beschäftigt) teil des lern- und erfahrungsprozesses.wenn man eine gewisse feuerphase übersteht, wird man irgendwann sicher in der neu gewählten und zu einem passenden eröffnung dastehen. das ist besser als sich mit lausigen eröffnungen herumzuschlagen, nur weil sie tatsächlich oder scheinbar theoretisch einfacher sind.man sollte sich an jede eröffnung heranwagen. zum einen heißt der gegner beim sportlichen wettkampf ja auch nicht fritz oder rybka (sondern wie Kiffing schon erwähnte ...in Relation zu dem jeweiligen Gegnerkreis ).zum anderen wird man (wenn einem die eröffnung wirklich liegt) auch mit steigender erfahrung und theoriearbeit irgendwann ankommen.einen berg erklimmt man dadurch, dass man den ersten schritt macht. aber das ist halt meine persönliche sicht. sowas will ich nicht pauschalisieren. wenn jemand der meinung ist, lieber auf einfachere eröffnungen zurückzugreifen; um dann schachlich im mittel- oder endspiel zu glänzen, dann soll er/sie das machen.aber der gegner kocht auch nur mit wasser. und wenn man den vorgeschlagenen theoriepfad verlässt, explodiert nur in den seltesten fällen das schachbrett. also: mut zur lücke.
Beitrag von hako
[QUOTE=Qf3;25194]meines erachtens sollte man die eröffnung spielen, die zu stellungen führt, die einem liegen.[/QUOTE]Ich sehe das geringfügig anders. Man sollte Eröffnungen spielen, die NICHT zu Stellungen führen, die man einen nicht liegen. Gewisse Stellungen sind einfach ein Grauß, weil man da so gar keinen Plan hat, was man machen soll. Denen sollte man in der Tat aus den Weg gehen. An den sogenannten flexiblen Eröffnungen sehe ich kein Problem. Zumindest finde ich es langweilig immer in derselben Stellung zu landen. Von daher stimmt ich Qh3 voll zu: "Mut zur Lücke!" ;)
Beitrag von zugzwang
Mein Mostrich dazu:1. Wähle die Eröffnungen nach den von Dir bevorzugten Bauernstrukturen!Viele Eröffnungen und ihre verschiedenen Abspiele haben eine Grundstruktur, die ähnlich ist und ähnliche Probleme aufwirft.Warum ist klassisches Sizilianisch (auch Spanisch für beide Seiten) so beliebt bei ambitionierten Schwarz-Spielern? Weil sie den Charakter der Bauernstruktur wesentlich bestimmen und auch in der Partie vielfältig verändern können. Deshalb ist Sizi auch so anspruchsvoll.2. Bestimme Deine schachlichen Grundeigenschaften und das, was Dir auf dem Brett Spaß macht, Dich inspiriert/motiviert.3. Bestimmte Eröffnungen und bestimmte Abspiele passen nicht zur Grundauffassung des Spielers oder umgekehrt sie passen zu seiner "Spielphilosophie".(Man stelle sich nur vor, Kiffing spielte Berliner Mauer oder Russisch, selbst Caro-Kann wäre gegen seine Schachnatur - schließlich kann Weiß bestimmen, ob die allerschärfste heterogen-Rochadenstellung entsteht oder besser nicht. Kiffing im Spiel gegen den Isolani des Panow-Angriffs kann ich mir auch schlecht vorstellen - aber wer weiß...)Den offenen spanier halt ich auch für keine so überaus "flexible Eröffnung" Kiffingscher Intention.Die Bauernstruktur und die beiderseitigen Hebel sind weitgehend in den verschiedensten Abspielen vorgegeben und können nicht so stark wie in besonders flexiblen Eröffnungen noch verändert werden.Lerntechnisch ist der offene Spanier ggf. ein Problem, weil er eben offen und damit recht taktisch bei freiem Figurenspiel ist.Wesentlich Neues ist seit Karpow-Kortschnoi 1978 und 1981 in Ergänzung von Kasparow-Anand 1995 nicht hinzugekommen, was Spielansätze und Spielmotive angeht. (Jedenfalls aus meiner Amateursicht).
