Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Welches WM-Format haltet ihr für das Beste?“

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Beitrag von Kiffing

Von der Idee, die Schachweltmeisterschaften in ein mehr oder weniger normales Turnier zu verwandeln, ist man mittlerweile zum Glück abgerückt. Denn das von Iljumschinov in die Taufe gehobene KO-System öffnete der Beliebigkeit Tür und Tor. Spieler wie Kasimzhanov oder Khalifmann wurden in den WM-Thron erhoben, die weit davon entfernt waren, die Schachwelt zu dominieren. Demzufolge stießen die Weltmeister der FIDE von 1997/98-2004 von der Schachwelt kaum noch auf Anerkennung, was nun gänzlich der Tradition der Schachweltmeister zuwiderläuft. Denn der Schachweltmeister ist im Schach ein ganz besonderer Titel, weitaus mehr als in vielen anderen Sportarten. Mehr noch, durch die durch die radikale Systemänderung Iljumschinovs hervorgerufene Inflation des WM-Titels blieb das Schisma in der Schachwelt erhalten. 1995 wäre Kasparov nach der Ablösung seines Erzfeindes Kampomanes durch den noch weitgehend unbekannten Kalmücken Iljumschinov bereit gewesen, auf seine „Ersatzweltmeisterschaften“ zu verzichten, die somit nur eine flüchtige Episode in der Schachgeschichte gewesen wären. Erst die Entwertung der Schach-Weltmeisterschaften durch Iljumschinov machte in den Augen vieler die Koexistenz von klassischen Schachweltmeisterschaften attraktiv, so daß Kasparov weiterhin dieses Format anbot, bis die FIDE ihren Fehler eingesehen hatte und selbst wieder zu den klassischen WM-Formaten zurückkehrte.In den Schachweltmeisterschaften gab es im Prinzip nie ein System, das sich vollständig durchsetzen konnte. Es wurde generell viel experimentiert. Die Idee, eine Weltmeisterschaft bis zu sechs Gewinnpartien eines Spielers zu veranstalten, hat sich nach 1984/85 nicht behaupten können und gilt dadurch als a posteriori widerlegt. Naheliegender ist das Format, eine Weltmeisterschaft auf eine feststehende Zahl von Spielen zu begrenzen, wobei es in der Vergangenheit meistens 24 Spiele waren, die maximal bestritten werden mußten. Die heute geübte Praxis, eine Schach-WM auf nur 12 Spiele zu begrenzen, war nach dem Verzicht auf die Reformen Iljumschinovs ein Kompromiß, da sich an die klassische Tradition wieder angenähert wurde, ohne allerdings der traditionellen Länge zu entsprechen. Argumentiert wird dabei in der Regel, daß zum einen so lange Weltmeisterschaften nicht mehr dem schnelllebigen Zeitgeist entsprechen würden, und zum anderen, daß die Spieler bei einem immer volleren Spielplan in einer Saison so lange Weltmeisterschaften nicht mehr gerne bestreiten würden. Ich persönlich teile nicht diese Argumentationen.Die drastische Verkürzung der Dauer einer Schach-WM durch Iljumschinow war zu der Zeit eingebettet in ein ganzes Bündel von Maßnahmen, mit denen die FIDE dem „Zeitgeist“ Rechnung tragen und das Schach „attraktiver“ gestalten wollte, was z. B. durch die schrittweise Verkürzung der Bedenkzeiten Realität wurde. Viele Schachspieler, auch die Spitzenspieler, waren damals gegen diese Philosophie. Hauptargument war damals, daß das Schachspiel von seiner Natur aus ein langwieriges Denkspiel sei, so daß sich Schachspieler durch diese Veränderungen eher unwohl fühlen, während diejenigen, die ohnehin kein Interesse für Geduldsspiele aufweisen, sondern eher nach banaler „Action“ suchen, ohnehin kein Interesse für das Schachspiel aufbringen würden. Von daher traf die FIDE mit ihren Reformen die Richtigen und zog die Falschen an bzw. auch nicht. Insofern hat die Geschichte diese Überlegungen