Milan Vidmar saß in den 20er Jahren in Ljubljana gemütlich in einem Kaffeehaus, trank Kaffee und las Zeitung. Am Nachbartisch spielten zwei Herren mehr schlecht als recht Schach, was Milan Vidmar natürlich nicht entgangen war. Als der eine Spieler gegangen war, wandte sich der verbleibende Spieler an Vidmar, um mit ihm weiter zu spielen. Vidmar hatte verständlicherweise keine Lust, aber den folgenden Schabernack wollte er sich nicht entgehen lassen. Die Partie begann also, David Vidmar hatte Weiß:[QUOTE]1. e2-e4"Der beste Eröffnungszug", sagte mir mein liebenswürdiger Gegner1. ...e52. Ke1-e2Ein mißbilligendes Kopfschütteln meines Partners! "Es ist nicht empfehlenswert", sagte er unverkennbar wohlmeinend, "den König allzu frühzeitig in den Kampf ziehen zu lassen". Ich ließ indessen weder Reue noch Dankbarkeit erkennen. Deshalb erhielt ich eine gewiß lobenswerte Antwort: Der Zug wurde allerdings mechanisch schon ein wenig hart ausgeführt.2. ...Sg8-f6Nun aber entschloß ich mich für ein energisches Vorgehen:3. Ke2-d3"Haben Sie mich zuvor nicht verstanden?", fragte der Gegner mit nun strengerer Miene. Ich machte eine trotzige Handbewegung, die ihm mißfiel. Als ich aber noch zum Überfluß erklärte, ich hätte einen eigenen, wohldurchdachten Spielplan, antwortete er mit unverkennbaren Zeichen seiner Verachtung meiner Pläne:3. ...Sb8-c6Jetzt war der Augenblick, da für das Äußerste, was ich noch einigermaßen wagen konnte! Es hieß doch die Stärke des Gegners richtig einzuschätzen, denn der herumirrende König mußte ja schließlich doch den zu erwartenden unbeholfenen Schlägen entzogen und in einen sicheren Winkel zurückgebracht werden. Ich entschloß mich schließlich für den mutigen Zug:4. Kd3-c4und wagte gleichzeitig, auf den nun ungeschützten e-Bauern hinweisend, die Bemerkung, ich wäre dabei, mein Gambit zu versuchen.Die Antwort war verblüffend. Mit einer energischen mähenden Bewegung seiner Rechten, rasierte mein Gegner das Schachbrett, so daß die Figuren fast wegflogen und erklärte mit schlecht zurückgehaltener Wut: "Mit einem solchen Stümper spiele ich nicht."[/QUOTE]Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter&co, Berlin 1961, S. 227f.
Beitrag von zugzwang
[QUOTE=Kiffing;18637]Milan Vidmar saß in den 20er Jahren in Ljubljana gemütlich in einem Kaffeehaus, trank Kaffee und las Zeitung. ... Die Partie begann also, David Vidmar hatte Weiß:[/QUOTE]Er spielte dann wie verwandelt, aber einen David darf man ja nie unterschätzen!:P
Beitrag von zugzwang
Eine vielfach abgedruckte wunderbare Kombination gelang Vidmar in höchster Bedrängnis gegen den in die absolute Weltklasse vorgerückten Max Euwe.Wenn man sich die Züge vor der Entscheidungsequenz anschaut, dann stellt sich die Frage, ob Vidmar Euwe in eine Falle lockte und die Schlußsequenz bei 27. Sd2 schon sah.Stellung vor 27. Sd2[FEN=zz1]2r3k1/1b3pb1/1p1p1q1p/p2P1Pp1/2r5/Q4N1P/PP4P1/1B1RR1K1 w - a6 0 27[/FEN][Event "Karlsbad"][Site "Karlsbad CZE"][Date "1929.08.19"][EventDate "1929.07.31"][Round "16"][Result "1-0"][White "Milan Vidmar"][Black "Max Euwe"][ECO "A48"]1. d4 Nf6 2. Nf3 g6 3. Bg5 Bg7 4. Nbd2 c5 5. e3 b6 6. Bd3 Bb77. O-O h6 8. Bf4 d6 9. c3 Nh5 10. Qb3 Nxf4 11. exf4 O-O12. Rad1 Nc6 13. Bb1 cxd4 14. cxd4 e6 15. Ne4 Ne7 16. Qa3 Nf517. Rd2 Qe7 18. Ng3 Nxg3 19. fxg3 Rfc8 20. g4 Rc7 21. f5 exf522. gxf5 g5 23. Re1 Qf6 24. h3 Rac8 25. Rdd1 Rc4 26. d5 a527. Nd2 Qd4+ 28. Kh1 Qxd5 29. Be4 Rxe4 30. Nxe4 Qxf5 31. Nxd6Bxg2+ 32. Kxg2 Rc2+ 33. Kh1 Qf4 34. Re8+ Bf8 35. Rxf8+ Kxf836. Nf5+ Kg8 37. Qf8+ 1-0Die Stellung aus den Kombi-Büchern:[FEN=zz2]6k1/5pb1/1p1N3p/p5p1/5q2/Q6P/PPr5/3RR2K w - - 0 34[/FEN]
Beitrag von Kiffing
