Schachburg-Archiv: Benutzerthema „Wer ist der aggressivste Spieler der Schachgeschichte?“

schachburg.de

Beitrag von Kiffing

Wen haltet ihr eigentlich, bezogen auf die Pole defensiv und offensiv, für den aggressivsten bzw. den angriffslustigsten Spieler der Schachgeschichte? Ich selbst würde mich hier für einen früheren Spieler entscheiden, weil die zunehmende schachliche Moderne in der Spitze bekanntlich den kompletten Spieler fordert. Früher war dagegen das Spiel der Meister noch urtümlicher und, wenn man so will, "reiner". Ich selbst entscheide mich für den Franzosen Alexandre Deschapelles, weil der schon von seinem Wesen als Soldat und Draufgänger her höchst aggressiv war und sich auch auffallend verächtlich über das Positionsspiel, mit dem ein Philidor noch die Schachspieler vertraut machen konnte, äußerte, das er schon aus Prinzip nicht anwandte. Dies trennt ihn z. B. von einem anderen Angriffskünstler, etwa von der Personifikation der schachlichen Wildromantik, Adolf Anderssen, der durchaus Ansätze positioneller Ideen beherrschte und gegenüber dem jungen Steinitz den klassischen Positionsspieler Louis Paulsen in Schutz nahm. Ich würde sagen, im Vergleich zu Anderssen steht Deschapelles auf der Achse defensiv und offensiv nochmal um ein gutes Stück weiter rechts. Er ist ein echtes Extrembeispiel. Wie denkt ihr darüber?

Beitrag von ruf012

Was bedeutet aggressiv, etwa Überschreitung eigener Grenzen.Wie kommt es zu dieser Spielweise, dieser Lebensweise.Ist diese Eigenschaft von den Zügen am Brett ablesbar, oder bekommen das auch andere Beteiligte zu spüren.Ist es Gratisalkohol, um dem Gegenüber etwas an Spielstärke nehmen,die Ablage von Rauchwaren am Spieltisch gegenüber einem Nichtraucher.Sind es Forderungen an Veranstalter nach mehr Honarar,einer anderen Raumgestaltung des Spiellokals.Wie überträgt es sich auf andere Gebiete,auf sprachliche Motive, auf Reitstil, derzeit Fahrstil.Wie wirkt dieses überlastende Verhalten eigener Möglichkeitenlangfristig auf diejenigen selbst,die sich mit solche Methoden zunächst durchgesetzt zu haben scheinen. Ist es nicht erfreulicher, auf dem Brett mit Nachgiebigkeit auf Gegenüberren einzugehen,und erst auf aggressives Verhalten von dort, entsprechend zu reagieren.Das bringt nicht soviele Zuschauer, schont aber Nervenkraft.Ist auch ausserhalb vom Spiel zu empfehlen.

Beitrag von Zapp Brannigan

Macht es wirklich sinn, spieler wie Deschapelles und Diemer, welche heute maximal FM-spielstärke hätten (und da bin ich noch nett) mit spielern eines total anderen kalibers wie WM Tal zu vergleichen?Mein grossvater ist der meinung, bauern stehen nur im weg und opfert alle weg. Vielleicht ist er ja der aggressivste spieler aller zeiten? Hat aber wohl nur knapp 1000 elo...von den WMs war wohl Tal der agressivste. Bei den heutigen GMs scheinen z.bsp. Judith Polgar, Topalov, Nakamura und Shirov sehr aggresiv zu sein. Aber um heute 2700 elo erreichen zu können braucht man ein auch ein unglaublich gutes positions-verständnis, von dem her sind das spieler, welche zwar mehr risiko eingehen als z.bsp. Leko oder Kramink, aber durchaus auch positionelles schach spielen wenn es sein muss

Beitrag von Kiffing

@Lestat: mit der Fragestellung möchte ich natürlich nicht Hobbyspieler miteinbeziehen, sondern mich nur auf tatsächliche Meister beschränken, mit einer entsprechend ausgereiften Philosophie. Daß ich dies epochenübergreifend mache, kann man natürlich kritisieren. Ich persönlich finde aber, daß es interessanter ist, die Schachgeschichte, gerade was eine so allgemeine Fragestellung angeht, als Ganzes zu betrachten und nicht fragmentarisch. :)

Beitrag von Birliban

Schwer zu sagen, wer der aggressivste Spieler war. Ein bißchen liegt es wohl auch im Auge des Betrachters, wie man also subjektiv für sich einen aggressiven Spielstil definiert.Gemessen am Erfolg, könnte ich mich durchaus auch damit anfreunden, z.B. Bobby Fischer oder Magnus Carlsen als aggressivste Spieler zu definieren. Auch weil ihr Spielstil durchsetzt ist mit einer Subtilität, die den Wirkungsgrad ihrer Züge derart verdichtet, daß es einer Detonation mit Zeitzünder gleicht: Plötzlich fällt die gegnerische Stellung einfach in sich zusammen, ohne daß man genau sagen könnte, was der Gegner eigentlich falsch gemacht hat.Was ist ein aggressiver Spielstil? Wenn man in jeder Partie den Gegner anspringt und ein paar Figuren opfert? Möglich. Aber auch die Summe vieler unscheinbarer Züge gehört zu einem aggressiven Spielstil. Die elementare Kraft eines Zuges als solches. Und letztlich die Summe vieler kraftvoller Züge. Plötzlich steht der Gegner unter Druck und fühlt sich nicht mehr wohl in seiner Stellung – sicheres Anzeichen dafür, daß ihm jemand gegenüber sitzt, der einen kraftvollen, also aggressiven Spielstil pflegt. Oder war Alexander Aljechin oder Anatoli Karpov der aggressivste Spieler? Keine Ahnung. Ich lege mich einfach mal auf Garry Kasparov fest, wohlwissend, daß es nicht die letzte Wahrheit ist und noch 20 oder 30 andere Namen genannt werden könnten und sollten.Aber angesichts des jüngsten Schaukampfes zwischen Kasparov und Short, ist meine Freude noch so groß darüber, weil Kasparov das Großmaul Short mit 8,5 : 1,5 Punkten vom Brett gefegt hat, daß ich einfach nicht umhin kann, Kasparov mit auf die Liste der aggressivsten Spieler zu setzen. Mehr noch war es eigentlich Schadenfreude, die ich angesichts der Niederlage von Short empfand. Denn nun hat er Gelegenheit, vielleicht mal einen Essay über sein eigenes (zu kleines) Gehirn zu veröffentlichen. :D

Beitrag von ruf012

Sind in beiden Umfragen genug Namen genannt,wäre eine weitere Untersuchung interessant. Wie wirkt Turnierschachauf die Gesundheit der Beteiligten,auf das erlebtes Alter der Spielren,auf deren Zeitrahmen für Turnierschach.Grundsätzlich aggressives Verhalten stellt vermutlich eine anderere geistige und damit körperliche Belastung dar,als defensives. Welche Beschwerden treten jeweils häufig auf.Antworten darauf könnten die Auswahl der Züge mehr beeinflussen,als nur spielerische Überlegungen.