Man hört immer, wenn man noch nicht solange dabei ist und Schach lernen möchte, sollte man einen großen Bogen um den Eröffnungsbereich machen. Allenfalls wird eingestanden, daß man sich zumindest mit den Grundprinzipien der Eröffnungsbehandlung vertraut machen sollte.Interessant ist, daß dieses Werturteil auch von Großmeistern kommt, also von Spielern, die Schach professionell betreiben und den Großteil ihres Trainings mit Eröffnungen beschäftigt sind. John Watson hat es so beschrieben, daß Michail Botwinnik in puncto Eröffnungsbehandlung den anderen Spielern alle voraus war, weil er in der Lage war, durch eine Neuerung im 10. Zug zu gewinnen. Später schaffte dies Kasparov durch eine Neuerung im 20. Zug, so daß davon auszugehen ist, daß gerade im Eröffnungsbereich seit den 40er Jahren eine ungeheure Revolution stattgefunden hat, was Energie und Trainingsarbeit angeht. Varianten werden immer tiefer besprochen. Quod licet jovi, non licet bovi?Watson selbst stellt diese Argumentation in Frage, weil er ohnehin durch seine Ablehnung gegenüber allen Richtlinien, also auch den Eröffnungsgrundsätzen, der konkreten Variantenberechnung den Vorzug gibt. Ich habe da einen pragmatischeren Ansatz. Ich meine, daß das Schachtraining in jeder Trainingsphase ausgewogen sein sollte, daß also jemand, der Schach erlernen möchte, alles lernen sollte, von Eröffnungen, zu Mittelspielen, zu Endspielen, zur Strategie, zur Taktik und was es sonst noch so alles zu lernen gibt. Selbstverständlich sollte im Training vor allem da angesetzt werden, wo es gerade am meisten brennt, wo also noch Nachholbedarf vorherrscht. Nur so kann man seine Schwächen ausbügeln.Jedenfalls ist die Eröffnung ein unglaublich wichtiger Partieabschnitt, weil hier die Weichen für den zukünftigen Partieverlauf gestellt werden. Hier entscheidet sich quasi, welchen ungefähren Verlauf eine Partie nehmen kann. Und wer da schlecht aus den Startlöchern kommt oder gar schon in einer taktisch-forcierten Variante überrannt wird, weil er den einzigen richtigen Verteidigungszug weder kannte noch fand, hat schon einen gewaltigen Nachteil gegenüber dem Gegner, der offenbar gut aus der Eröffnung gekommen ist.Im übrigen trägt auch gutes Eröffnungswissen zum allgemeinen Schachverständnis bei. In der Schule ist es ja auch so, daß wir einzelne Sachverhalte lernen, damit wir nicht nur diese Sachverhalte kennenlernen, sondern uns durch den Zugang zu den Sachverhalten uns quasi die Arbeit mit den fachspezifischen Methoden aneignen. Wenn wir etwa in Soziologie das Milgram-Experiment untersuchen und interpretieren, dann lernen wir nicht nur das Milgram-Experiment mit all den damit verbundenen Folgen kennen, sondern wir lernen viel darüber, wie man ein sozialwissenschaftliches Experiment durchführt oder wie man es richtig interpretiert. Nun fällt es uns leichter, auch andere sozialwissenschaftlichen Experimente zu analysieren und zu interpretieren. Genauso ist es im Schach, wenn wir gelernt haben, uns in eine einzelne Variante zu vertiefen, dann fällt uns die Arbeit mit anderen Varianten umso leichter. Denn wir haben den Zugang zum Schach und seiner fachspezifischen wissenschaftlichen Methodik gefunden. Daher gilt mein Credo: auch Anfänger sollten keine Scheu vor konkreten Eröffnungssystemen haben! Früh übt sich, wer ein Meister werden will! :v:
Beitrag von ToBeFree
[QUOTE=Maschendrahtzaun;2073]In Ordnung, nehmen wir an, du kannst jetzt eine Variante.Allerdings nur diejenige, die nach 1.e4 e5 2.Lc4 entsteht.Schwarz kann ja alles mögliche andere spielen, und wie gehst du dagegen vor?Suchst du dir dann für jede mögliche Eröffnungsvariante eine so komplizierte Eröffnung aus?Da wirst du mit dem Lernen bald nicht mehr nachkommen...[/QUOTE]Ich habe nicht gesagt, dass ich allgemein immer die kompliziertesten Eröffnungen spiele/lerne, die es gibt. Übrigens ist "kompliziert" subjektiv (ist eine angeblich "leichtere" Eröffnung, die dem Gegner viel Freiheit lässt, wirklich leichter als ein Gambit, bei dem der Gegner teilweise nur einen einzigen guten Zug hat? Und was kann man wirklich leichter lernen?).Und was meinst du mit "mit dem Lernen nicht mehr nachkommen"? Sicher, ich habe ein Problem, wenn ich auf einmal in einer unbekannten Eröffnung bin, aber das wäre ja sogar ein Argument dafür, Eröffnungen zu lernen. Worüber diskutieren wir hier eigentlich? Darüber, wie sinnvoll es war, die von mir vorgestellte Eröffnung zu lernen? Wenn ja, dann ist diese Diskussion sowieso ziemlich sinnlos, da ich die Eröffnung bereits gelernt habe und das weder rückgängig machen kann, noch will. Und ich habe auch nicht vor, mein Eröffnungsrepertoire mit weiteren "schrägen" Gambits zu füllen. Ich kann die, die ich spielen will und werde, und fertig. Für den Rest nehme ich keine Gambits, sondern spiele "normale" Eröffnungen.
