@anonym:das, was Du da beschreibst, ist der zweite Frühling, der sich nach Eintritt ins Rentenalter bei so manchem Schachspieler einstellt. Diese Schachspieler waren zuvor von ihrem Beruf eingespannt und haben das Schach eher als Hobby wahrgenommen. Denn Zeit, sich ernsthaft der Entwicklung der eigenen Spielstärke zu widmen, haben diese Spieler nicht gehabt.Diese Zeit haben sie aber nun, und so können erst einmal neue Ambitionen entstehen, wie man die viele freie Zeit nun ausfüllt. Und bis zum Eintritt in die Senilität, die natürlich die Spielstärke wieder zurückfallen läßt, ist es bei den Jungrentnern, die sich einer guten Gesundheit erfreuen, noch lange hin. Ich kenne einen ähnlichen Fall aus der Universität Wuppertal. Dort hat eine Frau, die gerade das Rentenalter erreicht hat, noch Karriere gemacht. Sie nahm ein Seniorenstudium auf und arbeitete sich bis zur Professorin hoch. Wirkliche Unterbewertung tritt aber eher bei hochtalentierten Jugendspielern auf, deren Ratingzahl oft ihrer rasanten Spielstärkeentwicklung hinterherhinkt, auch weil diese sich gegenseitig oft die Punkte abnehmen. Dort kann es allerdings auch zu einem kurzfristig entgegengesetzten Effekt kommen. Nehmen wir an, Talent XY spielt bei einem Erwachsenenturnier mit, ist in der Form seines Lebens und gewinnt aufgrund des Jugendbonus 200 Punkte dazu. Beim nächsten Turnier ist dieses Talent allerdings nicht mehr in Form, und nun ist das Talent überbewertet. Ansonsten berührt das, was Du ansprichst, die elementaren Fragen der Wahrscheinlichkeit. Als wir das Thema in der Schule behandelten, hat uns der Lehrer Karten ausgeteilt. Die Wahrscheinlichkeit, Karo zu ziehen, betrug natürlich 25 Prozent. Doch nachdem wir jeweils viermal Karten aus dem Stock zogen, lag das Ergebnis für Karo bei teilweise 75 Prozent. Erst mit steigender Menge, etwa, als wir 50 Karten aus dem Stock gezogen hatten und das dann auswerteten, näherte sich der Wert für Karo der vorgegebenen Wahrscheinlichkeitserwartung an. Das war eine sehr plastische Demonstration. Das DWZ- oder Elosystem basiert im Wesentlichen auf Wahrscheinlichkeiten. So kann alleine aufgrund des Wertes ermittelt werden, wie hoch die Wahrscheinlich eines Spielers mit z. B. 1300 DWZ ist, gegen einen Spieler mit z. B. 1700 DWZ ist zu siegen, zu remisieren oder zu verlieren. Ein Blick in die DWZ-Datenbank sorgt für Klarheit. Beim Turnier: „Sekt oder Selters“ in diesem Jahr hatte ich bei den Gegnern einen Erwartungswert von 3,330 Punkten. Am Ende kam ich auf 4,5 Punkte, und so erzielte ich eine Performanz von 1776 und machte einen Gewinn von 32 Elopunkten (ohne U20- und U25-Bonus, d. h. +100 bzw. +50 Prozent). Deshalb stimmt es natürlich, daß die eigene Zahl umso aussagekräftiger ist, je mehr Turniere man gespielt hat. Bei einem Einsteiger, der nur eine Turnierauswertung hat, ist die eigene DWZ-Zahl bei weitem nicht so aussagekräftig wie bei einem Spieler mit 100 Turnierauswertungen.