Bei dem im übrigen insgesamt sehr interessanten und lesenswerten Artikel der Stuttgarter Nachrichten, die über die kommende Schach-WM zwischen Anand und Carlsen berichtet, fiel mir ein [URL="http://www.chessbase.de/post/das-spiel-der-spiele-041113"]Absatz[/URL] (Seite 3) auf, der auf dem ersten Blick erschreckend klingt, aber durchaus Raum für weitergehende Diskussionen bietet. Diese Diskussion ist deswegen so interessant, weil sie etwas in den Fokus rückt, was für uns Schachspieler von allergrößtem Interesse sein dürfte: die Veränderung des Schachs durch die Computer.Hier also das Blockzitat:[QUOTE] Damals wurden überlange Partien unterbrochen. Dann schlugen sich die Sekundanten mit ihren Schützlingen Nächte um die Ohren, und die Kibitze taten es auch. Im Computerzeitalter ist das gar nicht mehr möglich, weil die beste Fortsetzung nur einen Knopfdruck und einige Sekunden entfernt für alle sichtbar auf dem Schirm aufleuchtet. Das heutige Schach ist technischer. An der stahlharten Logik der Maschinen zerschellt der Traum vom schönen Zug. Es geht nicht um Ästhetik, sondern um Effektivität. Anand kannte es zumindest noch anders – Carlsen nicht. Mit der Niederlage des Inders ginge eine Welt unter, die noch Platz für Romantik im Schach hatte. In Ansätzen wenigstens. Aber daher die Melancholie. [/QUOTE]Sicher weiß ich darum Bescheid, daß das Neue in praktisch jeder Entwicklungsphase auf Enthusiasten und Kritiker stößt. Daß man diese Neuerungen auch positiv sehen kann, wird im selben Artikel erwähnt. Ich erinnere mich z. B., wie Milan Vidmar bereits die „gute alte Zeit“ mit den Heerscharen an Sekundanten bereits sehr kritisch sah. Und während diese schachliche Epoche für den Autoren des Artikels als „gute alte Zeit“ aufgefaßt werden könnte, sah Milan Vidmar in ihr ein völlig neues Übel mit durchaus zerstörerischer Wirkung. „Ist das heutige hohe Schach krank?“, fragte er 1960 plakativ und legte, seine Meinung mit Zitaten anderer verzweifelter Meister untermauernd, ausführlich dar, wie u. a. die „Sekundantenseuche“ das schöne Spiel Schach kaputt mache und zu einem Gerechtigkeitsgefälle führe, weil es Spieler gebe (vor allem die Spieler aus der UdSSR), die in den Abbruchsstellungen über hervorragende Sekundanten verfügen, die ihnen in der Abbruchsstellung möglicherweise entscheidend weiterhelfen könnten. Diese Kritik ist sicherlich wahr, und unter ihr hat auch Milan Vidmar in späteren Jahren sehr gelitten. Er war eben kein protegierter Spieler aus der UdSSR, sondern auf sich alleine gestellt: [QUOTE]Ich will mich nicht dem Vorwurf aussetzen, daß ich ein Nörgler geworden bin, seit mich meine Jahre gezwungen haben, das Turnierspielen endgültig aufzugeben. Das Recht steht mir zweifellos zu festzustellen, daß ich während meiner Betätigung in internationalen Turnieren nie einen Sekundanten in Anspruch genommen (Hervorhebung durch Vidmar), auch nie die tätige Mitwirkung eines anderen starken Spielers an meinen Turnierpartien gewünscht habe. Ich gebe aber zu, daß ich abgebrochene Partien zu analysieren anfing, als ich sah, daß es alle meine Rivalen tun, aber ich analysierte immer allein.[/QUOTE]Milan Vidmar, Goldene Schachzeiten, Walter de Gruyter&co, Berlin 1961, S. 249Im Prinzip ist es derselbe Grund, der in wesentlich späteren Zeiten zur Abschaffung der Hängepartien geführt hatte. Das, was die Computer später erzwangen, nämlich die Abschaffung der Hängepartien aufgrund der sehr tief gehenden Analysemöglichkeit abgebrochener Partien, hatte sich durch die Sekundanten schon angebahnt: die Einflußnahme anderer (ob Mensch, oder Maschine) in eine eigene Schachpartie. Ob etwas als neu oder alt gilt, hängt also immer von der Perspektive ab. Als die ersten Dampflokomotiven durch die Gegend fuhren, witterten Zeitgenossen in ihnen Teufelszeug. Sie beklagten die Luftverschmutzung, fürchteten, der Mensch sei nicht in der Lage, solche „unnatürlichen“ Geschwindigkeiten zu ertragen, befürchtete den Verlust althergebrachter Lebensumstände, während wir heute nostalgisch auf das Zeitalter der Dampflokomotiven zurückblicken und schon längst auf die ultramodernen Transrapids blicken. Das Schach hat sich immer fortentwickelt, und ich meine, daß die Computer dabei weniger als Zerstörer, als vielmehr als beschleunigende Transmissionsriemen dieser Entwicklung fungieren. Daran, daß sie die Magie im Schach zerstören, glaube ich nicht. Denn dafür ist das Schach zu komplex, als daß ein Mensch danach streben sollte zu denken wie eine Maschine. Heute wissen wir längst, daß wir Menschen andere Qualitäten haben als eine Engine, und daß wir diese bei unserem Spiel in die Waagschale werfen sollten. Denn aufgrund der Komplexität des Schachs wird auch die Schule der Genialität immer wieder auch gegen sehr starke Spieler mit ausgeklügelten Ideen Treffer landen können, die nicht von der Engine anerkannt werden. Die Schule der Genialität wird somit immer neben der Schule der Perfektion bestehen. Und allen Computern zum Trotz ist das Schachspiel heute wesentlich dynamischer, flexibler und auch angriffslustiger geworden als in den Zeiten der Modernen um Steinitz und Tarrasch.