Wenn man nach einem Roman fragt, der mit Schach zu tun hat, dann fällt einem natürlich in erster Linie die Schachnovelle von Stefan Zweig ein. Und auch ich habe sie gelesen.Selbstverständlich war auch ich von der Schönheit der Sprache in diesem Buch fasziniert, und mir gefiel die auch aus historischer Sicht interessante Handlung. Was mir an Zweigs Buch aber auffiel, war die nach meinem Empfinden unrealistische Darstellung des Schachweltmeisters Mirko Czentovic, der durchgängig als dumpf und geistig schwerfällig u. ä. beschrieben wurde, unfähig den Geist von Bildung zu erfassen. Salopp kann man sagen, daß er bodenlos dumm war.Gut, jetzt sind wir wieder bei der Korrelation von Schach und Intelligenz. Aber meiner Meinung nach kann ein dergestalt strukturierter Mensch nicht Weltmeister werden. Wenn ich an herausragende Schachspieler denke, dann habe ich eher Leute wie Robert Hübner oder John Nunn im Kopf, die auch abseits des Bretts zu Erstaunlichstem fähig sind. Das Spiel erfordert einfach zu viel geistige Flexibilität, als daß so ein hohler Stumpf wie der fiktive Mirko Czentovic Weltmeister werden könnte.Habt ihr das Buch auch gelesen, das immerhin zur Weltliteratur gehört? Und wie habt ihr Mirko Czentovic so empfunden? Traut ihr das so einem zu, auch Weltmeister im Schach werden zu können?
Beitrag von Maschendrahtzaun
Ich habe die Schachnovelle auch gelesen, und zwar im Buchladen, denn nach einer kleinen Einlesephase war ich schon halb durch, und dann wollte ich mirs auch nicht mehr kaufen...:D.Meiner Meinung nach sollte man sich freuen, dass Schach überhaupt Eingang in die Literatur findet.Der Charakter Czentovic ist sicher nicht besonders vorteilhaft, auf der anderen Seite kenne ich einige Schachspieler, auf die der Charakter Czentovic sehr gut passen würde.Allerdings sind diese Spieler keine Weltmeister, FMs sind allerdings schon dabei.Liegt das jetzt daran, dass bessere Spieler nicht so sind oder liegt es vielleicht eher daran, dass wir keine Großmeister kennen? :)
Beitrag von zugzwang
Auch Nazis und andere Folterknechte waren oder sind manchmal sensibel.Die angewandte physische folter läßt bei manchen Folterknechten vielleicht ein paar Alpträume und ein drückendes Gewissen zurück. Bei psychischer Folter dürfte man als halbwegs stabiler Nazi oder Folterknecht dagegen den inneren Schweinehund weiter über das Sensibelchen siegen lassen.Nicht alle Nazischergen mochten oder konnten die realen Bilder ihrer Verbrechen betrachten, ohne sich übergeben zu müssen.
Beitrag von Kiffing
[url]http://adrian-gmelch.suite101.de/wenn-einen-das-schachfieber-packt--a95874[/url] sieht auch das oben von mir angesprochene Realitätsproblem des Mirko Czentovics:[QUOTE]Wie befürchtet wird das Schachspiel in der Novelle viel zu unrealistisch und unspektakulär geschildert (Patrick Süskind macht da in Drei Geschichten und eine Betrachtung genau das Gegenteil). Czentovic wird als einseitig begabt auf dem Gebiet des Schachs dargestellt (Er kann nicht mal einen Satz ohne Fehler schreiben.) Dies entspricht nicht der Realität, da die meisten guten Schachspieler vielseitig begabt sind[/QUOTE]Die Quelle schiebt das auf mangelnde Schachkenntnisse Zweigs, die auch belegt werden, so daß dieser nicht in der Lage gewesen sei, das Schach so zu verstehen, daß er in seiner Lektüre auch zu realistischen Darstellungen kommen könnte. In diesem Sinne problematisiert die Quelle noch weitere Widersprüche in den schachbezogenen Darstellungen des bekannten Werks.
Beitrag von sorim
Das ist häufig ein Problem womit Schach zu kämpfen hat, viele nicht Schachspieler halten die Schachspieler für Autisten.Dabei haben doch gerade im deutschsprachigen Bereich Helmut Pfleger und Vlastimil Hort so viel für die Öffentlichkeitsarbeit geleistet.Hätte der Zweig doch lieber so einen wie Vlastimil Hort als typischen Schachgroßmeiter genommen, vielleicht würde dann Schach im deutschsprachigen Raum einen besseren Stellenwert haben?
Beitrag von Kiffing
Ich finde eigentlich, daß die Schachspieler unter Nichtschachspielern eher einen guten Ruf haben. Die meiste Kritik an den Schachspielern kommt interessanterweise von den Schachspielern selber.