Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Wie haben die Computer das Schach verändert?“

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Beitrag von Kiffing

Als Garri Kasparov 1991 in einem [URL="http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13490196.html"]Spiegel-Interview[/URL] seine These von vor drei Jahren revidierte, ein Schachcomputer könne nie die Stärke eines Großmeisters besitzen, tat er dies angesichts der „atemberaubenden Entwicklung“ der Computertechnologie in jüngster Zeit. Ein Schlüsselerlebnis für den damaligen Weltmeister, der sich privat viel mit Schachcomputern beschäftigte, war, als der Computer gegen ihn in einem Fünfsteiner einen Gewinn in 76 Zügen ankündigte. Kasparov, davon überwältigt, rief euphorisch aus, er habe Gott gesehen (ebd.). Sechs Jahre später verlor Kasparov bekanntlich in einem aufsehenerregenden Match, das auf sechs Partien angesetzt war, gegen den Computer Deep Blue mit 2,5-3,5. Spätestens seit den 90er Jahren sind Schachcomputer aus dem Training der Profi-Schachspieler kaum noch wegzudenken. Die Frage stellt sich, wie haben die Schachcomputer das Schach verändert. Der russische Landesmeister Alexander Motyljow gab dialektisch auf die Frage zu Protokoll, was er für die schädlichste und beste Entwicklung im modernen Schach halte, bei beiden Fragen den Computer an (Schach, 5/2014, S. 64). Die Antwort trifft den Kern des Problems tatsächlich. Auf der einen Seite verführt der Schachcomputer zur Oberflächlichkeit. Ilja Schneider sprach angesichts des von ihm evozierten Bildes von Engines, die den Schachspieler an die Hand nehmen, sogar von einer [URL="http://www.schachburg.de/threads/1621-Zur-Rolle-der-Engines-bei-%C3%9Cbertragungen-von-Schachturnieren"]Entmündigung[/URL]). Schneider hatte damit zwar die Zuschauer bei Engineübertragungen im Internet im Blick, aber es braucht wenig Phantasie, um diese Verhältnisse auf den Schachspieler bei enginegestütztem Training zu übertragen. Auf der anderen Seite geben die Engines aber auch nützliche Ratschläge. Die Enginevorschläge führen dazu, daß dem trainierenden und analysierenden Schachspieler taktische Schläge, aber auch strategisch interessante Pläne gewahr werden, auf die er sonst nicht gestoßen wäre. Gerade bei strategischen Plänen können die Zugvorschläge der Engine den Schachspieler dazu bringen, sich selbständig die Wertigkeit der Engine-Zugvorschläge klarzumachen und die Ideen dahinter zu verstehen.Wenn über die Veränderungen im Schach durch die Computer gesprochen wird, ist die Aussage, Schach sei seit dem Siegeszug der Engines viel konkreter und korrekter geworden, ein immer wiederkehrendes Argument. Insofern überrascht die Aussage von Alexander Grischuk, dem frischgebackenen Weltranglistendritten. Dieser hatte in einem Interview mit Oleg Bogatov [Hier befand sich ein Link auf die Seite "https://chess24.com/de/lesen/news/grischuk-der-typ-spielt-einfach-gut-schach". Der Link wurde vom Benutzer mit dem Titel "verlauten lassen" versehen. 