Beitrag von hako
[QUOTE=Kiffing;1421]Daher gilt mein Credo: auch Anfänger sollten keine Scheu vor konkreten Eröffnungssystemen haben! Früh übt sich, wer ein Meister werden will! :v:[/QUOTE] Scheu sollte man auf keinen Fall haben vor konkreten Eröffnungssystemen. Ich finde es sogar wichtig, einem so etwas zu zeige, da e so diverse Fallen gibt, die man kennen muss.Es kommt aber auch immer auf den Schüler an. Wenn der gerade mal die Regeln kann und bei jedem zweiten Zug eine Figur einstellt, macht ein spezifisches Training sowieso keinen Sinn.Was ist auch häufig bei solchen Anfängern beobachte, ist, dass sie beispielsweise nicht zurückschlagen. Bevor ich da mit Spanischer Abtauschvariante komme, setzte ich mich lieber mit ihn an ein Brett und spiel mit ihn ein paar Partien und bringe ich dazu, dass er seine Fehler wie einzügig Figur einstellen und nicht zurückschlagen minimiert. Das einzige, was man so einem zeigen sollte (meiner Meinung nach auch muss), ist, welche Figur welchen Wert hat, damit er nicht den nächsten Fehler macht und Dame gegen Läufer tauscht.Wenn wir da angekommen sind, dass er nur noch selten solche Fehler macht, kann man an die Systematik gehen. Einen Bogen um Eröffnungen zu machen halte ich für einen Fehler. Genau so falsch ist es, kein Endspiel zu machen. Macht man nur Eröffnung, kann er nicht Mattsetzen mit 2 Türmen. Zeig ich ihm nur Endspiel, kommt er nicht einmal so weit. Ich bin daher für eine Mischung aus beidem. Einen Tag Eröffnung, einen Tag Endspiel.
Beitrag von Maschendrahtzaun
[QUOTE=ToBeFree;2087]Ich habe nicht gesagt, dass ich allgemein immer die kompliziertesten Eröffnungen spiele/lerne, die es gibt. Übrigens ist "kompliziert" subjektiv (ist eine angeblich "leichtere" Eröffnung, die dem Gegner viel Freiheit lässt, wirklich leichter als ein Gambit, bei dem der Gegner teilweise nur einen einzigen guten Zug hat? Und was kann man wirklich leichter lernen?).[/quote]Eigentlich musst du da mit etwas Stellungsverständnis gar nicht wirklich lernen.Nimm zum Beispiel solche Eröffnungen wie den königsindischen Angriff, in dem du immer das selbe spielst, ganz egal, was dein Gegner macht.Da kommt es dann viel mehr darauf an, dass du die von dir herbeigeführten Mittelspielstrukturen besser verstehst als dein Gegner - mit Auswendiglernen kommst du da nicht weiter.[quote]Darüber, wie sinnvoll es war, die von mir vorgestellte Eröffnung zu lernen? Wenn ja, dann ist diese Diskussion sowieso ziemlich sinnlos, da ich die Eröffnung bereits gelernt habe und das weder rückgängig machen kann, noch will. Und ich habe auch nicht vor, mein Eröffnungsrepertoire mit weiteren "schrägen" Gambits zu füllen. Ich kann die, die ich spielen will und werde, und fertig. Für den Rest nehme ich keine Gambits, sondern spiele "normale" Eröffnungen.[/QUOTE] Meine Güte, ich will dir deine Eröffnung doch nicht ausreden, von mir aus kannst du spielen, was du willst.Ich wollte nur anregen, dass du vielleicht auch mal eine ruhigere Eröffnung ausprobierst und dir die Resultate danach anschaust.Deswegen musst du ja dein altes Gambit nicht vergessen, und wenn es nix ist, kannst du es auch wieder spielen.Dass du hingegen das Gambit schon gelernt hast, halte ich für ein Gerücht.Dann müsstest du ein wirklich enzyklopädisches Schachwissen haben.Ich wette jedenfalls, dass ich bis zum - sagen wir - 7.Zug 5 Züge finde, die spielbar sind, und auf die du trotzdem keine Antwort weißt, und wenn du sie in einer Turnierpartie von einem stärkeren Gegner vorgesetzt bekommst, schnell zusammengeschoben wirst.So etwas könnte dir mit weniger theorieintensiven Eröffnungen nicht passieren.