Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Harmonisierung von strategischem Denken in Schach und Fußball von Felix Magath“

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Beitrag von Kiffing

Felix Magath, den meisten eher bekannt als strenger und erfolgreicher Fußballtrainer, hat eine besondere Beziehung zum Schach. Felix Magath hatte die Hamburger Schachfirma Chessbase einst mit einem Startkapital unterstützt und damit dazu beigetragen, daß sich die Hamburger zu einem weltweit führenden Schachunternehmen entwickeln konnten mit einer der größten Spieleplattformen, einem Schachprogramm, das von den stärksten Großmeistern bis hin zu beliebigen Amateuren überall auf der Welt genutzt wird, und spielstarken Top-Engines. Vor einem Jahr kaufte Chessbase sogar die damals beste Engine Houdini auf, und das Chessbase-Kind Fritz kennt jedes schachbegeisterte Kind auf dem ganzen Globus.Felix Magath sieht in Schach und Fußball viele [URL="http://www.abendblatt.de/sport/article124834087/Magath-empfiehlt-Jungmillionaeren-Fussballprofis-Schach.html"]Gemeinsamkeiten[/URL]. Und er gibt offen zu, daß ihm das Schachspiel auch in seiner Arbeit als Fußballtrainer nutzt:[QUOTE]Ich habe viel Wertvolles vom Schach in den Fußball mitgenommen. Dass jede Aktion eine Begründung hat, dass möglichst jeder Zug eine Herausforderung für den Gegner sein soll. Übersetzt in den Fußball: Dass man die Macht des Zufalls verringern kann. Dass es entscheidend ist, das Tempo hochzuhalten und trotzdem die Kontrolle zu behalten [/QUOTE] Vor fünf Jahren hatte Felix Magath diese Gemeinsamkeiten der beiden Spiele gegenüber dem Spiegel bereits wissenschaftlich herausgearbeitet. Seine [URL="http://www.spiegel.de/sport/fussball/fussballtheorie-schachmatt-fuer-magath-a-640418.html"]Theorie des Fußballs[/URL] war spieltheoretisch eng mit der schachlichen Art des Denkens verknüpft. So äußerte sich Magath über die Rolle des Zentrums:[QUOTE]"Sowohl im Fußball wie im Schach stehen sich zwei Mannschaften in einem abgegrenzten Feld gegenüber, und das jeweilige Ziel liegt auf beiden Stirnseiten in der Mitte", sagt Magath, "daraus leiten sich gleiche Taktiken ab." Im Schach ist es das wichtigste Merkmal, das Zentrum in den Griff zu bekommen und zu kontrollieren."Beim Fußball muss mir das ebenfalls gelingen, denn damit habe ich die Kraft, das Spiel zu entwickeln. So begreift man auch, dass die Position vor der Abwehr ganz wichtig ist. Wenn dieser Raum nämlich dem Gegner zur Verfügung steht, hat er eine unheimliche Kraft, und die Abwehr kann im Grunde wenig machen. Umgedreht müssen die Verteidiger nicht so stark sein, wenn der Raum vor ihnen kontrolliert wird. [...] Wenn sich aber auf dem Rasen oder auf dem Schachbrett alles in der Mitte zusammendrängt, gibt es eine Suche nach Aus- und Umwegen, die meistens auf die Flügel führt. "Entweder man findet in der Mitte eine Lücke, oder man zieht den Gegner so massiv auf eine Seite, dass er sich selbst einengt. Das gibt Raum, um über die andere Seite anzugreifen", sagt Magath. Im Fußball versucht man daher, mit gezielten Seitenwechseln den Gegner zu destabilisieren. "[/QUOTE]Gleichzeitig dozierte Magath über die Wichtigkeit in beiden Sportarten, daß im Schach die Figuren und im Fußball die Spieler eine homogene, aufeinander abgestimmte Einheit bilden und es in beiden Sportarten jeweils den besten Spielzug gebe. Allerdings scheint die Fußballtheorie noch nicht so weit entwickelt zu sein wie die Schachtheorie. Denn im Schach ist der Meinungsstreit zwischen dynamisch konkreter und statisch abstrakter Schule längst zugunsten der dynamisch-konkreten Schule entschieden, was natürlich nicht heißt, daß allgemeine Theorien keinen Wert mehr im Schach besitzen. Diese sind lediglich in den Hintergrund getreten und müssen sich gegenüber den konkreten Situationen behaupten, die, stellvertretend für das heutige Denken, ein Tschigorin als einzigartig angesehen hatte. Im Fußball ist diese statisch abstrakte Schule zum Leidwesen Magaths dagegen noch weit verbreitet. Magath erläutert:[QUOTE]Magath lehrt deshalb keine Konzepte, er grenzt sich sogar eindeutig von den Kollegen ab, die Laufwege festlegen oder Spielzüge entwerfen wollen. Ihm geht es darum, dass seine Spieler auf die wechselnden Anforderungen immer die passende Antwort finden. [/QUOTE]Auch wenn am Ende des Artikels betont wird, daß trotz dieser Gemeinsamkeiten das Schach selbstverständlich nicht als "Folie" für das Schach übernommen werden sollte, so sind diese von Magath herausgearbeiteten Gemeinsamkeiten zumindest interessant, aber auch nicht gänzlich überraschend. Schon lange vor Magath wurde z. B. stark strategisch ausgerichteten Fußballmannschaften bescheinigt, sie spielten "Rasenschach", und auch der moderne, mittlerweile aber wieder verdrängte Tiki-Taka-Stil, der von den Spaniern erfunden wurde, drängt dem Rezipienten einen Vergleich zum Schach geradezu auf. Daß Fußball nicht als "Folie" für das Schach dienen kann, ist richtig, aber auch trivial. Dagegen spricht schon alleine die Tatsache, daß bei beiden Spielen dem Raum eine herausragende Bedeutung zukommt. Beim Schach ist der Raum allerdings ein Quadrat, und beim Fußball ist er ein Rechteck. [video=youtube;iRsyFfzB1A0]http://www.youtube.com/watch?v=iRsyFfzB1A0[/video]