Beitrag von blunder1
Mit “flexibel” ist in dem Thema wohl eher “reichhaltig” gemeint.Seit vielen Jahren gebe ich Schachunterricht und kann Clubspielern, die Fortschrittte machen wollen, nur raten, sich – zumindest recht schnell - auf reichhaltiges Schach einzulassen.Hier erlaube ich mir, einen Beitrag von mir teilweise zu wiederholen, den ich in dem Thema “Schottisches Vierspringerspiel” gepostet habe.[QUOTE=blunder1;29351]Das groβe Manko dieser Eröffnung besteht in ihrem Mangel an Reichhaltigkeit/Komplexität: sie ist zu einfach, "inhaltsleer". Dies ist der Grund für die sehr hohe Remisquote; beiden Farben fällt es schwer, die Stellung zu verkomplizieren und so auf Gewinn spielen zu können.SpielerInnen, die wirklich Fortschritte machen wollen, werden - zumindest recht schnell - mit der Notwendigkeit konfrontiert werden, reichhaltigeres, komplexeres, interessanteres Schach zu spielen. Wie wollen sie sonst mehr über Schach lernen? Ihren Horizont erweitern?Sollten sie 1.e4 e5 2.Sf3 bevorzugen, wird nach 2...Sc6 auf Dauer kein Weg an 3.Lb5 (Spanisch) vorbeiführen, was zu sehr reichhaltigen Stellungen führt.Capablanca hat einmal gesagt, dass man die Stärke eines Spielers an seiner Behandlung der Spanischen Partie ermessen kann.SpielerInnen, die zu lang an einer Eröffnung wie dem Schottischen Vierspringerspiel festhalten, werden in ihrer schachlichen Entwicklung gebremst werden bzw. sie bremsen sich selber.[/QUOTE]Diese Herangehensweise ist zwar zeitaufwändiger, wird aber Früchte tragen. Den Aufwand kann man auch gut über einen längeren Zeitraum verteilen.Ein einfaches Beispiel: Für Anfänger macht es Sinn, nach 1.e4 e5 mit dem Läuferspiel (2.Lc4) fortzufahren, da dieses die Theorie sehr einschränkt. Sobald sie stärker/erfahrener geworden sind, können sie auf Italienisch mit dem Aufbau d3+c3 umsteigen, der schon sehr an Spanisch mit d3 erinnert. Die Umstellung auf richtiges Spanisch wird ihren Horizont dann sehr erweitern.
Beitrag von Pantau
Ich finde die Kommentare wie meistens durchaus erhellend und stimme vor allem der These zu, dass man um besser zu werden sich auch an schwereren bzw. anderen Eröffnungen abarbeiten sollte. Allerdings sollte man das Pareto-Prinzip und die eigene begrenzte Zeit nicht aus dem Blickwinkel verlieren: Wer als Berufstätiger mit begrenzter Zeit (und mit über 40...) noch was an seiner Spielstärke tun will, der muss Prioritäten setzen und hierfür sollte man als erstes die Posterioritäten festlegen (sonst hat man keine Prioritäten). Und wenn nun mal das Taktik- und Endspieltraining als wichtigste Schwerpunkte (bei mir zumindest) erkannt wurden, dann muss man sehen, wo man mit seinen Eröffnungen bleibt. Ich selber habe aber gute Erfahrungen damit gemacht, einfach mal andere Eröffnungen auszuprobieren, damit dann auch mehrmals Schiffbruch zu erleiden und dann mit dem "Material" seiner gescheiterten Versuche mit Fritz & Co "in Klausur zu gehen". Man lernt ja bekanntlich deutlich schneller, wenn das zu Lernende an Emotionen geknüpft werden kann, und was ist da besser als so ein paar "schöne" Turnier- oder Mannschaftskampfkatastrophen? Hatte heute erst das Vergnügen, als schwarzer Holländer Bekanntschaft mit dem Staunton-Gambit zu machen und habe mir die letzten zwei Stunden mit Hilfe von Fritz meine Fehler, die Theorie und verschiedenste Varianten reingezogen. Wie gesagt: Da das Training direkt im Anschluss an eine Niederlage erfolgte, war die Aufnahmebereitschaft und damit die Effizienz deutlich erhöht. ;-)
Beitrag von MatheRaph
Ich glaube, dass man sehr wohl flexibel in der Eröffnung sein sollte, um den Gegner möglichst schon am Anfang aus der Theorie herauszuhauen.Seltene Eröffnungen ist glaube ich die Katalinsche.
Beitrag von freesafety
Mich würde zuviel Flexibilität überfordern. Ich wäre froh, wenn nach den ersten Zügen eine gewohnte Bauernstruktur vorhanden ist.