Milan Vidmar war ein sehr trickreicher Spieler, der auch mal durch subtile Fallen gewinnen konnte. Dabei hatte er es teilweise mit Gegnern zu tun, die ihm eine so entstandene Niederlage noch Jahrtzehnte (!) nachtrugen und sich als schlechte Verlierer erwiesen. Offenbar war das Fallenstellen damals noch nicht als selbstverständliche Kampfmethode etabliert, und noch heute soll es Spieler geben, die so etwas unmoralisch finden (natürlich nur, wenn sie selber Opfer einer Falle werden). Natürlich geschieht diese Brandmarkung von Fallen zu Unrecht, denn wie Milan Vidmar zurecht erläutert:[QUOTE]Das Fallenstellen ist - so scheint es wenigstens - als Zusatz zur Kraftzugsanwendung doch empfehlenswert. Große Feldherren haben nicht immer, oder vielleicht sogar niemals, nur mit Gewaltstößen gesiegt, sie haben immer wieder auch die List herangezogen. Hannibal war unzweifelhaft ein ganz großer Feldherr, seine Schlachten sind aber auch von Fallen, d. h. von der Listanwendung durchsetztz. Der große Napoleon hat fast nie nur mit roher Kraft gearbeitet. Er war schlau, listig deshalb erfinderisch.[/QUOTE]Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Gruyter&Co, Berlin 1961, S. 151Früher hatte man sowieso merkwürdige Ansichten, was moralische und unmoralische Züge angeht (heute wissen wir oder wenigstens die meisten, daß es keine unmoralischen legalen Züge gibt). So fand man es feige und ungebührlich, ein Opfer des Gegners nicht anzunehmen. Warum manche Spieler so empfindlich auf Fallen reagieren, dafür hat Vidmar auch eine Erklärung:[QUOTE]Die Eigenliebe des Schachspielers trägt seltsame Früchte. Es ist bekannt, daß fast jeder im Kampf unterlegene Spieler vor allem sich selbst beschimpft, d. h. gern bereit ist zu erklären, er wäre ein Dummkopf, ein Idiot, gewesen. Nur einer vorübergehenden Schachblindheit, einem urplötzlich auftauchenden, nachher natürlich wieder verschwindenden Gehirnversagen habe der Gegner seinen Sieg zu verdanken! Er hätte, der Gegner nämlich, einen stärkeren Denkapparat, kurz die überwiegende Spielstärke? Lächerlich!Wahrscheinlich ist es dem Schachspieler ganz besonders schwierig, zuzugeben, er wäre überlistet worden. Die Überlistung ist nachweisbar, das vorübergehende Versagen der geistigen Kampfwaffen nur hinter faulen Ausreden versteckbar. Man kann immer behaupten, einen Teil der Partie "dumm" gespielt zu haben, man kann es aber nicht hinwegleugnen, daß man überlistet worden ist, wenn man das Unglück hatte, durch List besiegt worden zu sein[/QUOTE]Ebd. S. 155f.Nun ein Beispiel aus der GM-Praxis, wo Fallen natürlich ungleich subtiler sind als auf der gewöhnlichen Ebene, Partie Ossip Bernstein gegen Milan Vidmar, St. Petersburg 1909::[FEN=6]q3b2k/3rbp1p/1n1p1npB/1ppPp1N1/4P1P1/2P2QNP/1PB2P1K/6R1 b - - 0 24[/FEN]Hier zog Schwarz 24. ...Sg8!!, eine Einladung zum Damenopfer, was auch tatsächlich geschah. Nach 25. Dxf7 Lf6!! mußte Weiß aber erkennen, daß die Dame nun tatsächlich weg ist, und zwar ohne, daß er dafür Matt setzen kann. Welch herbe Überraschung! Es wurde noch gespielt: 26. Df8 Te7 27. Se6 Sd7 28. Dxe7 Sxe7 29. g5 Sg8 30. Sf5 gxf5 31. gxf6 0-1
Beitrag von zugzwang
[QUOTE=Kiffing;18663]Milan Vidmar war ein sehr trickreicher Spieler, der auch mal durch subtile Fallen gewinnen konnte. ... Es wurde noch gespielt: 26. Df8 Te7 27. Se6 Sd7 28. Dxe7 Sxe7 29. g5 Sg8 30. Sf5 gxf5 31. gxf6 0-1[/QUOTE]Befrage doch mal Dr. Angie Light-Leid, was sie so zur Orientierung bei 27. Se6 angibt?Aber auf jeden Fall;) ein trickreiches Beispiel von Vidmar, das auch objektiv keine Selbstfalle darstellen dürfte, während Weiß überrascht den Ausweg ohne Angie finden mußte.Zur Praxis von Angie gehts hier:[url]http://www.schachburg.de/threads/1160-Mit-Dr-Angie-Light-(geb-Leid-v1-4711)-in-Wonderland[/url]