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Mit Aufkommen der Computer ist klar geworden, dass es in vielen Stellungen mehrere gleichwertige Züge gibt. Egal wie viel Zeit man am Brett oder hinterher überlegt, häufig findet man überhaupt keinen besten Zug. [/QUOTE]Insofern mutet dem Ganzen schon eine gewisse Komik an, daß ausgerechnet die Computer diesen alten Streit, der zu seiner Zeit bereits von Siegbert Tarrasch und seinem großen Rivalen Emanuel Lasker ausgefochten wurde, möglicherweise schon entschieden haben. Während es für Siegbert Tarrasch im Schach immer nur einen einzigen besten Zug gebe, den es aufzuspüren gelte - ein Umstand, u. a. wegen dem der Schachistoriker Dr. Edmund Bruns Tarrasch gar zum Prototypen des "autoritären Wilhelminischen Deutschen" [URL="http://www.schachburg.de/threads/933-Siegbert-Tarrasch-als-Prototyp-des-Wilhelminischen-Deutschen"]erklärte[/URL], war Emanuel Lasker bekanntlich "geistig flexibler" und ging von verschiedenen Möglichkeiten einer Fortsetzung des Kampfes aus, wobei der Schachspieler die Freiheit habe, diese Fortsetzung auf den Typus des Gegners anzupassen, also nicht den stärksten Zug zu wählen, sondern den für den Gegner am unangenehmsten.In diesem Zusammenhang ist durch die wissenschaftliche Zerlegung des Schachs in seine Einzelteile durch Wilhelm Steinitz und seine Mitkämpfer seit der wissenschaftlichen Moderne im Schach viel von "Entzauberung" des Schachs die Rede gewesen, wogegen sich die Neoromantiker um Tschigorin, Spielmann und Boguljubov gewandt hatten, die sich im Schach nicht den neuen positionellen Regeln und "Gesetzmäßigkeiten" beugen wollten. Insofern wiederholt die Geschichte sich, und es ist kein Zufall, daß ausgerechnet der wissenschaftlichste aller Schach-Weltmeister, nämlich Michail Botwinnik, sich in einem solchen Maße für die Schachcomputer interessierte. Ein Blick in die Geschichte zeigt aber auf, daß seit der wissenschaftlichen Revolution im Schach seit Steinitz das Schachspiel in keiner Weise entzaubert, sondern ungemein bereichert wurde. Denn durch diesen Meinungsstreit konnten das Niveau des Schachspiels und seine Möglichkeiten, immer weiter angehoben werden, und zwar ohne die damals befürchtete Verflachung in den "Remistod" des Schachspiels, das zwangsläufig Remis enden würde, würden alle nach den Gesetzmäßigkeiten eines Steinitz´ oder Tarraschs spielen. Von daher ist Schach auf der einen Seite zu komplex, um sich gänzlich in ein Korsett von feststehenden und automatisch angewandten Regeln für jede konkrete Situation pressen zu lassen. Auf der anderen Seite aber konnte das Schach durch die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse profitieren und erschloß sich weitere Anhänger, die weniger vom früher eher spekulativen und ingeniösen Charakter des Schachspiels angezogen wurden als vielmehr von seiner wissenschaftlichen Seite als Spiel des Intellekts. Ein Blick in die Spitzenturniere der heutigen Zeit zeigt also deutlich auf, daß das Schach in keiner Weise auch durch die Computer entzaubert worden ist, noch in den Remistod zu kippen droht. Denn so kampferfüllt wurde noch nie Schach gespielt. Das Zeitalter der Salon-Remisen ist vorbei. Wie seht ihr die Entwicklung des Schachs seit dem Computerzeitalter. In welchem Maß haben die Computer das Schach verändert?

