In diesem Thread soll es um die Frage gehen, welche Nationen in der Zukunft eine besondere Rolle im Schach spielen könnten. Wo ein bedeutendes Talent aufwächst, ist zwar immer zufällig, aber wie es gefördert wird, hängt mit den Strukturen in seinem Land zusammen. Wer als großes Schachtalent sich etwa im täglichen Überlebenskampf befindet, der wird vermutlich keinerlei Beziehung zu dem Königlichen Spiel aufbauen können. Er hat ganz andere Sorgen. Es gibt viele Faktoren, die es möglich machen können, daß eine Nation im Schachsport dominiert. Die Einwohnerzahl eines Landes steigert Dichte und Masse der guten Schachspieler natürlich signifikant. In Norwegen herrscht zwar seit Magnus Carlsen ein ungeheurer Schachboom. Er wird aber bei nur fünf Millionen Einwohnern nicht dahingehend kulminieren, daß Norwegen die größte Schachnation der Welt wird und im Schach eine vergleichbare Rolle spielen wird wie die Sowjetunion. Die Tradition eines Landes ist ferner wichtig, Rußland profitierte z. B. auch im 20. Jahrhundert noch stark vom Erbe Tschigorins, während in Deutschland Siegbert Tarrasch viel zur Popularisierung dieses Denksports beigetragen hatte.Die führende Rolle Rußlands im Schachsport hat seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nachgelassen. Zum einen ging viel an schachlicher Potenz an die nun selbständigen Peripherien verloren. Und zum anderen ist Schach in dem Land heute nicht mehr eine der sensibelsten Staatsangelegenheiten. Dieser schleichende Verlust an Hegemonie wird daran deutlich, daß viele erfolgreichen Spieler mit den stärksten russischen Schachspielern auf Augenhöhe konkurrieren können. Die aktuelle Schach-WM in Chennai war z. B. die erste Schach-WM seit 1921, wo kein Spieler aus den Ländern der früheren Sowjetunion beteiligt war. Daß die Begeisterung für das Schach in Rußland abgeklungen ist, belegt auch, daß laut einer Umfrage nur noch [URL="http://diepresse.com/home/sport/mehrsport/1480456/SchachWM_Das-Model-und-der-Tiger"]ein Drittel[/URL] aller Russen einmal im Monat Schach spielen, und das in einem Land, in dem der Legende nach jeder Taxifahrer kompetent in schachlichen Diskussionen mitreden könne. Rußland zehrt aber nach wie vor von seiner überragenden Potenz und wird von daher schachlich wohl noch sehr lange Zeit starke Großmeister hervorbringen. In Indien ist es dagegen schon die Hälfte der Bevölkerung, die mindestens einmal im Monat Schach spielt (ebd.). Das Schach ist also zurück zu seinen Wurzeln gekommen, und vieles spricht dafür, daß in dem bald bevölkerungsreichsten Land der Welt, das auch wirtschaftlich aufstrebend ist, bei gleichzeitig vorhandener Schach-Tradition und Schachbegeisterung, schachlich noch sehr viel zu erwarten ist. Vishy Anand hat gegen Magnus Carlsen seinen Weltmeistertitel verloren. Das dürfte genug Motivation darstellen, sich anzustrengen, daß der Weltmeistertitel wieder zurück nach Indien kommt. In Deutschland spricht wiederum vieles für weitergehende Solidität. China, das nach der wirtschaftlichen Öffnung seit Teng Hsiao-Ping zunehmend an Kapital gelangt, um auch sportlich immer nachhaltiger die Strukturen aufzubauen, dabei aber bei der Nachwuchsförderung oft umstrittene Methoden anwendet, die im Schach freilich weniger brutal sein dürften als etwa im Kunstturnen, ist aufgrund der Größe seiner Bevölkerung natürlich immer ein Kandidat. In den letzten Jahrzehnten hat sich China spürbar in allen möglichen Sportarten verbessert, bei der Sommer-Olympiade im eigenen Land 2008 erreichte China sogar erstmals Platz 1 im [URL="http://de.wikipedia.org/wiki/Medaillenspiegel_der_Olympischen_Sommerspiele_2008"]Medaillenspiegel[/URL]. Ein Problem ist allerdings, daß zur Kultur und Tradition in China eher das Chinesische Schach, also das Xiangqi gehört, so daß kaum davon auszugehen ist, daß der chinesische Staat ausgerechnet einem „Westimport“ eine ähnliche