Schachburg-Archiv: Benutzerthema „ungenaue Weitsicht gegen präzise Kurzsicht“

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Beitrag von hako

Bei der Berechnung von Varianten ist mir letztens aufgefallen, dass ich zwar fast mühelos forcierte Abtäusche über 5 bis 7 Züge erkennen kann, jedoch mich gewaltig verrechne, sobald es einige unforchierte Züge gibt. Diese unforchierten Züge übersehe ich meist, da ich meine Variante für erzwungen halte. Zugegebener Weise ist das regelmäßig auch der Fall und besonders schwächere Gegner kann ich damit überrumpeln, da ich im Gegensatz zu ihnen sehe, dass ich bei diesem Abtausch Material gewinne oder Material verlieren würde (bzw. es ein Matt gibt).Jedoch habe ich wohl ein kleines Problem Alternativen zu erkennen, d.h. ich sehe zwar eine lange Variante, aber die ganzen anderen Varianten und Möglichkeiten (und seien es nur 2 Züge) blende ich zum Teil einfach aus, oder besser gesagt nehme sie gar nicht wahr.So gesehen bin ich also mehr "ungenau Weitsichtig" als "präzise Kurzsichtig". Wie schätzt ihr euch selber ein?

Beitrag von zugzwang

Denke mal, ganz allgemein "zuwenigsichtig".Wo Weitsicht nötig ist, bleibt der Blick schon an der ersten Hügelkette hängen.Bei der Kurzsicht fehlt der Blick für das wesentliche Detail.Zielstellung kann imo nur lauten: Die Wenigsichtigkeit zur deutlich präziseren Kurzsichtigkeit im 1-2-Züger-Bereich zu verbessern.Für die in DWZ gemessene Schachspielstärke liegen in diesem Bereich 100-200 Punkte verbuddelt.

Beitrag von hako

Ich denke eher da liegen wir konkret bei DWZ-Punkten zwischen 800 und 1000 DWZ. 1-2-Zug-Aufgaben sind ein gutes Basis-Training für Anfänger, um ihnen die taktischen Motive zu vermitteln und einzuüben.Bei 3-Zug-Aufgaben wird es dann interessant. Ab dort gibt es die Aufgaben in zahlreichen Schwierigkeitsstufen und eignen sich daher vermutlich für jede Spielstärke.

Beitrag von zugzwang

[QUOTE=hako;18845]Ich denke eher da liegen wir konkret bei DWZ-Punkten zwischen 800 und 1000 DWZ. 1-2-Zug-Aufgaben sind ein gutes Basis-Training für Anfänger, um ihnen die taktischen Motive zu vermitteln und einzuüben...[/QUOTE]1-2 Züger eignen sich für alle Spielstärken!Tal und wohl auch Keres lösten auch die "Kinderaufgaben".Warum? Das siehst Du z. B. hier:[url]http://www.schachburg.de/threads/1177-Finde-das-Osterei[/url]!Ein weiteres Beispiel:[Event "London"][Site "?"][Date "1984.??.??"][Round "?"][White "NN"][Black "NN"][Result "*"][SetUp "1"][FEN "3r2k1/5ppp/pprppb2/2n5/2P5/BP1N2P1/P2RPP1P/3R2K1 b - - 0 22"][EventDate "1984.??.??"]22... Kf8 23. g4 1. Frage: Was ist zu folgendem Spielausschnitt anzumerken?2. Frage: Wer waren die beiden Protagonisten?

Beitrag von hako

[QUOTE=zugzwang;18882]1-2 Züger eignen sich für alle Spielstärken![/QUOTE]Ich glaube wir zwei verstehen darunter zwei andere Dinge. Mit 1-2-Züger meine ich, dass die Kombi ab da vollstänig zuende ist (Matt oder Materialgewinn abgeschlossen). Du verstehst anscheinend darunter, dass die Kombi ab da gelöst ist und nur noch ausgespielt werden muss. So ist bei deiner ersten Aufgabe in dem Oster-Thread nach dem zweiten Zug von Weiß die Kombi gelöst (2-Züger). Der Materialgewinn ist nicht zu verhindern. Aber der Materialgewinn erfolgt erst in Zug 3 (3-Züger). Bei Aufgabe 2 ist das genau so. Ohne das Damenopfer ist Schwarz erst 3 Zügen Matt (also ein 3-Züger). Die Kombi ist aber vorher schon eindeutig gelöst und muss nur noch zuende gespielt werden.Wenn ich damit richtig liege, was du und was ich uns 1-2-Züger verstehen, stimme ich dir zu, dass 1-2-Züger ein gutes Training sind :)Zur Stellung, Frage 1:[SPOILER]Kurz und knapp: Ich konnte nichts entdecken.Sowohl 22. .. Ne4, als auch 22. .. Bc3 sehen nett aus, bringen aber taktisch nichts.23.Nxc5 bxc5 funktioniert nicht, da der Läufer nicht auf c5 schlagen kann. 23.b4 kann nicht gut sein[/SPOILER]Zur Frage 2: Da fragst du den Falschen. :)

