Es gibt vor allem in Frankreich eine Berufsgruppe, die Graphologen. Diese versuchen anhand der Handschrift die Persönlichkeit des Schreibers herauszufinden. Graphologen sind durchaus gefragt. So engagieren Firmen Graphologen. Sie bitten etwa die Bewerber, ihren Lebenslauf handschriftlich auszufüllen und geben diesen dann dem Graphologen zur Beurteilung. Natürlich sind Firmen daran interessiert, vor allem Personen bei sich einzustellen, welche über die gewünschten Persönlichkeitsmerkmale verfügen und unerwünschte nicht und vor allem nicht ausgeprägt haben. Doch ist das auch beim Schach so? Kann man auch beim Schach die Persönlichkeit anhand der gespielten Züge heraus erkennen?Schach übt auf viele Menschen vor allem deswegen so einen Zauber aus, weil das Spiel als Spiegelbild der eigenen Persönlichkeit gilt, als Projezierfläche des Geistes, als Ausdrucksform von Charakter. Viele Menschen, übrigens auch viele starken Schachspieler selber wie z. B. Garry Kasparov, haben sich bereits mit dieser These auseinandergesetzt. Kasparov etwa ist der Meinung, daß sich die menschliche Persönlichkeit in seinem Spiel widerspiegelt. Auch die Bewertung des Schachspiels als metaphysischen Dialog, ist interessant. Wir möchten nun der Eingangsfrage in diesem Diskussionsthread nachgehen. Natürlich ist Schach in erster Linie ein logisches Spiel. In vielen (aber in weniger als man vielleicht denkt) Spielsituationen gibt es nur eine eindeutige beste Lösung. Dies ist vor allem in taktischen Stellungen gegeben. Aber viele Stellungen sind gar nicht so eindeutig, da obliegt es jedem Spieler selbst, welchen Weg er einzuschlagen gedenkt. Spielt er umsichtig, gar vorsichtig, verstärkt er erst einmal seine Stellung, sieht er Drohungen, die evtl. gar nicht existieren, oder geht er direkt mit Feuer und Schwert auf den gegnerischen Monarchen los? Grundsätzlich bietet Schach dem Spieler also einen weitreichenden Entscheidungsspielraum, welche Züge er spielt. Und die gespielten Züge sind von Stimmungen und Grundstrategien abhängig, also von Bereichen, die eindeutig der menschlichen Persönlichkeit zugeordnet sind. Diese psychologische Charakterisierung unseres Spiels ist auch durch die Wahl unseres Eröffnungssystems gegeben.Nun könne man einwenden, es habe in der Schachgeschichte immer wieder Spielertypen gegeben, deren Schachstil so ziemlich das Gegenteil dessen war, was man von ihm erwartete. So war der Romantiker Adolf Anderssen etwa auf dem Spielfeld ein verwegener Ritter, der immer den Angriff und taktisch komplizierte Stellungen gesucht hatte. Als Mensch war Anderssen dagegen ein Gentleman durch und durch, ein höflicher, bescheidener und allgemein anerkannter und respektierter Spieler. Der Engländer Howard Staunton dagegen war Anhänger eines ruhigen, umsichtigen und positionellen Stils und spielte damals sozusagen gegen den Zeitgeist. Privat soll er dagegen oft arrogant aufgetreten sein. Despektierliche Äußerungen gegenüber seinen Kollegen sind belegt.Diesem empirischen Argument kann allerdings damit begegnet werden, daß sich die eigene Persönlichkeit nicht nur darin äußern kann, was wir tun, sondern auch, was wir nicht tun. So ist es bspw. möglich, daß wir im sozialen Rahmen bestimmte Persönlichkeitsmerkmale zurückhalten, um Sanktionierung der Gesellschaft zu vermeiden, weil wir uns derer schämen oder weil wir nicht aus unserer anerzogenen Haut können. Auf dem Schachfeld dagegen besteht diese Sanktionierung aber nicht, da kann ein jeder sich austoben. Und es ist in der Psychologie wirklich so, daß wir Merkmale, die wir lange zurückgehalten haben, in Situationen besonders ausleben, wo wir es nun dürfen. Schließlich üben ganz besonders Dinge, die verboten sind, einen Reiz auf uns aus, einen weitaus größeren Reiz, als der Gegenstand unserer Begierde es eigentlich verdient bzw. ihm angemessen wäre.Doch wie seht ihr das so? Wie stark spiegelt sich in unserem Stil unsere Persönlichkeit wider?
Beitrag von hako
Wie stark unser Stil Aufschluss über uns selbst gibt, hängt sehr stark von der Person ab. Wir sind durchaus in der Lage uns so zu verstellen, dass unsere Persönlichkeit nicht zum Vorschein kommt. Ich kann hierzu nur jedem das Buch "Im Schatten der Wächter" empfehlen. Darin geht es um einen Jungen, der an der alten Schule diskriminiert wurde und dann die Schule wechselte. Dort verhält er sich als der coole Typ und kommt damit in die Gruppe "Die Wächter", die die Mitschüler diskriminieren. Das ganze Buch durch muss der Junge ständig seine "Maske" wechseln und verhält sich jeder Gruppe/Person über anders. Sein wahres Gesicht, der Vernünftige und Schüchterne, kommt nur zuhause zum Vorschein. Letztendlich kann er das nicht ewig durchhalten, aber es verdeutlicht, dass sich jeder Mensch ständig seine "Maske" wechselt und das auch bewusst steuern kann. Aus diesem Grund hab ich "teils, Teils" angeklickt.