Beitrag von Kampfkeks

Das ist zwar nicht ganz die Antwort auf deine Frage, aber ich kann nur sagen, dass ich mich ohne Computer/Internet niemals so intensiv mit Schach beschäftigt und gespielt hätte, wie jetzt. Ganz im Gegenteil! Und ich vermute, dass es vielen anderen (Amateuren, Hobbyspieler) ebenfalls so geht. So gesehen haben die Computer wahrscheinlich dazu beigetragen, dass Schach von wesentlich mehr Menschen gespielt wird als früher.

Beitrag von zugzwang

Die Entwicklung des Schachs wurde durch den Computer seit Beginn der 90er entscheidend geprägt.Zunächst revolutionierte die Datenbank auf herkömmlichem PC das Informationswesen im Schach, dann traten die immer spielstärkeren Programme ("Ängies") hinzu und veränderten Vorbereitung und Analyse gerade der Weltspitze.Der Amateurspieler erhielt vergleichsweise spottbilligen Zugang zu Schachinformationen, die früher ganze Bibliotheken füllten, entsprechend mehr kosteten und nicht jedem schnell oder überhaupt zugänglich waren.Die Schnelligkeit bei Recherche und Prüfung ist immens angewachsen. Ebenso das neue Partienmaterial.Der Amateur kann seine Zweifel und Fragen in alten und neuen Partien mit Ängie bei recht geringer Fehlerquote im taktischen Bereich selbst beantwortenlassen und entdeckt etliche Lücken und Fehler infrüheren Kommentierungen und Meinungen.Die Spitzenspieler bereiten sich noch wissenschaftlicher und umfangreicher auf ihre Gegner vor und haben gerade bei Repertoirepflege einen Zeitgewinn, der früher Monate und Jahre ausmachte, in wenigen Stunden.Neue Eröffnungen/Spielsysteme können viel schneller erschlossen werden, als früher beim mühsamen Nachspielen und gleichzeitigen Nachdenken aus den Büchern.Das allgemeine Schachwissen hat sich bei den Leuten, die das Spiel intensiv betreiben erheblich gesteigert.Weil zuviel Wissen im menschlichen Denkprozess aber auch negative Folgen haben kann (z. B. Verwechslungen wegen Nuancen), ist die Schachspielstärke der "Schachwelt" im Durchschnitt noch nicht explodiert.Im Endpielbereich sind durch Tablebases weiße Flecken endgültig und abschließend erkundet, wenn auch für den Menschen nicht allgemein und schnell erfaßbar - siehe z.B. L+L gegen S u.ä.Das Fernschach wurde stark verändert. Zwar zählen nach wie vor auch die alten Qualitäten eines Fernschachspielers und sie können auch noch den Unterschied in Titelkämpfen ausmachen, doch tritt ihre Bedeutung hinter den Faktoren beste Ängie, super Hardware und moderne Zentaurprozess-Steuerung zurück.Und vielleicht sind schachliches Wissen und Erfahrungen in ziwschen sogar für mehr Punktverluste als Punktgewinne verantwortlich, weil eben die menschliche Fehlerquote bei allem Genie in der Einzelsituation über eine Mehrzahl von Entscheidungen sich irgendwann negativ auswirken wird (Statistik).Trotzdem denke ich, daß auch im Fernschach der Zentaur mit dem Quentchen menschlichen Esprit der Ängie noch eine Weile die etwas längere Nase zeigen.Aber vermutlich wird sie auch dieses Duell letztlich erfolgreich aussitzen und Spaßbremse spielen.Für den Bereich des Turnierschachs sind Ängie und die bunten Smarties inzwischen zu einer sehr ernsthaften Bedrohung geworden, die den Sport in ein paar Jahren vllt. sogar nachhaltiger beschädigen kann als Doping inden eigenmotorisch aktiveren Beschäftigungen menschlichen Zeitvertreibs.Aktuell zeigt sich die Hilflosigkeit und die Orientierung im Kampf gegen Wettkampfbetrug überdeutlich. Und die Verantwortlichen haben hier eine Aufgabe, die mir schwieriger als die komplexesten Studien oder Mattaufgaben erscheint und genauso viele Fehlerquellen enthält wie eine