Iljumschinovs widerlegt, so daß schon seit Jahren mit den Kürzungen der Bedenkzeit Schluß ist und das inflationäre WM-Projekt von 1997/98 – 2004 gestoppt wurde. Daß die Zukunft nicht notwendigerweise bedeutet, daß alles immer schneller zu gehen habe, beweist z. B. der bekannte Autor Ken Follet, der derzeit eine dreibändige Jahrhundertsaga entwickelt, die sich pro Band auf über 1000 Seiten erstreckt und seine Herangehensweise in einem Zeitungsinterview [URL="http://www.welt.de/kultur/article9758476/Ken-Folletts-Formel-fuer-einen-Bestseller.html"]verteidigte[/URL]:[QUOTE] WELT ONLINE: Unsere Wahrnehmung wird zunehmend durch schnelle, hektische Medien wie Fernsehen und Internet geprägt. Ihre Romane dagegen werden immer länger. Wie passt das zusammen? Follett: Jede Entwicklung erzeugt irgendwann ihr Gegenteil. Wäre es wirklich nötig, Geschichten in Raketentempo zu erzählen, hätte ich niemals über 100 Millionen Bücher verkauft. Der Marktwert eines Autors bemisst sich allein nach seiner Fähigkeit, das alte Spiel der Entführung und Verführung des Lesers neu auszurichten. Wer das Talent hat, eine Romanwelt zu erschaffen, die der Leser interessanter findet als die Wirklichkeit, wird auch mit einer 5000-Seiten-Story Erfolg haben, die mit der gemächlichen Geschwindigkeit eines Luxusliners erzählt wird. Wenn der Leser erst einmal damit begonnen hat, sich zu sorgen, ob eine Romanfigur überlebt oder stirbt, ist er Wachs in den Händen des Autors. [/QUOTE]Die traditionsreiche Schachkulturzeitschrift Karl hatte sich während der Höhepunkte der Reformen Iljumschinovs über dasselbe Thema [URL="http://www.karlonline.org/alt201_1.htm"]Gedanken gemacht[/URL] und ist zu einem ähnlichen Schluß wie der schreibfreudige Waliser gekommen. Die Philosophie der FIDE wurde heftig kritisiert, ein Auszug:[QUOTE] Ungeduld, einst eine Charakterschwäche, hat sich zur Kardinaltugend der Gegenwart entwickelt (und zwar zwecks Bewältigung derselben). Was sich im Großraum der Gesellschaft ereignet, bildet sich in Miniaturform in der kleinen Welt des Schachspiels ab. Im Vorjahr hat die FIDE beschlossen, die Bedenkzeit für Schachpartien auf ein Maß zu verkürzen, das dem Gremium angesichts der aktuellen medialen und organisatorischen Anforderungen für die Jetztzeit angemessen schien: Pro Spieler stehen in Zukunft für die ersten 40 Züge einer Partie 75 Minuten zur Verfügung, der Rest soll in 15 Minuten erledigt werden, dazu gibt es von Beginn an 30 Sekunden pro Zug. Eine Partie mit 60 Zügen wird, wenn beide Spieler ihre Zeitvorräte ausschöpfen, vier Stunden dauern. [/QUOTE]Insofern wäre ich selbst für die Rückkehr zu dem Modus mit 24 Spielen und mache mir dabei auch wenig Sorgen um die aufgrund der Länge dieses Formats geschmälerte Planbarkeit der Spieler einer immer intensiver werdenden Saison. Denn zum einen sind 24 Spiele noch relativ überschaubar, und zum anderen würde dadurch die Schach-WM weiter aufgewertet werden, die damit als Veranstaltung, und auch was das Preisgeld angeht, von dessen Topf auch der Verlierer dieses Duells noch eine Menge mitnehmen darf, jedes andere Turnier in den Schatten stellen dürfte. Weitere Vorteile sind, man hat mehr von einer Schach-WM, die Ermittlung des stärksten Spielers der Welt erhält weitere Validität, und die Spieler können mehr auf Risiko gehen, weil hier nicht jeder Fehler gleich entscheidend sein kann. Die Spieler können mehr experimentieren als nur auf Nummer Sicher zu gehen, was ja in den Anfangsspielen der diesjährigen Schach-WM in Chennai Realität war. Wie denkt ihr darüber, und welchen Modus würdet ihr favorisieren?