Beitrag von Kampfkeks

Ich finde es sehr löblich, dass ein Fußballtrainer den Schachsport unterstützt. Sehr viele Gemeinsamkeiten zwischen Fußball und Schach sehe ich allerdings nicht. Dinge wie "Kontrolle behalten" und "Zufall begrenzen" sind keine exklusiven Gemeinsamkeiten von Fußball und Schach, sondern treffen auf nahezu jede Sportart zu. Auch einem Tennisspieler oder Judokämpfer könnte man wohl dazu raten, die Kontrolle über den Gegner zu behalten.Als echte Gemeinsamkeit sehe ich vielleicht noch die Rolle des Zentrums an - gleichwohl ist die Liste der Unterschiede sehr viel länger, um eine besondere Beziehung zwischen Schach und Fußball herstellen zu können: Schachspieler ziehen abwechselnd, die Figuren haben krass unterschiedliche Fähigkeiten (man vergleiche Dame und Bauer), eine Schachfigur kann die ganze Partie über auf nur einem Platz stehen und doch eine ungeheuere Wirkung haben, die Reaktionen des Gegners kann man exakt berechnen... um nur einige zu nennen.Alles in allem kann ich keine Harmonie zwischen Schach- und Fußballstrategie erkennen. Wenn dem tatsächlich so sein sollte, dann würde ich gern mal anders herum fragen: Was können denn Schachspieler vom Fußball lernen?

Beitrag von zugzwang

[QUOTE=Kiffing;23209]Felix Magath, den meisten eher bekannt als strenger und erfolgreicher Fußballtrainer, ...[/QUOTE]Felix Magath ist mir bekannt als der Torschütze(des imo sportlich wichtigsten je für den HSV erzielten Tores).