Schachpartie selbst unter hochklassigen Spielern.Die pampigen Kommentare, den einige (und sicher zu viele!) Schachvoyeure via Internet über die Leistungen der Schachprofis verbreiten, sind da imo das deutlich kleinere und auch weniger unangenehme Problem.Diese Äußerungen werden in ihrer Penetranz von Schachzuschauern gemacht, die selbst im Vergleich zu den Profis einesehr bescheidene eigene Spielstärke haben und dies kaschieren, indem sie sich zu exzessiv über Fehler oder gar nur Ungenauigkeiten der Spitzenspieler mokieren.Kritik, auch scharfe ist immer erlaubt. Wenn sie aber zum Selbstzweck und zur Eigendarstellung und Wichtigtuerei dient, dann wird es unangenehm und peinlich.Aber Fehler machen wir alle, auch in diesem Bereich. Und deshalb sollte ich nicht weiter über die Spezies herziehen, die etwas zu ätzend in Schach-Live-Chat bei Übertragungen rüberkommen. Ignore ist da besser. Vom Negativen zurück zum Positiven.Ich denke, ohne Ängie wären die Geheimnisse im Schlußspiel folgender sehr lebhafter Partie vielleicht erst sehr viel später, wenn überhaupt, entdeckt worden.Selbst mit Konzepten wie "forcing moves" wird der Mensch hier in der Mehrzahl der Versuche scheitern (weil er ja nicht sicher weiß, daß hier etwas drinsteckt). Er wird zwar Ideen finden und etwas versuchen, aber auch häufiger mit falschem Fazit abbrechen.Ein Schachfreund zeigte mir diesen Ausschnitt, den er irgendwo auf einem Schach-Blog erspäht hatte, und merkte zutreffend an, wie "schrecklich" stark und schnell die Ängies - nicht nur Mr. Hou (-Buh), das Kind vom Schloßgespenst - eben taktisch sind.Die Partie zweier asiatischer Jungstars der 2700er-Kategorie wurde kiffingianisch eröffnet und landete in einem großen Tumult.Jeder Ängiedompteur kann sie in der Manege durch den Feuerreifen springen lassen und wird schnell den besonderen Knackpunkt dieser Partie finden. Danach Verblüffung - auch wie logisch und einfach es ist, wenn man die richtigen Ideen kombiniert.Wer als No-Ängie-Akteur nicht nur den Knackpunkt findet, sondern auch zumindest ansatzweise den zu beschreitenden Weg, der ist entweder ein größeres Talent oder ein sehr erfahrener Kombispürhund (Chess-Teckel), auf der Spur von Hertans "Forcing Moves".[Event "Asian Continental Chess Championship"][Site "Ho Chi Minh"][Date "2012.05.12"][EventDate "2012.05.05"][Round "8"][Result "1-0"][White "Ni Hua"][Black "Le Quang Liem"][ECO "B90"][WhiteElo "2673"][BlackElo "2703"][PlyCount "61"]1. e4 c5 2. Nf3 d6 3. d4 cxd4 4. Nxd4 Nf6 5. Nc3 a6 6. Be3 e67. Be2 Qc7 8. g4 b5 9. g5 Nfd7 10. a3 Bb7 11. Qd2 Nc6 12. Nxc6Bxc6 13. f4 Nc5 14. Bf3 Qb7 15. Qd4 e5 16. fxe5 Ne6 17. Qd2dxe5 18. Nd5 Bd6 19. O-O-O O-O 20. h4 a5 21. h5 b4 22. h6 bxa323. b3 Rfc8 24. Nb6 Bb4 25. Qh2 Bxe4 26. hxg7 a2 27. Kb2 a428. c4 axb3 29. g6 h5 30. Qxh5 Ba3+ 31. Kxb3 1-0Hier[url]http://www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1666211[/url]findet sich der Lösungshinweis in den Comments, falls irgendjemand seine Ängie über einer Barack(e) abstürzen sieht und deshalb zu keinem Fortschritt oder Erkenntnisgewinn kommt.

Beitrag von zugzwang

Nachtrag:Die Besprechung des kritischen Partieausschnitts befindet sich wie goggle enthüllt(ja, die Ammies sind in Teilbereichen durchaus ... zu etwas nutze) u.a. beiNiclas Huschenbeth (der macht sich die Ammiesgerade ebenfalls nützlich)[url]http://www.niclas-huschenbeth.de/de/news/11-beitraege/89-stpauli-open-3[/url]Die Entdeckung der Perle schreibt er Makan Rafiee zu.Auch von mir Dank und Anerkennung an Makan Rafiee für diesen Fund(und an meinen anonym bleibenden Schachfreund, der uns dieses Teil kredenzte)