Schachburg-Archiv: Benutzerthema „"Einfach Schach spielen"?“

schachburg.de

Beitrag von Kiffing

Magnus Carlsen hat einen neuen Trend begründet, indem er darauf verzichtet, schon in der Eröffnung die Weichen auf Sieg zu stellen. Er möchte vielmehr durch ein breites und stets wechselndes Repertoire undurchsichtig erscheinen, so daß der Gegner sich nicht auf ihn vorbereiten kann, und Carlsen vermeidet ausanalysierte Hauptvarianten. In den im Mittelspiel entstandenen ausgeglichenen Stellungen soll dann „einfach Schach gespielt“ werden, wo derjenige sich durchsetzt, welcher der bessere Spieler ist. Carlsen legt dabei viel Wert auf Mittelspiel und Endspiel und bemüht sich bis zum Ende, den Gegner unter Druck zu setzen. Durch die Vermeidung von allzu viel Beschäftigung mit der Eröffnungstheorie spart er Zeit, um sich mit Problemen aus Mittelspiel und Endspiel auseinanderzusetzen.Sein großer "Vorkämpfer" Garri Kasparov verfocht hier einen ganz anderen Ansatz. Zwar kämpfte auch ein Kasparov stets bis zum bitteren Ende. Er legte aber gerade auf die Eröffnungstheorie sehr viel Wert und war in diesem Punkt ein moderner Botwinnik. Ein Aphorismus zur Weiterentwicklung von Botwinnik zu Kasparov lautet: Botwinnik gewann durch Neuerungen im 10. Zug, Kasparov durch Neuerungen im 20. Zug. Durch sein wissenschaftliches Arbeiten an Eröffnungssystemen und begünstigt durch ein außergewöhnliches Gedächtnis und hohen Abstraktionsfähigkeiten, kam Kasparov oft schon in der Eröffnungsphase in Vorteil und zu schönen, schnellen Siegen.Diese unterschiedliche Herangehensweise der beiden Weltmeister liegt an unterschiedlichen Schachphilosophien und könnte auch mit unterschiedlichen Stärken und Vorlieben zusammenhängen. Magnus Carlsen hat das schon 2010 wie folgt [URL="http://www.tagesanzeiger.ch/23702100/print.html"]auf den Punkt[/URL] gebracht:[QUOTE] Was unsere Spielstärke betrifft, sind wir ja nicht weit auseinander. Es gibt viele Dinge, die ich besser kann als er. Und umgekehrt. Kasparow kann mehr Varianten berechnen, dafür ist meine Intuition besser. Er hat jede Menge unverbrauchte Ideen für Eröffnungen. Er spürt, in welcher Stimmung die Gegner sind, wie sie eine Partie beginnen werden. Das kann ich nicht.» [/QUOTE]Welche Herangehensweise sagt euch persönlich mehr zu? Mir selbst sagt die Herangehensweise von Kasparov mehr zu, weil ich schnelle Start-und-Ziel-Siege schätze. Zudem bin ich der Ansicht, daß man durch Auseinandersetzung mit Eröffnungstheorie automatisch sein Schachverständnis schult und alleine aus der Eröffnungsphase einiges herausholen kann.

Beitrag von ToBeFree

Das sehe ich auch so - wenn man sich in der Eröffnung gut auskennt, ist der Rest der Partie deutlich leichter zu spielen. Wenn man die Eröffnungen, die man spielt, wirklich gut beherrscht, kommt man zumindest auf meinem Spielniveau auch oft mit einem gewissen Vorteil ins Mittelspiel, den man dann nutzen kann.

Beitrag von DailyChess

Also mir sagt Carlsens Ansatz eher zu :) ganz einfach. Breites Repertoire, dabei "Drückervarianten" und ein solides Schwarzrep.

Beitrag von Zapp Brannigan

Es ist ja nicht so, dass Carlsen seine eröffnungen nicht beherrscht. Er spielt halt einfach eröffnungen wo es um ix scharfe varianten geht sondern um das verständnis der entstandenen positionen. Carlsen ist wohl z.bsp. der welt-beste spieler im d3-spanier.

Beitrag von Kiffing

Du erwähnst es ja selber, spanisch mit 4. d3. Das ist eben alles andere als eine Eröffnung, wo man von Anfang an auf Vorteil spielt. Nach Carlsen soll sich der Vorteil erst im Mittelspiel in spielbaren Positionen entwickeln, und darin unterscheidet er sich von Kasparov fundamental. Was natürlich nicht heißt, daß Carlsen nicht auch in der Eröffnung einen Vorteil mitnehmen würde, wenn der Gegner, obwohl kaum unter Druck gesetzt, patzt. ;)