[IMG][Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://i.imgur.com/KI1EGWn.jpg". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "https://i.imgur.com/KI1EGWn.jpg" versehen. Aus urheberrechtlichen Gründen ist es möglicherweise erforderlich, diesen Hinweis beizubehalten, da manche Benutzer die Quelle ihrer Zitate von anderen Internetseiten so gekennzeichnet haben. Dieser Hinweis wurde automatisch an Stelle des früheren Links platziert. Falls der Link unangemessen oder ohnehin unerreichbar geworden ist, kann die im Impressum genannte Adresse mit einer Bitte um Entfernung kontaktiert werden.][/IMG]Ich erinnere mich an eine Geschichte aus Lucky Luke, wo die Daltons im Wilden Westen einen Boxkampf zwischen ihrem kleinsten Bruder Joe und ihrem größten Bruder Averell veranstalteten. Wegen des beträchtlichen Größenunterschieds der beiden Kämpfer, die offiziell natürlich nicht als Brüder auftreten sollten, setzte natürlich jeder Zuschauer auf den großen Averell. Doch abgesprochen war natürlich, daß Joe Averell schlagen sollte. Doch der dumme Averell funkte mal wieder dazwischen. Er hatte offensichtlich den Sinn der Absprache nicht verstanden und wollte während des Kampfes Joe besiegen, um nicht immer der Depp der Familie zu sein. Der Schiedsrichter, natürlich ebenfalls ein Dalton-Bruder, erklärte am Ende Joe zum Sieger, obwohl dieser bereits KO geschlagen wurde. So flog der Sportbetrug natürlich auf und die erbosten Zuschauer schlugen die ganze Arena mitsamt den Betrügern kurz und klein.An diese Geschichte, obwohl ich sie vor nun schon fast 25 Jahren gelesen hatte, mußte ich mich erinnern, als ich das Kapitel „Der interplanetarische Schachkonkreß“ in der Gaunerkomödie „[URL="http://de.wikipedia.org/wiki/Zw%C3%B6lf_St%C3%BChle"]Zwölf Stühle[/URL]“ aus der Sowjetunion 1928 von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow las. Im Prinzip reiht sie sich ein in die Schachkomödie „[URL="http://www.schachburg.de/threads/303-Schachfieber"]Schachfieber[/URL]“, wo der zügige Ausbau der Schachstrukturen vonseiten des jungen sowjetischen Staats und die überhöhte Bedeutung, die dem Denksport vonseiten der KPdSU zugemessen wurde, karikiert wird. „Zwölf Stühle“ ist dabei eine herrliche Satire, in der es vor geistreichen Pointen und Grotesken nur so wimmelt. Im Prinzip geht es in „Zwölf Stühle“ um zwei Kriminelle, die im ganzen Land nach zwölf Stühlen suchen, in denen wertvolle Brillanten drin versteckt sind. Einen von beiden hatten die zwölf Stühle sogar mal gehört. Sie wurden ihm als früheren Gutsbesitzer aber enteignet, und er mußte in die entlegene „Kreisstadt N“ flüchten und ein nun bescheideneres Leben als Standesbeamter führen. Auf der Suche nach den zwölf Stühlen erleben sie allerhand und müssen sich immer wieder den verschiedensten Schwierigkeiten stellen, um an diese Stühle heranzukommen. Um an Geld zu kommen, geben sie einmal eine große Schach-Simultanveranstaltung in „Wasjuki“, einem heruntergekommenen Provinznest, das überwiegend von seiner Kartonagenfabrik lebt, die 320 Arbeiter beschäftigt. Einer der beiden Banditen gibt sich dabei als Großmeister aus.Um der hiesigen Schachsektion den Kampf schmackhaft zu machen, wurde dieser dabei allerhand versprochen. Zunächst wurde das Schach und die Bedeutung, die das Schach für die ganze Stadt haben könnte, in den leuchtendsten Farben geschildert:[QUOTE]“Schach!“ sagte Bender, „Wissen Sie, was das ist? Schach bringt nicht nur die Kultur voran, sondern auch die Wirtschaft! Wissen Sie, daß der „Schachclub der vier Springer“, wenn Sie es geschickt anstellen, die Stadt Wasjuki völlig umkrempeln kann?“[...] „Ja!“, rief er. „Schach bereichert das Land! Wenn Sie meinem Projekt zustimmen, werden Sie auf Marmortreppen von der Stadt zum Hafen hinunterschreiten! Wasjuki wird die Hauptstadt von zehn Gouvernements! Was haben Sie früher von Semmering gehört? Nichts! Doch jetzt ist das Städtchen reich und berühmt, nur weil dort ein internationales Turnier abgehalten wurde. Darum sage ich: Wasjuki braucht ein internationales Schachturnier!