Als Adolf Anderssen in seinem berühmten Zweikampf 1858 in Paris dem neuen Schachkometen Paul Morphy unterlag, wählte er ab seiner dritten Weißpartie den überraschenden Zug 1. a3, der heute für gewöhnlich unter den unregelmäßigen Eröffnungen firmiert, aber gelegentlich nach dem Urheber Anderssen benannt wird. Mit seinem Spanier hatte Anderssen gegen Morphy in diesem Wettkampf kein Glück gehabt und noch keinen Sieg eingefahren. In der letzten Weißpartie wurde er sogar nach allen Regeln der Kunst ausmanövriert. Damals war die Eröffnungstheorie noch nicht so weit, und Paul Morphy verschwendete keine Zeit damit, wegen der frivolen Eröffnungswahl seines Kontrahenten - noch dazu in so einem wichtigen Wettkampf, der als einer der Vorläufer der offiziellen Schachweltmeisterschaften gilt - beleidigt zu sein. Morphy nahm das sportlich und gewann gegen den Gewinner von London 1851 mit 8:3.Mit fortgeschrittener Eröffnungstheorie änderte sich allerdings die Einstellung zu solcherart frivolen Zügen gleich zu Beginn der Partie. Die modernen Vertreter des Schachs waren sehr streng, was die Beurteilung von starken Eröffnungszügen galt, und oftmals geißelten sie sogar ganze Eröffnungen wie Französisch, Caro-Kann oder Skandinavisch, die heute als vollwertig gelten, als minderwertig. Eine solch offensichtliche "Eselei" wie 1. a3 hätten sie einem Großmeisterkollegen wohl nicht verziehen und es evtl. sogar als Verrat gegen den wissenschaftlichen Dienst am Schachspiel und Verstoß gegen die guten Sitten angeprangert.Heute sehen die meisten Schachspieler Eröffnungszüge nicht mehr so dogmatisch wie in dem wissenschaftlichen Zeitalter um Steinitz und Tarrasch, und statt dem Glauben, das Schachspiel vollständig sezieren und wissenschaftlichen Logarithmen unterwerfen zu können, reagieren heute Pragmatismus bis hin zu postmoderner Beliebigkeit. So wie der Glaube an den technischen Fortschritt, der alles zum Guten wende, erloschen ist, ist auch der Glaube erloschen, das Schachspiel als Mensch je durchschauen und beherrschen zu können. So wandeln sich die Zeiten. Hätte ein Spitzenspieler um 1900 herum gegen einen Kollegen mit 1. a3 eröffnet, wäre ein Orkan der Entrüstung auf den Missetäter niedergegangen, Anatoli Karpov fühlte sich nach Tony Miles´ Zug 1. ...a6 auf sein 1. e4 1980 immerhin noch persönlich beleidigt, aber heute, wo die Devise herrscht, ein regulärer Zug kann nicht moralisch oder unmoralisch sein, hätte ein solcher Zug in einem wichtigen Schachkampf zwar große Zweifel und auch Kritik auf den betreffenden Spieler nach sich gezogen, aber sicherlich kein Verdikt um Fragen wie Beleidigung und Moral - zumindest nicht von den GM-Kollegen.Bei Amateurspielern kann dies aber noch anders sein, so wurde Schachfreund Frank Mayer einst mit dem Zug 1. h4 in einer Turnierpartie konfrontiert. Seine [URL="http://www.schachfeld.de/threads/24640-arroganz-schlechte-erziehung-oder-uebles-benehmen"]Antwort[/URL] kann man, je nach Sichtweise, durchaus als heroisch auslegen. Seht selbst:[QUOTE]einmal musste ich bei einem Openturnier gegen den Stadtmeister, auch noch mit den schwarzen Steinen, spielen.Sein erster Zug war h4. “Was tun?” spricht Zeus.Zuerst war ich sprach-, dann rat- und schliesslich wissenlos.Da ich sowieso die Partie nicht gewinnen konnte, war meinerster Gegenzug mit Schwarz: Kd5 und unterschrieb denTurnierzettel mit 1-0 für meinen Gegner.Dieser “glanzvolle” Zug war und war und ist noch heute für michein innerer Reichsparteitag.[/QUOTE]