Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Zur Legitimität von Schach-Weltmeistern“

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Beitrag von Kiffing

Der Weltmeistertitel hat im Schach eine lange Tradition und ist seit jeher der Gipfelpunkt eines jeden Schachspielers. Als Robert Fischer den Titel z. B. errang, sah er sein Ziel offenbar als erreicht an und zog sich abrupt vom Schach zurück, eine verdutzte Schachwelt zurücklassend. Die verglichen mit anderen Schachturnieren überbordende Länge der Weltmeisterschaftskämpfe mitsamt dem damit verbundenen Qualifikationsmodus korrespondieren mit der Wertigkeit, die der WM-Titel für das Schach besitzt. Versuche der FIDE, die Weltmeisterschaft ab 1999 zu einem gewöhnlichen Turnier zu degradieren, sind gescheitert. Die Titelinhaber in dieser Zeit hatten in der Schachwelt keine Legitimität, weil in diesen Kurzturnieren oft die Tagesform ausschlaggebend war, so daß auch Spieler wie Chalifman und Kasimjanov den Titel erringen konnten, die aber weit davon entfernt waren, wirklich zur Weltspitze zu gehören. Als es 2005 zur Wiedervereinigung mit den unter verschiedensten Namen firmierenden Abtrünnigen kam, kehrte denn auch die FIDE wieder zu einem vernünftigen Modus zurück und die Weltmeister wurden seitdem wieder respektiert. Allerdings gibt es hier einen Einwand. Früher hatten die Weltmeisterschaftskämpfe immer die Funktion gehabt, den stärksten Spieler der Welt zu ermitteln. Doch seitdem es 1970 die Elo-Zahlen gibt, ist der Erfolg der Spieler meßbar geworden. Das Problem ist klar, Weltmeister ist derzeit Vishy Anand, aber die meisten halten Magnus Carlsen für den stärksten Spieler, nicht zuletzt, weil er eben statt Anands 2784 mit 2872 fast 100 Punkte mehr hat.Trotzdem, bei dem Aufwand, der um eine Weltmeisterschaft betrieben wird, ist es eine Leistung, solch ein Turnier zu gewinnen, und nach wie vor würde ein jeder Schachspieler alles dafür geben, um diesen Titel erringen zu können. Magnus Carlsen selbst setzt sich bspw. dieser Ochsentour aus. Natürlich weiß er, daß er der Schachwelt schon zur Genüge bewiesen hat, daß er mittlerweile der stärkste Spieler der Welt ist. Aber den Weltmeistertitel hat er noch nicht errungen, dieses Ziel steht ihm noch bevor. Und was Anand angeht, so genießt er in der Schachwelt nicht zuletzt deswegen so einen ungeheuren Respekt, weil er seit 2007 den WM-Titel behauptet und sich dann, „wenn es darauf ankam“, immer durchsetzen konnte. Er gewann 2007 das WM-Turnier in Mexico-City und verteidigte seinen Titel gegen so unterschiedliche Spielertypen wie Kramnik, Topalov und Gelfand. Und überhaupt haben Zweikämpfe die Schachwelt immer fasziniert. Von diesen geht ein besonderer Reiz aus, und damit auch von dem, der sich darin behaupten kann.Für mich haben Weltmeister also auf jeden Fall eine besondere Legitimität, was nicht bedeutet, daß ich die Elozahlen als geringwertig ansehen würde. Aber wie so oft im Leben gibt es nicht nur ein Entweder-Oder, sondern auch ein Sowohl-als-auch. Oder, anders ausgedrückt, es spricht für die Vielseitigkeit unseres Sports, daß ein wirklich großer Spieler nicht nur ein überragender Turnierspieler, sondern auch ein großer Zweikämpfer sein muß. Wie denkt ihr darüber?

Beitrag von zugzwang

[QUOTE=Kiffing;18921]...Allerdings gibt es hier einen Einwand. Früher hatten die Weltmeisterschaftskämpfe immer die Funktion gehabt, den stärksten Spieler der Welt zu ermitteln. Doch seitdem es 1970 die Elo-Zahlen gibt, ist der Erfolg der Spieler meßbar geworden...[/QUOTE]Gut erkannt!Die Schach-WM hat daher (neuzeitlich) ihre Berechtigung daher, den stärksten Spieler im Duell/KO-Modus zu ermitteln. Allerdings nicht über 2-4 Partien, sondern eher vergleichbar 8-12 Runden Boxen.Viele Sportarten ermitteln ihre Sieger in einem KO-Modus und das alte Ligensystem für die Meisterschaft wurde aufgeweicht.Hand- und Fußballer haben noch das alte "Turniersystem", Basketballer und Eishockeyspieler gingen einen anderen Weg.Europapokale usw. sind ab einem bestimmten Zeitpunkt KO-Veranstaltungen.Ein "Jeder gegen Jeden" wird zwar manchmal gewünscht, ist aber terminlich/finanziell häufig nicht darstellbar.Schach kennt zwar das "Jeder gegen Jeden", aber seltener doppelrundig mit Weiß/Schwarz.Die KO-Form mit Endspiel hat ihren besonderen Reiz.Warum wird Tennis/Snooker nicht in Turnierform ausgetragen?Curling kennt eine Turniervorrunde und dann das Endspiel.Schach hat den Charakter eines Zweikampfs. Das wurde in London 1851 deutlich gezeigt.Die Turnierform ist nur die abgespeckte Zweikampfform.In der Tradition der Schach-WM (be)stehen nur Zweikämpfe.