Beitrag von SiegerFCN

Felix Magath hat durch die Praktizierung des Schachspiels und vom Fußball ja strategisch eine sehr gute Denkweise. Die Gemeinsamkeiten die er angegeben hat, scheinen mir auch recht schlüssig und logisch. Außerdem zeigt er durch die Ideen, die in beiden Sportarten ausgeübt werden, dass die Ideen und Ziele im Sport nicht ganz unterschiedlich sind; eher ähnliche Strukturen besitzen. Vor allem das Beispiel, dass wenn das Zentrum voll - ob mit Figuren oder Fußballern - besetzt ist, man über die außen spielt, um dort eventuell seine Stellung zu verbessern bzw. Freiraum auf der Außenbahn zu gewinnen. Um in der Mitte voran zu kommen, ist ein taktisches Motiv durchaus denkbar. Auch wird von Fehlern des Gegners profitiert.[QUOTE=Kampfkeks;23210]Schachspieler ziehen abwechselnd, die Figuren haben krass unterschiedliche Fähigkeiten (man vergleiche Dame und Bauer), eine Schachfigur kann die ganze Partie über auf nur einem Platz stehen und doch eine ungeheuere Wirkung haben, die Reaktionen des Gegners kann man exakt berechnen... um nur einige zu nennen.[/QUOTE]Da würde ich gerne nochmal drauf eingehen:Es stimmt, dass Schachspieler abwechselnd ziehen, würde natürlich auch keinen Sinn machen, wenn beide einfach ohne Unterbrechung ihre Züge ausführen. Dies ist im Fußball aber gar nicht so anders: Immerhin ist die Mannschaft, die im Angriff ist oder den Ball hat, am Zug und wird zugestellt. Der Angriff bzw. der Zug ist beendet, wenn der Gegner den Ball besitzt. Dass es im Fußball jederzeit möglich ist, den Ball abzunehmen, im Schach aber nicht, den gegnerischen Zug zu klauen, ist klar. Daher variiert die Zeit des Angriffes und somit auch des Zuges. Ob sie länger anhält (viel Ballbesitz) oder eher kürzer (schneller Ballverlust) ist unterschiedlich.Ebenso unterscheidet sich ein Christiano Ronaldo von einem X-Beliebigen 2.Ligisten. Die Stärke ist unterschiedlich, aber auch der 2.Ligist kann an einem guten Tag eine sichere und solide Leistung zeigen.Auch ein Fußballer kann an derselben Stelle stehen und sich nur wenig bewegen und ungeheure Gefahr ausstrahlen. Ist ein Mittelstürmer zum Beispiel frei am Sechszehner und bleibt auch dort stehen, kann sein Mitspieler ihn anspielen. Der verarbeitet den Pass und eine Torchance ist ermöglicht. Auch ein defensiver Mittelfeldspieler, der sogenannte Sechser, kann - trotz kaum Bewegung - hinten sicher stehen und einen Befreiungsschlag abfangen, diesen dann sofort wieder zum Angriff verwenden.Und noch zum letzten Argument: Könnte man die Züge des Gegners exakt berechnen, wäre wohl jeder Großmeister. Man kann aber auch im Fußball Passwege vereiteln, antizipiert sein und sehen, wo der Gegner hinspielen möchte, oder auch einfach Lücken schließen. Ein möglicher Schuss kann abgefälscht werden, eine Flanke ebenso verhindert. Und das sieht man als Fußballer ja auch heraus.Und als Angreifer kann ich mit einem Dribbling die Reaktion des Gegners auch (leicht) beeinflussen. Exemplarisch: Man führt den Ball an der Außenbahn und täuscht eine Flanke an. Der Gegenspieler grätscht hinein, während man als Angreifer genau diese Reaktion erwartet hat und läuft an den auf dem Boden liegenden Verteidiger vorbei.