“[/QUOTE]Ilja Ilf, Jewgeni Petrow, Zwölf Stühle, Sammlung Luchterhand, 2003, S. 400Bei den Folgen für Wasjuki durch den geplanten Simultan-Kampf und damit durch den Beginn Wasjuki in eine Schach-Stadt zu verwandeln, die „GM Bender“ beschrieb, war es nun ein Leichtes, die Zustimmung von dem Wasjukier Schachkonkreß zu bekommen. Denn wer könnte da widerstehen?[QUOTE]“ [...] Zu dem Turnier der Weltmeister werden Schachliebhaber aus der ganzen Welt anreisen. Hunderttausende reich mit Geld versehene Menschen werden nach Wasjuki strömen. Die Flußschifffahrt wird eine solche Menschenmenge nicht befördern können. Also muß der Volkskommissar für Verkehrswesen eine Bahnstrecke Moskau-Wasjuki bauen lassen. Das zum ersten. Punkt zwei sind die Hotels und Wolkenkratzer für die Unterbringung der Gäste. Punkt drei: Die Landwirtschaft wird sich in einem Radius von tausend Kilometern entfalten, denn die Gäste müssen versorgt werden mit Obst, Gemüse, Kaviar, Konfekt. Punkt vier der Palast, in dem das Turnier stattfinden wird. Punkt fünf der Bau von Garagen für die Besucherautos. Für die Übertragung der sensationellen Turnierergebnisse in alle Welt braucht Wasjuki einen Höchstleistungssender, das zum sechsten. Nun zur Eisenbahnstrecke Moskau-Wasjuki. Zweifellos wird ihre Umschlagkapazität nicht ausreichen, um alle Leute, die nach Wasjuki kommen wollen, zu befördern. Daraus ergibt sich der Bau des Flughafens Groß-Wasjuki, ein regelmäßiger Verkehr von Postflugzeugen und Luftschiffen in alle Ecken der Welt, einschließlich Los Angeles und Melbourne.“Blendende Perspektiven tun sich vor den Schachliebhabern von Wasjuki auf. Das Zimmer wird weit. Die verrotteten Wände des Gestüts fallen in sich zusammen, und an ihrer Stelle reckt sich ein dreiunddreißiggeschossiger Schachpalast aus Glas in den blauen Himmel. In jedem seiner Säle, in jedem Zimmer, selbst in den blitzschnellen Aufzügen sitzen nachdenkliche Menschen und spielen Schach. Marmortreppen führen hinunter zur blauen Wolga. Am Ufer haben Ozeandampfer festgemacht. In Drahtseilbahnen fahren pausbäckige Ausländer in die Stadt herauf: Schachladys, australische Anhänger der indischen Verteidigung, Hindus mit weißem Turban, die der spanischen Partie anhängen, Deutsche, Franzosen, Neuseeländer, Bewohner des Amazonasbeckens und natürlich Moskauer, Leningrader, Kiewer, Sibirier und Odessaer, alle voller Neid auf die Bewohner von Wasjuki. Autos bewegen sich wie am Fließband zwischen den marmornen Hotels [/QUOTE] Ebd. S. 401f.Nach weiteren großzügigen Beschreibungen, wie die Weltstars des Schachhimmels, z. B. Capablanca und Lasker, in Wasjuki eintreffen und triumphal von Wasjuki empfangen werden, wird der Stadt Wasjuki gar der Hauptstadtstatus verliehen und Wasjuki wird die eleganteste Hauptstadt der Welt. Doch das ist noch nicht alles:[QUOTE]“Ja! Und künftig auch des Weltalls! Die Schachidee, die eine Kreisstadt in die Hauptstadt des Erdballs verwandelt hat, wird zur angewandten Wissenschaft werden und Methoden interplanetarischer Kommunikation erfinden. Von Wasjuki werden Signale zum Mars, Jupiter und Neptun fliegen. Der Verkehr mit der Venus wird genauso einfach sein wie eine Dampferfahrt von Rybinsk nach Jaroslawl. Und wer weiß, vielleicht findet sich so in acht Jahren in Wasjuki das in der Geschichte des Universums erste interplanetarische Schachturnier statt.“[/QUOTE]Ebd. S. 404f.Am Ende gab „GM Bender“ seine erste Simultanveranstaltung. Natürlich verlor er am Ende alle dreißig Partien. Aber den beiden Scharlatanen erging es am Ende nicht wie den Daltons, denn nach gewaltigen Schwierigkeiten gelang die geplante Flucht, sogar mit der Kasse.Bevor Josef Stalin um 1934 herum nach dem Kirow-Prozeß seine Macht absolut gefestigt hatte, war es noch möglich, satirische Literatur zu verfassen, ohne sich gleich in Lebensgefahr zu begeben. Wer sich an dieser Stelle für Satire aus der jungen Sowjetunion interessiert, dem empfehle ich auch „Der Meister und Margarita“ des großen Satirikers Michail Bulgakow, ein Werk, das immer wieder gerne mit Goethes Faust vergleichen wird, und wo der Teufel in Moskau auftaucht...