Beitrag von zugzwang

[QUOTE=hako;18889]Ich glaube wir zwei verstehen darunter zwei andere Dinge. Mit 1-2-Züger meine ich, dass die Kombi ab da vollstänig zuende ist (Matt oder Materialgewinn abgeschlossen). Du verstehst anscheinend darunter, dass die Kombi ab da gelöst ist und nur noch ausgespielt werden muss....[/QUOTE]Gut, daß Du es ansprichst. Über die gewisse Unschärfe bei 1-2-Zügern hatte ich mir aufgrund Deines vorvorigen Postings auch schon Gedanken gemacht.Es ist tatsächlich so, daß mit wachsender Spielstärke etwas als 1-2-Züger angesehen wird, was bei noch nicht so starken Spielern ein Vielzüger mit Bewertungsunsicherheit darstellt.Trotzdem gibt es etliche lehrreiche Fälle, in denen selbst stärkste Spieler an 1-2 Züger "scheitern". Natürlich aus etwas anderen Gründen, aber auch auf dem gemeinsamen Grund, daß sie "etwas" eben gar nicht auf dem Bildschirm hatten.Hierzu auch mein obiges Beispiel.Der Zug 22. ... verdient ein ?, weil er einen Kleinzüger zuläßt - übrigens keine Kombination - und 23. g4 erhält ein ?, weil die Gelegenheit nicht ergriffen wurde.[SPOILER]Weiß konnte einen Bauern gewinnen.[/SPOILER]Die Partie endete nach 2 weiteren Zügen remis!Es saßen sich in [SPOILER]London 1984[/SPOILER] zwei der stärksten Spieler dieser Jahre gegenüber, [SPOILER]die im gleichen Jahr im prestigeträchtigen kampf UdSSR-Welt sich am 1. Brett duellierten.[/SPOILER]Anmerkung: Mit Positionssuche in großen Datenbanken erhält man häufig die gespielte Partie zu einer gegebenen Stellung. Bei der "Firma" muß man darauf achten, daß man die Variablen Erster, Länge, Letzter richtig wählt.Ich empfehle 1, 1, 50. Damit erhält man eine gute Trefferquote.

Beitrag von hako

Diese etlichen Fehler kenne ich von mir nur zu gut :)Zur Aufgabe: [SPOILER]23.Nb4 für einfach denkende[/SPOILER]

Beitrag von zugzwang

Genau, hako.Weiß sammelt ganz ohne Kombination einen Bauern ein und auf Schwarz wartet dann eine quälende Verteidigung.Nicht ohne Grund sagte auch Botwinnik wohl einmal, daß er seine 1-2-Züger wieder verbessern müßte.Mal sehen, ob jemand herausbekommt, wer die beiden Protagonisten dieses Beispiels sind.

Beitrag von zugzwang

Zur Bedeutung der Kurzzüger ein weiteres Beispiel.[Event "?"][Site "?"][Date "1993.??.??"][White "NN"][Black "NN"][SetUp "1"][FEN "2r1r1k1/1b3ppp/3b1n2/2Pp2q1/p2B4/P4P2/1R3QPP/3R1B1K w - - 0 31"][PlyCount "6"]31. cxd6 Ba8 32. Qg3 32... Qxg3 33. hxg3 Re6 1-0Was ist zu diesem Spielausschnitt anzumerken.Informationen über etwaige Zeitnot liegen mir leider nicht vor.Ergebnisverbesserung und Qualität des eigenen Schachs hängen wesentlich von der Quote im Nahkampf-Kurzzüger-Bereich ab! :v:

Beitrag von zugzwang

Der Kurzzüger-Bereich ist eine Domäne von Dr. Ängie Leidt. Sie errötet schneller, als man hinsehen kann.Während die aktuellen und künftigen Schach-Heroen schwerwiegende strategische Problem wälzen, geht bei ihnen durchaus mal taktische Kurzsicht um.Anatoli Karpov verlor im Turnier zu Caracas 1970 2 Partien, was bei 8 Gewinnpartien und 7 Remisen zum 4.-6. Platz und der GM-Norm reichte.Die Verlustpartie gegen Ivkov habe ich in einem anderen Thread eingestellt und im Rahmen von Eröffnungsarbeiten bin ich über die andere Partie gestolpert.Sein Gegner Lubomir Kavalek war damals schon ein bekanntes Kaliber, während Tolja erst noch durchstarten sollte.Die Partie selbst ist nicht so spektakulär wie die Ivkov-Partie, doch gut geeignet für diese Rubrik der taktischen Kurzsicht beiderseits.Stellungsbild mit Schwarz (Karpov) am Zug:[FEN=zz10.1]3rrq1k/3n1ppp/p1n1b3/1p2pN2/2p1P3/2P1BQ1P/PPB2PP1/R3R1K1 b - - 0 22[/FEN]Im Hinblick auf die d-Linie und das Feld d3 zog Karpov hier strategisch 22. ... Sc5 und Kavalek anwortete 23. Ted1.Welche kleine Taktik übersahen beide Spieler?In den Informatoranalysen gibt Kavalek die Verbesserung bereits an, mit der er sich die Arbeit deutlich erleichtert hätte.