Beitrag von Kiffing

Die Grundidee beim Schach war ja die, eine kriegerische Schlacht zwischen zwei Armeen zu simulieren und in der beide Spieler in die Rolle des Feldherren schlüpfen. Wenn man so will, kann man die Tore im Fußball gut mit den Königen im Schach vergleichen. Der Schachspieler muß seinen König schützen und gleichermaßen den gegnerischen König angreifen. Genauso macht es eine Fußballmannschaft, die ihr eigenes Tor sauber halten, aber im gegnerischen Tor den Ball unterbringen muß. Und für diese Strategie gibt es in beiden Spielen tatsächlich einen großen Raum. Interessant in diesem Zusammenhang finde ich auch, daß in beiden Spielen bezüglich des Raumes das Zentrum die Drehscheibe des Brettes bzw. Platzes ist, gleichzeitig aber durch die Besetzung bzw. Beherrschung des Zentrums sehr gut Angriffe über den Flügel möglich sind. Und sowohl beim Fußball als auch beim Schach kann ein eigener Fehler einen guten Spielzug bzw. eine gute Strategie zerstören. Und sowohl der Fußball- als auch der Schachspieler muß über eine Art blinde Intuition verfügen, so daß er schon unbewußt die komplexen strategischen Zusammenhänge im Zuge der ständigen Veränderungen auf Brett oder Platz erfassen muß. Es ist im Fußball beileibe nicht nur der Torwart, der reaktionsschnell sein muß. Der folgende Artikel von Max Beckert beschreibt das ganz gut: [url]http://www.erfolgsfussballer.de/gut-fussball-spielen-bedeutet-schnell-denken-koennen/[/url]

Beitrag von Kiffing

Zu der laufenden EM im "Rasenschach" ist mir ein Trend aufgefallen, der quasi einer zwar nicht unumstrittenen, aber gängigen "Lehrmeinung" im richtigen Schach entgegensteht: so ist bei schwächeren Mannschaften durchgängig zu beobachten, daß sie sich gegen stärkere Mannschaften hintenreinstellen und auf ihre Konterchancen lauern. Stärkere Mannschaften versuchen hingegen, gegen die schwächeren Mannschaften das Spiel zu bestimmen.Im Schach hingegen wird oft behauptet, Schwächere am besten mit positionellen Mitteln zu besiegen, weil deren technisches Verständnis am unterentwickelsten sei, während Schwächeren geraten wird, furchtlos den offenen Kampf zu suchen, was die Favoriten gar nicht mögen. Nach meinen Erfahrungen lassen sich jedoch im Schach ebenso wie im Fußball schwächere Gegner durch kraftvolles und flüssiges Kombinationsspiel und kreative Elemente leicht überfordern. Sie sind nicht in der Lage, alles zu überblicken und neigen zudem dazu, dem Stärkeren alles zu glauben. Insofern teile ich auch nicht die Auffassung, gerade in der Technik sei der Spielstärkeunterschied zwischem Schwächeren und Stärkeren am Größten, läßt sich doch die Technik viel einfacher erlernen als das kreative Moment, an das sich bislang vergleichweise wenige Schachbuchautoren herangewagt haben. Wer meint, den Schwächeren eher mit ruhigen Methoden bezwingen zu können, muß sich nicht wundern, wenn das Spiel am Ende mit einem Remis zu Ende geht, wogegen der Schwächere meist nichts gegen einzuwenden hat, weswegen er im Spielverlauf wenig Interesse daran hat, die Remisbreite mit Gewalt verlassen zu wollen.

Beitrag von Babylonia

Sowohl beim Schach als auch beim Fußball hat man zwei Mannschaften auf dem Spielfeld. Der Begriff "Taktik" wird allerdings unterschiedlich im Schach und im Fußball verwendet. Wenn die Fußballtrainer von "Taktik" sprechen, würde ich als Schachspielerin eher den Begriff "Strategie" verwenden. Zum Beispiel "Kombinationen" gibt es sowohl im Fußball als auch im Schach. Für mich ist das hier ein sehr interessantes Thema, da ich mich als Zuschauerin auch mit Fußball auskenne. (Habe allerdings nie aktiv Fußball gespielt, wäre auch zu sehr eine "Laufsportart" gewesen, mir liegt schnelles, ausdauerndes Laufen nicht.) Babylonia

Beitrag von Sanpelg

Das Beispiel von Island gibt mir Mut für die neue Saison in der Verbandsklasse, wo wir auch Außenseiter sind, außerdem sind wir im Viererpokal gegen SG Solingen 1 gelost worden! Also: HUH!Ansonsten kann ich aber auch nicht viele Analogien vom Schach zum Fußball erkennen, außer halt dass man mit Kampfgeist auch gegen scheinbar übermächtige Gegner bestehen kann