Bedeutung beimißt wie früher die Sowjetunion. Zudem verhindert eine gewisse Pragmatik des neuen Chinas orgiastische Investitionen in das Schach als kulturelles Wundermittel. Im Xiangqi dagegen ist China richtig gut, aber das ist wiederum eine ganz andere Sportart...Ich meine, daß das Schach in der Zukunft wesentlich heterogener sein wird als zu Zeiten des Kalten Kriegs. Eine alles dominierende Schachnation wird es nicht mehr geben, China und vor allem Indien dagegen werden eine immer größere Rolle im Schach spielen, während bei den kleineren Ländern neben teilweise traditionellen Schachhochburgen Europas wie Armenien, Aserbaidschan, Ungarn, Island, Norwegen oder die Niederlande in Zukunft viel aus Asien kommen wird, wo trotz eigener kultureller Schachvarianten das FIDE-Schach immer beliebter wird. Vietnam und die Philippinen seien etwa genannt, wo immer neue Talente aus dem Boden sprießen und spürbar an Spielstärke zunehmen. Der Philippine Wesley So galt lange Zeit als eventueller spätere WM-Aspriant, während bei Vietnam Le Quang Liem aus Saigon (Ho Chi Minh-Stadt) bereits ein Super-GM ist, und das spielstarke vietnamesische Nationalteam durch einen jungen Altersschnitt auffällt. Denkspiele haben auch in Asien eine große Tradition, die Spaß und Interesse der Menschen schon seit Jahrtausenden wecken. Der zu beobachtende Trend, daß das Schach globaler wird, wird weitergehen. Und wie er sich entwickelt, wird auch ein wenig vom Zufall abhängen. Denn wie wir aus zahlreichen Exempel wissen, kann ein nationaler Heros einen nationalen Schachboom auslösen, der in ganz besonderen Fällen global umspannend werden kann. Was sind eure Prognosen zu zukünftigen Schach-Nationen?
Beitrag von zugzwang
Mit China, Indien und auch Vietnam hast Du bereits aussichtsreiche Kandidaten genannt.China hat bei den Männern eigentlich schon seit Jahren Verspätung und Nachholbedarf.Ich habe ihnenn schon mehrmals eine Spitzenplatzierung zugetraut und ihr "Ranglistenplatz" hätte es auch hergegeben.Doch die kleinen gallisch-kaukasischen Schachkrieger in Verbund mit den Giganten Russland (hier mal Väterchen und nicht Mütterchen) und Ukraine haben es in Verbund mit Resteuropäern und Amis irgendwie geschafft, die chinesische Großmacht auszubremsen.Bei den Damen geben die Chinesinnen inzwischen seit Jahrzehnten den Ton an bzw. vor, auch wenn Russland und Georgien immer noch mithalten können und über allen noch Judit schwebt.Bei der Jugend gibt es etliche asiatische Medaillengewinner und Titelträger in den letzten Jahren.Interessant ist aber auch, wer nicht mehr "dabei" ist.Bei der letzten Team-EM in Polen fehlten, obwohl reisetechnisch nicht zu weit entfernt, 2 Schachländer mit Tradition:Estland und Lettland. Litauen war dabei.Gehen in der Heimat von Paul Keres, Jaan Ehlvest und Lembit Oll oder in der Heimat von Michail Tal und Alexei Shirov - (... Ārons Ņimcovičs, A. Naiditsch und D. Fridman haben dort auch gewisse "Wurzeln") die "Lichter" mal wieder an und bringen junge Supertalente hervor?Oder steht das Baltikum vor einem Sturz ins schachliche Niemandsland?Eine Nachnation, die sehr stark ist, aber noch auf den absoluten Durchbruch - auch in der allgemeinen Wahrnehmung - wartet, ist Polen.Wlodzimierz Schmidt wurde Polens 1. Großmeister (nach Fide-Regularien) und Hanna Erenska die 1. Großmeisterin.Und es hat eine Weile im neuzeitlichen Schach gedauert, bis die Titel verliehen wurden- 70er Jahre oder so.Seitdem hat Polen aber eine stattliche Riege von GM m/w hervorgebracht und es zählt insbesondere im Damenschach zur absoluten Weltspitze.Schachgeschichtlich hatte Polen aber bereits in der Frühzeit sehr, sehr starke Spieler, auch wenn die Zuordnung zur politischen Nation etwas unübersichtlich wegen der europäischen Geschichte des 19. und 20 Jahrhunderts ist (Kieseritzky, Zukertort, Janowsky, Rubinstein, Rotlewi, Tartakower, Najdorf).