Beitrag von zugzwang

Mich stört die Zahl 12, auch wenn sie um Längen besser als die unsägliche 14 von 2004 ist und immerhin historisch auch schon bei Lasker-Schlechter 1910 auftrat.Am besten gefällt mir die Anzahl 2 hoch 4 - siehe auch 2000.Das ist so eine Schachzahl.32 oder 64 ist einfach zu lang heutzutage.Bei allem Reformeifer oder Reformstau sollte man daran denken, den Kern und die Tradition zu erhalten.Ein Marathon wird über 42195 m gelaufen und nicht über 34500 m, weil es Sponsoren, Ausrichter, einigen Läufern oder Fernsehzuschauern gerade mal so besser gefällt odersie eine Veränderung wünschen.Oder nur neugierig sind, ob bei dieser Distanz andere mehr oder weniger Chancen haben.

Beitrag von Zapp Brannigan

12 Partien sind zu kurz, das sah man vor allem an diesem WM-match gut. Anand verliert unglücklich die 5te partie mit schwarz, und verliert unter anderem wohl auch aus nervengründen gleich noch die 6te partie mit weiss. An sich kein weltuntergang, hat halt 2x verloren, jetzt heisst es das ganze sinnoll anzugehen, zuerst mal ein remis für die nerven, dann als strategie mit schwarz ja nicht mehr verlieren und mit weiss versuchen auf gewinn zu spielen, ohne alle brücken abzubrennen. Genau so hat es Anand gemacht, und alle haben ihn dafür kritisiert! Er spielte partie 7 mit weiss auf remis, partie 8 mit schwarz ebenfalls. In einer idealen welt hätte er jetzt in partie 9 eine eröffnung gewählt, mit dieser man mit weiss auf die berühmten 2 resultate spielen kann. ABER, er hatte keine zeit mehr! Er ist bereits in partie 9, hat nur noch 3 partien zu spielen und muss einen rückstand von 2 partien aufholen. Das ist fast nicht machbar! Deswegen spielte er in partie 9 nicht auf 2 resultate sondern brannte mit seinem f3-NI alle brücken ab. Das sah lange zeit sogar sehr gut aus, aber in solchen situationen ist es halt leider mal so, dass man sich taktisch auch verrechnen kann, was Anand passiert ist, und auf einmal war der WM-match bereits fertig!Stellt euch vor, das ganze wäre in einem 24-partien match passiert. Anand hätte partie 7 und 8 genauso gespielt, aber wäre dafür nicht kritisiert worden, sondern eher gelobt im sinne von "Anand hat die nerven nicht verloren"! Dananch spielt er in partie 9 wohl eher ein Qc2 oder e3 NI, versucht das auf gewinn zu spielen, falls nicht halt nochmals spiel auf remis in partie 10, und das geht dann bis mindestens partie 16 so weiter, und erst da hätte Anand so langsam den druck des nahenden Ende! Die WM könnte man auch problemlos wieder auf 24 partien erweitern, ich meine, da standen mehr als 1 Mio € auf dem spiel, da dürfen die beiden Herren auch gerne etwas mehr als nur 12 partien spielen! Alles gleichlassen, aber 24 partien, das hotel und der spielort muss einfach doppelt so lange gebucht werden.Bei 24 partien ist dann auch die Frage der tie-breaks kleiner, wenn nach 24 partien wirklich beide unentschieden stehen kann man den WM-titel auch getrost dem ehem. WM lassen, das wurde bei kasparov-karpov auch so gemacht, da hat sich anscheinend auch niemand daran gestört...