Beitrag von Schlaffi
Ich weiss nicht, ob es in Zukunft noch "Schachnationen" geben wird.Es gibt ja auch keine "Dame, Muehle, Mensch-ärgere-Dich nicht" Nation.Soll heissen, dass die Bedeutung des Schachs noch weiter abnehmen wird, schon allein durch die Konkurrenz der Vielzahl neuer Freizeitbeschäftigungen.Das muss man nicht unbedingt negativ sehen. Kommerzielle Grausamkeiten am Schach werden einem dadurch erspart!
Beitrag von zugzwang
Wenn erstmal der Strom-Blackout eintritt, dann werden die Computerjunkies mit leeren Akkus es wieder zu schätzen wissen, daß man Skat, Doppelkopf, Mäxchen und sogar Schach ganz gut bei Kerzenschein spielen, sofern es noch Leute gibt, die Spielregeln und gehobene Spieltaktik beherrschen.Hallenhalma ist dagegen schon zu anspruchsvoll, das kennt niemand ...
Beitrag von Kiffing
@Schlaffi: eine Fundamentalkritik an Deiner Herleitung ist natürlich die, daß sich das Schach nicht in eine Gruppe mit Mensch ärgere Dich nicht, Dame oder Mühle einreiht. Die bekannten Argumente sind Komplexität, kultureller Bezug, Tradition, Literatur (in keiner Sportart gibt es mehr Bücher als über Schachthemen) oder Interesse. Von daher kann es natürlich keine Mensch-ärgere-Dich-nicht-Nationen geben, wohl aber Schachnationen, wenn man das Schachspiel, wie Dr. Edmund Bruns, als "Phänomen der Kulturgeschichte" begreift. In der Literatur wird ja auch unterschieden zwischen den beiden Polen Trivialliteratur und Belletristik, oder, noch besser, der Weltliteratur. Bei den Spielen gehört das Schachspiel demzufolge der Weltliteratur an. Die Flut an Informationen und Ablenkungsmöglichkeiten ist zwar in den letzten Jahrzehnten deutlich gestiegen. Aber gerade in dieser Zeit erfüllt das Schachspiel doch die Sehnsucht der Menschen nach Tiefe, Kontemplation und Konzentration. Es ist somit ein Gegenpol zum hektisch gewordenen Zeitgeist, wenn man um neuartige Phänomene wie Bullet oder Eintagesturniere mit DWZ-Auswertung einen großen Bogen macht.
Beitrag von Schlaffi
Kiffing, ich stimme Dir in allem voll zu.Mein Pessimismus gegenueber den heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen ("reich und beruehmt" werden statt "Bildung fuer Alle") hat leider zu einem uebertrieben polemischen Posting meinerseits gefuehrt. Neulich war in einer Arztpraxis (in Schweden) kaum was los. Ich wurde gefragt, ob ich mir denken könnte, warum nicht.Meine Antwort: "Weltmeisterschaft!"Antwoert: "Richtig"! "Wer spielt gegen wen?""Hä? Anand gegen Carlsson""Was meinst Du damit?"Dann wurde klar, dass Schweden-Portugal (?) gespielt hat, ich wurde nur bemitleidet und irgendwie befremdet angesehen. ("Ist ja eigentlich ein netter Kerl, aber doch ein komischer Vogel!")MfG
Beitrag von Kiffing
Solange man sich nicht mit Jadoube entschuldigt, wenn man jemanden versehentlich anrempelt, was einem Meister während eines Turniers tatsächlich mal [URL="http://bsw-wuppertal.de/index.php/geschichten-anekdoten-zitate"]passiert[/URL] ist, geht es ja noch. ;)